Archiv
04. Juli 2016

Die heilende Kraft der Natur

Wenn andere zu Antibiotika greifen, geht Lisetta Loretz Crameri in ihren Garten und holt sich dort das passende Mittel. Ihr Wissen gibt die Kräuterfrau in Kursen weiter. Mit ihrer Überzeugung eckt sie zuweilen auch an.

Die Malve ist nur eine von unzähligen Pflanzen im Garten von Lisetta Loretz Crameri.
Die Malve ist nur eine von unzähligen Pflanzen im Garten von Lisetta Loretz Crameri.

Betritt man die Welt von Lisetta Loretz Crameri (64), passiert das, was man Entschleunigung nennt: Sie begrüsst einen mit einem festen Händedruck und einem Stück Rhabarberkuchen, und verabschiedet einen mit einer Um­armung und einem Gläs­chen Harzbalsam – der Tannenharz­extrakt ist ein Allzweckmittel bei Hautbeschwerden. Von ihrem Haus, einem zweistöckigen Holzbau im aargauischen Brunegg, führt ein Weg direkt in den Wald hoch zum Schloss Brunegg.

Lange hält sie es drinnen nicht aus. Ihr Reich ist der rund 30 Quadratmeter grosse Kräutergarten. In dessen Mitte befindet sich ein Teich mit Seerosen, Goldfischen und Libellen. Ab und zu schaut eine Nachbarin für einen Schwatz über den Gartenzaun. «Es ist alles da, was man braucht», sagt Loretz Crameri und spaziert einmal quer durch ihre Naturapotheke.

Kurse in Pflanzenheilkunde
Die Kräuterfrau bietet schon seit über 20 Jahren Kurse in Pflanzenheilkunde an.

Die Kräuterfrau bietet schon seit über 20 Jahren Kurse in Pflanzenheilkunde an.

Die Nachtkerze soll gegen ADS wirksam sein, die gepressten Beinwellblätter heilen verstauchte Rippen, Lavendel und Zitronenmelisse helfen beim Einschlafen. Der Schwarzkümmel kommt in den Salat, der Saft des Aloe-Vera-ähnlichen Hauswurz auf die Haut, ein paar Blätter Salbei bei Halsweh über Nacht hinten in die Backen. Die bitteren Artischockenblätter unterstützen die Leber, schmecken aber nicht besonders, die Erdbeeren und Himbeeren, die daneben im kleinen Biogarten wachsen, dafür sehr.

Nimmt man den Weg vom Haus in den Wald, findet man Schöllkraut und Knoblauch­rauke – die Milch der Pflanzen hilft gegen Warzen.

Wann ist Lisetta Loretz Crameri zuletzt krank gewesen? «Ich war, bin und bleibe gesund», sagt sie mit gelassener Stimme, und ihre ruhigen blauen Augen leuchten dabei.

Ein Erbstück aus der Kindheit

Ihr Wissen hat die 64-Jährige von zu Hause mitgebracht, dem sagenumwobenen Maderanertal im Kanton Uri: «Die Menschen dort hatten alle so viele Kinder, zehn, zwanzig, da hatte niemand Geld. Man hat genommen, was da war.» Die wundheilende Ringelblumensalbe etwa war in jedem Haushalt zu finden. Wenn man Ohrenschmerzen hatte, gabs einen Zwiebelwickel, bei Halsweh einen Wickel mit Kartoffeln, bei Fieber Essigsocken und bei Bauchschmerzen ein paar Tropfen Enzianschnaps. Zum Doktor sei man erst gegangen, «wenn man schon fast gestorben war».

Sie sei «ein furchtbares Heimwehkind», sagt Loretz Crameri. Von ihren sieben Geschwistern seien fünf im Tal geblieben. Sie selbst verliess die Heimat für die Liebe und ein Kind, das sie gebar, als sie 18 war. Ihre Mutter hatte ihr nicht erlaubt, so früh zu heiraten. So musste das junge Paar entweder in den Aargau oder nach Basel um­ziehen – in den anderen Kantonen war das Zusammenleben in wilder Ehe damals noch verboten.

Es folgten zwei weitere Kinder und glückliche Jahre. Seit 32 Jahren teilt sie nun ihr Leben mit Bruno Crameri, den sie schmunzelnd als ihren Gegenpol beschreibt: «Er ist ein unheimlicher Perfektionist und eher maschinen- statt naturorientiert.»

In ihrem Kräuterkurs lernt man als Erstes, dass man sich vor giftigen Pflanzen nicht fürchten muss und dass man sich mit nur wenig Aufwand und den passenden Kräutern aus der Natur selbst heilen kann. Man müsse nur genau hinschauen, wo sie wachsen, sagt die Kräuterfrau.

Herzbalsam aus Tannenharz, Olivenöl und Bienenwachs
In einem Schuppen stellt Lisetta Loretz Crameri aus Tannenharz, Olivenöl und Bienenwachs einen Harzbalsam her.

In einem Schuppen stellt Lisetta Loretz Crameri aus Tannenharz, Olivenöl und Bienenwachs einen Harzbalsam her.

«Natur bedeutet für mich Leben», betont Lisetta Loretz Crameri, die am modernen Lebenswandel vieles zu bemängeln hat. Ein Dorn im Auge sind ihr Lebensmittel, die auf langen Transportwegen all ihre Nährstoffe verlieren, unnötiges häufiges Duschen «und überhaupt der ganze Stress heutzutage».

Krankheiten wie die Schuppenflechte, also eine Verhornung der Haut, seien darum immer mehr verbreitet: «Das hat auch eine psychologische Bedeutung. Heute starren ja alle nur noch auf ihr Telefon. So kapselt sich nicht nur die Seele ab, sondern auch der Körper. Viele behandeln die Schuppenflechte mit Chemie bis zum Gehtnichtmehr, obwohl viele chemische Wirkstoffe sehr umstritten sind.»

Hätte Lisetta Loretz Crameri bereits früher über ihr heutiges Wissen verfügt, hätte sie einiges anders gemacht: «Zum Beispiel würde ich meine Kinder nicht mehr impfen. Das finden viele verantwortungslos. Auch dass ich einen Hundebiss selber heile, verstehen viele nicht. Jeder hat mich ins Spital schicken wollen und warnte vor Blutvergiftung und Wundstarrkrampf.»

Dabei ist Loretz Crameri davon überzeugt, dass es anders geht: Mit einer erfahrenen Homöopathin an der Seite, der regelmässigen Einnahme von Eisenglobuli, dem Einreiben von Harzbalsam und viel Trinken, damit das Gift ausgeschwemmt wird. «Das darf man aber nur tun, wenn man sich auskennt», warnt sie.

Ihr Wissen teilt Lisetta Loretz Crameri gern, vor allem mit jungen Müttern, die ihren Kindern nicht immer noch mehr Antibiotika geben wollen. In den Kursen seien Frauen in der Überzahl, doch auch weniger naturverbundene Herren zeigten Interesse an ihrer Kräuterkunde.

Sie erzählt: «Vor zwei Jahren in der Innerschweiz kam ein stämmiger Mann herein, sah die Frauen und rief erschrocken: ‹Oh, nein! Nur ­Weiber! Da geh ich gleich wieder.› Die Kräuterfrau überredete ihn zu bleiben – mit nachhaltigem Erfolg: «Er fragt mich noch ­heute regelmässig um Rat.»

Autor: Anne-Sophie Keller

Fotograf: Mara Truog