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05. Oktober 2015

Hat das Lenkrad bald ausgedient?

Der Skandal um manipulierte Abgaswerte bei Dieselmotoren stürzt eine ganze Branche in die Krise. Gefahr droht klassischen Autoherstellern auch von Softwarefirmen, die mit Hochdruck am selbstfahrenden Auto forschen. Was bedeutet das für unsere Mobilität?

Googles selbstfahrendes Auto
Künftig soll es ohne Steuerrad und Pedale gehen: Google-Chef Eric Schmidt im selbstfahrenden Auto.

«Ich glaube an das Pferd. Das Auto ist eine vorübergehende Erscheinung», sagte Wilhelm II., der letzte deutsche Kaiser (1859–1941). Er könnte recht ­bekommen – zumindest was den zweiten Teil seiner Aussage betrifft. «Volkswagen hat wahrscheinlich die Dieselautos gekillt», hiess es vergangene Woche auf dem Nachrichtenportal Watson. Hintergrund: Der deutsche Autobauer hat weltweit elf Millionen Autos verkauft, die mit einer ganz speziellen Fähigkeit ausgestattet sind: Sie können lügen.

Wenn ein betroffenes Fahrzeug zum Abgastest muss, merkt das die Software – und macht auf scheinheilig, indem der Computer Werte ausspuckt, die nicht der Realität entsprechen. Allein in den USA drohen dem Unternehmen nun Bussen in Milliardenhöhe. Und manch ein Kommentator sieht darin eine Zäsur: Wer bisher noch zweifelte, überlegt sich nun den Umstieg auf ein Elektrofahrzeug.

In den Zukunftsszenarien von Trendforschern spielt der motorisierte Individualverkehr überhaupt keine Rolle mehr: zu ineffizient, zu dreckig. Schon heute stossen Städte an ihre Grenzen. Wer in Zürich während der Rushhour unterwegs ist, braucht Nerven. Um Stau und Smog in den Griff zu bekommen, braucht es in verdichteten Metropolen neue Rezepte: mehr ÖV, mehr Velowege, autofreie Sonntage. Oder noch radikalere Lösungen, die bis vor wenigen paar Jahren noch nach Science-Fiction tönten: Vehikel, die ganz ohne Steuerrad und Auspuff auskommen. Google testet schon. Und Apple will bereits in vier Jahren die Strasse erobern. MM

EXPERTENINTERVIEW

«Das Konzept des Autos stammt aus dem letzten Jahrhundert»

Karin Frick
Karin Frick (54), Trendforscherin am Gottlieb-Duttweiler-Institut in Rüschlikon ZH.

Das meint Karin Frick (54), Trendforscherin am Gottlieb-Duttweiler-Institut in Rüschlikon ZH.

Karin Frick, Autohersteller VW hat im grossen Stil Abgaswerte manipuliert. Hat Sie das überrascht?

Überhaupt nicht. Das war voraussehbar. Bei Autos ist die Software heute viel wichtiger als die Hardware. Chips und Computerprogramme spielen eine grössere Rolle als Katalysatoren und Karosserien. Das Internet der Dinge ist eine Tatsache. Wenn es die Möglichkeit gibt, ein komplexes System auszutricksen, wird das auch gemacht. Obwohl das natürlich nicht schlau ist, wie man jetzt sieht.

Das erklärt doch nicht die kriminelle Energie der Autohersteller.

Es handelt sich um einen hochkomplexen Bereich, der relativ neu ist und deshalb kaum kontrolliert wird. Die Firmen loten aus, was geht – und die Gesetze hinken nach. Schuld sind also nicht die denkenden Dinge, sondern der Mensch, der mit seinen Möglichkeiten nicht nur Gutes anstellt.

Wer profitiert vom Skandal? Die Hersteller von Elektrofahrzeugen?

Nein, diese Ausweichstrategie wäre nicht nachhaltig. Wer jetzt von Diesel auf Strom umsteigt, macht sich etwas vor. Computer bleibt Computer, auch ein Toaster oder die Waschmaschine kann uns betrügen. Das Auto ist grundsätzlich ein überholtes Fortbewegungsmittel, sein Konzept stammt aus dem letzten Jahrhundert.

Stromer verpesten die Luft nicht.

Es ist nicht nur das CO2, das die Umwelt belastet. Ein Auto muss produziert werden, es beansprucht Platz. Und auch der Strom, der es antreibt, ist nicht in jedem Fall sauber.

Was wäre ein Fortschritt?

Der Wechsel auf ein neues System: Carsharing zum Beispiel. Also kein eigenes Auto mehr besitzen, sondern ein Fahrzeug mit anderen teilen. Die Zukunft gehört jedoch den selbst­fahrenden Elektrofahrzeugen.

Also Apple und Google und anderen Softwarefirmen?

Diese Firmen haben die Zeichen der Zeit erkannt, ja. Die herkömmlichen Autohersteller schaffen es nicht, aus ihrem Schema auszubrechen. Dabei ist doch gerade in den Städten klar, dass sie nicht für einen motorisierten Individualverkehr konzipiert sind.

Wann kommen diese selbstfahrenden Autos?

In China, wo ganze Städte auf dem Reissbrett entwickelt werden, sogenannte Smart Cities, werden wir sie bald sehen, in fünf Jahren vielleicht.

Unfälle, Bussen und Staus würden der Vergangenheit angehören. Welche neuen Probleme entstehen?

Wir werden noch abhängiger von Technik, als wir es heute schon sind. Man kann diese Systeme hacken, also gezielt für seine Zwecke manipulieren. Stellen Sie sich ein Science- Fiction-Szenario vor: Ein Auto lässt sich problemlos in eine Waffe umwandeln, Hacker könnten den Verkehr in einer ganzen Stadt lahmlegen.

Es gibt Menschen, die geniessen es, am Steuer zu sitzen. Was passiert mit ihnen?

Für sie gibts «Virtual Reality», Computer, die das Gefühl des Selbstfahrens simulieren. Vielleicht baut ja jemand eine Rennstrecke auf einer Insel, wo sie Formel 1 spielen können. Der PW hat als Statussymbol ausgedient. Velokuriere geniessen heute mehr Ansehen als Porsche-Fahrer.

Der Autofahrer als aussterbende Spezies?

Eine natürliche Entwicklung. Mein 26-jähriger Sohn will den Führerschein nicht machen, für meinen 81-jährigen Vater würde eine Welt zusammenbrechen, wenn er nicht mehr fahren dürfte. Junge Städter fahren lieber Velo, Tram oder Scooter.

Am liebsten aber Tram, weil sie da ihr Smartphone bedienen können.

Nicht mehr lange, wenn sich Google-­Brille und Apple-Watch durchsetzen. Und davon bin ich überzeugt.

Autor: Peter Aeschlimann