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03. Juni 2013

Heilendes Klebeband für den Energiefluss

Ohne die traditionelle chinesische Medizin gäbe es keine Medi-Tapes: Was es mit den Meridianen auf sich hat und in welchen Fällen die Tapes nützen können.

Wissenschaftlich erwiesen ist der Nutzen fast aller Behandlungsansätze mit Wurzeln in der traditionellen chinesischen Medizin (abgekürzt TCM) letztlich nicht. Die seit Jahrzehnten bekannteste Methode ist die Akupunktur. Sie gilt nach einigen vergleichenden Studien als durchaus wirksam, wenn auch nicht (wesentlich) stärker als eine Placebobehandlung. Dazu kommt, dass auch eine positive Wirkung der Akupunktur die Existenz eines bestimmten Energieflusses, der sogenannten Meridiane oder anderer Grundvoraussetzungen der chinesischen Medizin, nicht bestätigen kann. Die Behandlungen riefen nämlich an den für die TCM neuralgischeren Körperzonen keine stärkere Reaktion hervor als anderswo.

Medi-Tapes beim Speerwerfer
Medi-Tapes beim Speerwerfer. (Bild Keystone)

Bei den Medi-Tapes, in Europa erst in den letzten Jahren immer häufiger von Physiotherapeuten und teils Allgemeinmedizinern eingesetzt, schwören viele Behandelnde und Behandelte auf die stabilisierende Wirkung. Speziell, um Gelenke oder teils auch Bänder nach Verletzungen einerseits zu schonen und den zielgerichteten Bewegungsablauf zu unterstützen. Allerdings schwören etliche Profi- wie auch Amateursportler, selbst ohne vorangegangene Verletzungen oder Regeneration, auf die Tapes. Gerade bei Sportarten mit dem immer gleichen Bewegungsmuster und deshalb hohen Belastungen auf wenigen Gelenkpartien und Muskeln – zum Beispiel technische Disziplinen in der Leichtathletik – sind sie verbreitet.
Doch auch im Ausdauerbereich sieht man sie öfters oder gar beim einen oder anderen Fussballstar. Berühmt sind etwa jene auf dem muskulösen Rücken von Italostürmer Balotelli, die er zeigte, als er sich nach dem zweiten Tor im EM-Halbfinal gegen Deutschland des Trikots entledigte. Diese Träger von Tapes setzen nebst der Gelenkstützung, der verbesserten Schmerzdämpfung oder der Reduktion von Druck auf Gewebe respektive aufs Lymphsystem auch auf eine generelle Verbesserung der Muskelfunktionen, dies im Sinn einer Konzentration.

Die 12 Kanäle des menschlichen Körpers
Der Grundgedanke der traditionellen chinesischen Medizin liegt in der Idee, dass die Lebensenergie (chinesisch Qi oder Ying Qi) den Körper durch bestimmte Kanäle durchströmt und dass diese Energie möglichst ungehindert fliessen respektive der ungestörte Energiefluss durch Heilungsprozesse wiederhergestellt werden soll. Die wichtigsten Kanäle sind die 12 Hauptmeridiane (Jing Mai), welche die wichtigsten «Organe» (Zang Fu bezeichnet mehr als Herz, Lunge oder Leber) verbinden. Nach den Vorstellungen der TCM soll die Energie in einem Tag einen kompletten Kreislauf absolvieren.

Neben den Hauptmeridianen kennt das alte chinesische Körperverständnis für seinen Kreislauf noch «Verbindungskanäle», «ausserordentliche Gefässe», «Sondermeridiane», «Wasserbahnen» oder «Leitbahnsehnen». Die 12 wichtigsten Kanäle wiederum werden zum einen in Yin-Meridiane, die von den Zehen zum «Stamm» und von dort zu den Fingern verlaufen, und zum andern in Yang-Meridiane (Finger – Gesicht – Zehen) unterteilt.
Weitere Therapien im Zusammenhang mit der TCM sind neben der Tapes und den Akupunkturformen zum Beispiel die Akupressur (Drücken, nicht Stechen), Shiatsu- oder Tuina-Massagen oder eine spezifische Form des Schröpfens.

Von Ödem bis zu Rückenschmerzen
Anhänger vertrauen nicht bloss nach Gelenkverletzungen, wie im Beispiel aus dem Migros-Magazin vom 3. Juni 2013, auf die stützende und entlastende Wirkung der Medi-Tapes. Bei etlichen weiteren gesundheitlichen Problemen, teils auch chronischen Schmerzen oder gar Störungen im Nervensystem wird den Bändern lindernder Einfluss zugeschrieben.
Hier finden Sie die Übersicht über mögliche Einsatzgebiete mit zwei einschränkenden Bemerkungen:

1. Auch überzeugte Tape-Anwender gehen nur in wenigen Fällen davon aus, dass allein die Bänder als Therapie Schäden beheben oder stark mindern können. Zumeist gelangen sie als zweites oder drittes Behandlungsmittel zum Einsatz.

2. Bei ernsteren Erkrankungen, Verletzungen oder chronischen Gesundheitsproblemen sollte die Behandlung nur nach der Diagnose und in Absprache mit einem kompetenten Allgemeinmediziner gewählt werden. Im Weiteren sollte mindestens zu Beginn ein(e) Tape-erfahrene(r) Physiotherapeut(in) aufgesucht werden.
A) Gelenkschmerzen wie verschiedene Arthroseformen, Tennis- oder Golfellenbogen, Distorsionen
B) Rückenschmerzen von der Atlasblockade über WS-Syndrom bis zur Osteoporose
C) Muskelbeschwerden wie Faserrisse, häufige Krampferscheinungen, auch Rheuma
D) Nervenverletzungen, etwa bei Begleiterscheinungen von Restless Legs
E) Kopfschmerzen, zum Beispiel bei Spannungskopfschmerz oder Migräne
F) Gewebeschmerzen wie etwa bei Lymphödemen oder auch Thrombophlebitiden

Autor: Reto Meisser