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27. August 2012

«Manchmal sind unsere Diskussionen so heftig, dass unsere Kinder fragen, ob wir uns jetzt dann scheiden lassen»

Edward und Margaret Flaherty wohnen seit 18 Jahren in der Schweiz. In Sachen Politik sind sie allerdings nicht gleicher Meinung. Die politische Spannung in der Beziehung sorge für eine stete Dynamik und intellektuelle Stimulation, sagt Demokratin Margaret Flaherty.

Edward und Margaret Flaherty
Edward und Margaret Flaherty wohnen seit 18 Jahren in der Schweiz.

Edward und Margaret Flaherty, wohnhaft in Genf, 53 und 51 Jahre alt, von Boston, seit 18 Jahren in der Schweiz.
Er ist Partner in einer Genfer Anwaltskanzlei und Co-Präsident der Republicans Abroad Switzerland (RAS), seine Gattin Geschäftsführerin des World Business Council of Sustainable Development und überzeugte Demokratin. «Manchmal sind unsere Diskussionen so heftig, dass unsere Kinder uns besorgt anschauen und fragen, ob wir uns jetzt dann scheiden lassen», sagt Margaret Flaherty und lacht laut und herzlich. Aber das Paar ist seit 22 Jahren verheiratet, trotz der starken politischen Differenzen. «Wir wussten von Anfang an, worauf wir uns einlassen», erzählt Margaret, «allerdings hat er mir nicht gleich alles gestanden. Dass er auch Mitglied bei der NRA ist, habe ich erst nach der Hochzeit rausgefunden.» Die National Rifle Association (NRA) ist die Speerspitze der ultrakonservativen US-Waffenlobby.

Die politische Spannung in der Beziehung sorge für eine stete Dynamik und intellektuelle Stimulation, sagt die Demokratin. «Ich sorge dafür, dass er nicht zu denkfaul wird. Republikaner schiessen gerne aus der Hüfte, während Demokraten sich eher um die Fakten kümmern.»

Margaret betont, sie sei pro Business und kein Öko-Freak. Aber anders als ihr Gatte, der im November für Mitt Romney stimmen wird, gilt ihre Unterstützung Barack Obama. «Er hat seine Amtszeit unter sehr schwierigen Bedingungen angetreten und musste aufräumen, was die vorhergehende republikanische Administration angerichtet hat. Angesichts dessen hat er einen guten Job gemacht.» Sie hätte sich etwas mehr Einsatz für Umweltanliegen gewünscht, ist ansonsten aber zufrieden und gibt Obama gute Chancen für die Wiederwahl im November.

Ihr Mann Ed glaubt dasselbe für Mitt Romney. Er ist seit 15 Jahren bei den RAS, seit zwei Jahren als Co-Präsident. Die Organisation betreibt in der Schweiz keinen Wahlkampf, sie versucht lediglich, möglichst vielen Amerikanern in der Schweiz dabei zu helfen, sich an ihrem letzten US-Wohnort zu registrieren, damit sie am 6. November wählen können. «Noch vor zehn Jahren war das Registrierungsverfahren extrem umständlich, und am Ende bekam man die Wahlunterlagen oder auch nicht. Heute läuft alles online und viel besser.» Wer sich registriert, bekommt die Stimmzettel per Post und schickt diese ausgefüllt zurück. «Und dann wird die Stimme dort gezählt, hoffen wir zumindest», sagt Flaherty und lacht. Niemand weiss genau, wie viele Amerikaner in der Schweiz tatsächlich wählen und für wen, entsprechende Statistiken existieren nicht. Aber im September organisieren die RAS in Genf einen grossen Wählerregistrierungsanlass und hoffen auf regen Zulauf.

Flaherty sieht sich nicht als dogmatischen Republikaner, eher als Libertarier, der den Einfluss von Staat und Regierung begrenzen möchte. «Mir geht es um individuelle Freiheit, aber ich bin nicht sicher, ob es diesbezüglich einen grossen Unterschied macht, wer im Herbst gewinnt.» Dennoch wird er für Romney stimmen, «weil er den Werten näher steht, die mir wichtig sind». Von den republikanischen Präsidentschaftskandidaten, die für 2012 angetreten sind, ist Romney seiner Ansicht nach der Einzige, der gegen Obama eine Chance hat.

Was Flaherty wirklich Sorgen macht, ist der zunehmend aggressive Ton zwischen Republikanern und Demokraten in den USA. «Ich fürchte, dass diese Polarisierung nur noch schlimmer wird. Die Differenzen verstärken sich, je mehr der Einfluss des Staats wächst.» Wenn er etwas von der Schweiz für die USA übernehmen würde, dann die direkte Demokratie mit ihren Referenden. «Und: Schweizer sind Diplomaten, der politische Diskurs ist sehr viel zivilisierter.»

Fotograf: Nicolas Righetti / Rezo