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30. Januar 2017

Hautfarbe? Nicht wichtig

Würstebraten an der Feuerstelle
Für die Wurst ist es wurst, welche Hautfarbe der Grilleur hat.

«Welche Hautfarbe hat sie?» Meine Frage kam sekundenschnell, ehe ich überlegen konnte, und ich hätte mich gleich dafür ohrfeigen können. Aber rausgerutscht war sie. Unser Sohn, noch nicht dreijährig, hatte mir soeben erzählt, er habe eine neue Freundin gefunden, in der Kinderkrippe. Und um herauszufinden, um welches ­kleine Mädchen es sich handeln könnte, stellte ich halt die Frage – die so abwegig nicht war, denn die Grosseltern und Eltern all der Kinder an besagter Krippe in der Vorstadt stammten aus Ghana, Nigeria, Chile, Brasilien … – aus allen möglichen Ländern. Viele Kinder hatten eine dunkle Hautfarbe. Dennoch hätte ich mir auf die Zunge beissen können vor Gram, ausgerechnet dies gefragt zu haben: «Welche Hautfarbe hat sie»?

Bänz Friedli (51)
Bänz Friedli (51) hätte sich auf die Zunge beissen können.

Umso frappanter die Antwort unseres kleinen Hans. Er knabberte an einem Rüebli, legte den Kopf ein wenig schräg, sagte dann: «Ähm … ich weiss es nicht. Weisst du, die mit der lustigen Frisur!» Nun wusste ich: Es war Awurabena, das unglaublich herzige kleine Mädchen, dessen Haare stets, mit Bastelperlen durchsetzt, zu kunstvollen Zöpfchen geflochten waren. Ihre Hautfarbe war schwarz. Aber für meinen Sohn spielte das keine Rolle. Schön wäre es, wüchse eine Generation heran, für die die Hautfarbe keine Rolle mehr spielt, dachte ich mir an jenem Abend. Es war vor 14 Jahren. Kurz darauf, wir kauften für seinen dritten Geburtstag ein und hatten einige seiner Gspänli zum Bräteln eingeladen, ermahnte er mich im «Lilien-Markt» mit seiner drolligen Kleinkinderstimme, aber resolut: «Muesch de no Gflügelbratwürscht choufe!» Ich musste was?! Geflügelbratwürste kaufen. «Weil, weisst, der Abdurrhaman von der Krippe darf kein Söilifleisch ­essen und die Ranika keine Kuh. ‹Weisch›, weil denen ihr Liebgott irgendwie ein ­bisschen anders ist als unserer, aber irgendwie doch derselbe.»

So einfach war das. Wenn das bloss endlich alle begreifen würden: all diejenigen – Kirch­gänger und Moscheebesucher –, die ­ihren Gott für den einzig wahren halten.Was die kleine Awurabena an dem Geburtstagsfest gegessen hat? Es ist nicht so wichtig.

Was mag aus ihr geworden sein? Und aus all den anderen Mädchen aus der Kinderkrippe «Teddybär»? Sie werden irgendwo im Grossraum Zürich verstreut sein. Ganz normale junge Frauen, hier aufgewachsen. Eine verkauft vielleicht Fleisch in Schwamendingen, eine besucht das Gymnasium in Oerlikon, eine berät Kunden in Stettbach, ich weiss es nicht. Ich weiss nur: Keine von ihnen trägt eine Burka, keine einzige.

Bänz Friedli live: 4. 2., Jona SG

Die aktuelle Bänz-Friedli-Hörkolumne, gelesen vom Autor (MP3)
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Website: www.baenzfriedli.ch

Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli