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17. September 2012

«Hauruck-Aktionen bringen nicht viel»

In der Schweiz herrscht ein akuter Mangel an Spenderorganen. Soll das Organspenden obligatorisch werden? Sinnvoller sei es, die Bevölkerung aufzuklären, findet Franz Immer von Swisstransplant. Online der Artikel, der den Anlass zum Interview lieferte.

Ausschnitt der Zeitungsmedlung von 20 Minuten
Krankenkasse verlangt Systemwechsel: Nur wer ausdrücklich Nein sagt, spendet keine Organe (20min.ch, 5.9.2012).

1. Franz Immer, die Krankenkasse Assura verlangt, dass jeder ein Organspender sein soll, ausser er weigert sich ausdrücklich. Und auch das Bundesamt für Gesundheit erwägt eine solche Lösung. Ist das nicht ein massiver Eingriff in das Recht auf Selbstbestimmung?

Eine Organspende muss freiwillig und unentgeltlich stattfinden, das ist unbestritten. Die sogenannte Widerspruchslösung, die neben der Krankenkasse auch Politiker fordern, bedingt, dass sich die Bevölkerung mit dem Thema auseinandersetzt. Nur wer sensibilisiert ist, ist sich seines Widerspruchsrechts bewusst. In der Schweiz haben sich aber über 40 Prozent der Bevölkerung nie mit dem Thema Organspende beschäftigt. Die aktuelle Kampagne des Bundes und weitere Aktionen wollen dem entgegenwirken.

Franz Immer
Franz Immer (45), Direktor der Schweizerischen Nationalen 
Stiftung für 
Organspende und Transplantation

2. Wie drastisch ist der Mangel an Organen überhaupt?

Er ist drastisch. Rund 100 Menschen sterben jedes Jahr, weil sie nicht rechtzeitig ein Organ erhalten. Bereits 50 bis 100 weitere Spender pro Jahr würden das Problem massiv entschärfen.

3. In der Schweiz werden im Vergleich mit der Bevölkerungszahl sehr viel weniger Organe gespendet als im Ausland. Weshalb ist das so?

Das liegt, abgesehen von regionalen Unterschieden in der Zustimmung zur Organspende, vor allem auch an fehlenden Kenntnissen und Ressourcen in einzelnen Notfall- und Intensivstationen.

4. Weshalb haben so viele Menschen Vorbehalte gegenüber der Organspende?

Am häufigsten steht dahinter die Angst, man sei noch nicht tot oder würde nicht gleich gut medizinisch behandelt. Hier kann ich nur versichern: Organspende ist nie ein Thema, wenn Chance auf Rettung besteht. Viele haben auch religiöse Argumente, obwohl die grossen Weltreligionen die Organspende befürworten.

5. Wie könnte man das Organspenden einfacher und attraktiver machen?

Es wurden schon alle möglichen Modelle in Betracht gezogen, etwa eine Prämienverbilligung für Spendenwillige. Auch eine Art Klub wurde erwogen: Nur wer Spender ist, hat selbst das Recht auf eine Spende. Beides ist ethisch nicht vertretbar. Welche Lösung auch immer wir finden − Hauruck-Aktionen bringen nicht viel. Sinnvoller und wirksamer ist eine offene Diskussion über das Thema in dem Sinne, dass sich jeder für oder gegen eine Spende entscheidet und diesen Entscheid seinen nächsten Angehörigen mitteilt. Organspende rettet Leben und ist bis ins hohe Alter möglich.


Neue Widerspruchslösung?
Der Artikel auf 20min.ch vom 5. September 2012 zum neuen Vorstoss der Krankenkassen

Autor: Andrea Fischer Schulthess