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28. Juli 2014

Hauptsache abwaschbar

Essen macht auch im Kindersitzli Spass
Essen macht auch im Kindersitzli Spass – der Mama das folgende Putzen auch? (Bild Getty Images)

Ich mache es nur ein Mal im Jahr. Höchstens. Und dann auch nur, wenn es sich absolut nicht vermeiden lässt. (Zum Beispiel, weil mein Mann bühnenreif einen Bandscheibenvorfall vortäuscht.) Dann opfere ich mich und fahre mit unserem Familienauto zu einer dieser gigantischen Staubsaugeranlagen, die meist an Tankstellen angegliedert sind. Bevor ich mich mit einem meterlangen Turborüssel bewaffne, wechsle ich mindestens 43 Franken in Staubsaugerjetons um. Dann nehme ich allen Mut zusammen, halte den Saugschlauch wie eine Lanze vor mich – und reite in die Schlacht. Okay, eigentlich tauche ich nur mit dem Kopf voran in die Eingeweide unserer Familienkarre, aber es fühlt sich wie bei «Braveheart» an. Hardcore, Baby!

Das knirschende Säuseln, das der Staubsauger macht, wenn ich die Tonne Spielsand vorm Rohr habe, ist nicht das Problem. Aber dann geht es los mit diesen verstörenden Fupp-Geräuschen. Fupp. Das war das alte Drache-Kokosnuss-Pflaster. Fupp. Das war ein alter Pfirsichstein. Fupp-fupp. Huch, da war ja noch einer ... merkwürdig. Dann kommt der knifflige Part. In der Ritze zwischen Beifahrersitz und Gangschaltung liegen vermutlich die sterblichen Überreste eines Chicken Nuggets. Das Fupp tönt dieses Mal eher nach einem Fussssss, denn der Bissen leistet noch etwas Widerstand, bevor der Industriestaubsauger siegt.

Fobbbb. Das war etwas Hartes. Hoffentlich nicht der Ohrring, den ich schon monatelang vermisse. Nein, dem Abgangsgeräusch nach zu urteilen eher ein «Piratenschatz» (gemeinhin: Stein) – Ida findet andauernd «Edelmetall» im Erdreich. Selbstverständlich bringen wir alle diese Preziosen von unseren Ausflügen mit – und vergessen den Rotz dann im Auto. Gut, gibt es die Vakuum-Mom, die mit ihrem Zauberschlauch allen Unrat wegrüsselt.

Besonders viel Mühe gebe ich mir jeweils mit den Polstern. Eigentlich sind die anthrazitfarben, aber hinten, in der Holzklasse, changiert die Farbe eher ins Graubeige. Ich sage Ihnen: Das kommt vom Puderzucker oder vom Mehl, der oder das wahlweise von den Berlinern oder Brötchen rieselt, die Ida und Eva zwischen Zürich und Winterthur verspeisen. Jaha, im Auto. Mein Schwiegervater (ein Herr, der samstags viel Zeit in seinem Wagen verbringt) wechselt jedes Mal die Gesichtsfarbe, wenn er ein Stück in unserem Van mitfahren muss. Wenn er könnte, würde er den Beifahrersitz immer erst mit Weihwasser besprenkeln und anschliessend mit Folie auslegen. Oder einen Handtaschen-Dyson aus dem Hosensack ziehen, um schnell mal die gröbsten Brocken wegzusaugen …
Aber ich erlaube das nicht. Wer Zeit mit uns verbringen will, der muss uns so nehmen, wie wir sind: als Fahrzeug-Messies. All die Schonbezüge und Kein-Essen-an-Bord-Regeln sind bei uns bereits wenige Monate nach Idas Ankunft über Bord gegangen. Als Mutter lernte ich eine Lektion besonders schnell: Man muss nicht in jeder Schlacht mitkämpfen. Unsere Familienkarre ist ein Gebrauchsgegenstand. Hier darf gekrümelt, getröpfelt und (heimlich) gepopelt werden. Hin und wieder pinkelt ein Kind auch in seinen Sitz – oder kotzt in die Ablage der Tür. Solange alles einigermassen abwaschbar ist, bleibe ich gelassen.

Ich vermute übrigens, dass uns der Puderzucker irgendwann noch in grosse Schwierigkeiten bringen wird. Der Zöllner am Grenzübergang Konstanz guckte neulich sehr kritisch auf das weisse Pulver. Als er sah, dass die Kinder ebenfalls damit bestäubt waren, lösten sich seine angespannten Züge ein wenig.

Ach, ja, und falls Sie nun befürchten, wir würden unser gut gebrauchtes Fahrzeug (die rollende Müllhalde) irgendwann bei Auto-Ricardo verklappen, kann ich sie beruhigen: Das gute Stück wird uns noch viele Jahre weiter begleiten. Wir haben einander nämlich sehr lieb gewonnen.

Autor: Bettina Leinenbach