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28. Oktober 2013

Hatschi!

Mama putzt dem Kind fleissig die Nase
Mama putzt dem Kind bei ersten Schnupfen-Anzeichen fleissig die Nase. (Bild Keystone)

Evas Näschen läuft. Klingt irgendwie herzig, gell? Ist aber total untertrieben. In Wirklichkeit ergiessen sich zwei endlos lange, grüne Ströme aus ihren Nasenlöchern. Der Schnuder kriecht Richtung Oberlippe, blubbert, glibbert, tropft. Manchmal streckt meine Kleine ihre Zunge heraus, um dem Fluss Einhalt zu gebieten.

Da ich ein gutes Mami bin, verfolge ich das Kind gerade auf Schritt und Tritt, immer mit einem Tüchlein bewaffnet, das in meiner Jeanstasche steckt. Alle paar Minuten muss die Dreijährige stillstehen und so tun, als könnte sie schon schnäuzen. (Kann sie zwar nicht, da sie rein mit raus verwechselt, aber der gute Wille ist da.) Mir ist total bewusst, dass diese ganze Putzerei blödsinnig ist. Der Schnuder findet nämlich immer einen Weg. So oder so landet das Grünzeug am Kinderpulliärmel, am Sofakissen und merkwürdigerweise auch in meinen Haaren. Hierzu passt dieses berühmte Experiment: Amerikanische Ärzte markierten das Nasensekret einer Versuchsperson mit einer fluoreszierenden Flüssigkeit. Am Anfang leuchtete nur die Schnupfennase. Dann das Gesicht des «Versuchskaninchens», dann seine Hand, dann die Stuhllehne, dann der Türgriff – und am Schluss die ganze Welt.

Mit anderen Worten: Mütter putzen nur deswegen so obsessiv Kindernasen, weil die anderen Mamis das irgendwie von ihnen erwarten. Es geht dabei weniger um Hygiene, sondern um gesellschaftliche Konventionen. Das ist übrigens nicht das einzige Beispiel aus dieser Kategorie.

Neulich nieste Ida drei Mal hintereinander. Laut, herzhaft, genussvoll. Obwohl sie mir glaubhaft versicherte, sie fühle sich nicht krank, herrschte ich sie an, sie möge doch bitte zukünftig die Hand vor den Mund halten. Totaler Schwachsinn! Denken Sie an das Experiment mit der Türklinke. Korrekt wäre: Ellenbogenbeuge vor den Mund! Das empfiehlt zumindest die Weltgesundheitsorganisation.

Fakt ist, dass niemand einen anderen Menschen mit Erkältungsviren anstecken will (und natürlich auch nicht mit Magen-Darm-Erregern). Wenn wir diesen Auftrag aber ernst nähmen, dann müssten wir Mamis und Papis einige Verhaltensweise ändern.

1. Benutzen Sie bei jedem Naseputzen ein frisches Tüchlein. Und entsorgen Sie in Gottes Namen endlich die zerfledderten Tempo-Leichen aus Ihren Taschen … oder würden Sie es cool finden, wenn Ihnen jemand den Schoggimund mit einer alten Rotzfahne putzen würde?
2. Werfen Sie die gebrauchten Schnudertücher in einen Kübel ohne Deckel. Denn was nützt das Entsorgen, wenn die Viren anschliessend doch wieder über einen Griff verteilt werden?
3. Waschen Sie sich anschliessend gründlich die Hände. Sie brauchen dafür keine antibakteriellen Produkte. Eine normale Seife reicht völlig aus. Es schadet übrigens auch nicht, wenn Sie Ihren Kleinen ebenfalls die Fingerchen einseifen.
5. Wenn Ihre Kinder schon selbst die Nase putzen können, dann erklären Sie ihnen, wie wichtig es ist, sich nach jedem Putzen die Hände zu waschen und die alten Tüchlein nicht herumliegen zu lassen.
6. Bitten Sie Ihre Kleinen, zukünftig in die Armbeuge zu husten oder zu niesen. Es wäre wünschenswert, wenn Sie mit gutem Beispiel vorangehen würden. Das ist zwar anfangs gewöhnungsbedürftig, man erweist der Gesellschaft damit aber einen Dienst.

Wenn Sie jetzt sagen, dass man mit diesen Massnahmen maximal eine von zehn Erkältungen verhindern kann, erwidere ich: Hey, das ist doch besser als gar nix!

Autor: Bettina Leinenbach