Archiv
20. Oktober 2014

Harte Kerle, Schweizer Macher

Der Actionstreifen «Northmen» mit seinem internationalen Cast zielt ganz direkt auf den globalen Kinomarkt. Hinter dieser neuen Art Schweizer Film stehen Produzent Ralph S. Dietrich und Regisseur Claudio Fäh.

Die knorrigen Wikinger und ihr weibliches Entführungsopfer in «Northmen».
Wehe, wenn sie losgelassen: Die knorrigen Wikinger und ihr weibliches Entführungsopfer in «Northmen». (Bild: Ascot Elite)

Wer mit dem Schweizer Film nur gerade «Heidi», «Verdingbub» und «Dällebach Kari» assoziiert, muss umdenken. Mit «Northmen» startet diese Woche ein Film, der sich am angelsächsischen Blockbusterkino orientiert und mit einem eindrücklichen internationalen Cast aufwartet: Ryan Kwanten («True Blood»), Ed Skrein («Game of Thrones») und Tom Hopper («Black Sails») sind aufstrebende Stars, die sich in weitherum beachteten TV-Serien einen Namen gemacht haben und nun auf dem Weg zu Grösserem sind. Im Film landet eine Horde schiffbrüchiger Wikinger ungeplant in Schottland, entführt dort per Zufall die Königstochter und versucht anschliessend, einer Söldnertruppe des Königs zu entkommen. Diese hat den Auftrag, die Tochter zu beseitigen, falls es nicht gelingt, sie zu befreien.

Ein ziemlich geradliniger Actionfilm in historischem Setting. Und wer die Hintergründe nicht kennt, käme im Kino niemals auf die Idee, dass es sich hierbei um eine Schweizer Produktion handelt. Dafür kommt sie stilistisch und inhaltlich einfach viel zu hollywoodmässig daher. Dennoch sehen Produzent Ralph S. Dietrich (48) und Regisseur Claudio Fäh (39) «Northmen» klar als Schweizer Film.

«Der Löwenanteil des Geldes kommt aus der Schweiz, der Regisseur ist Schweizer, ebenso Sounddesigner Peter Staubli und Schauspieler Anatole Taubman», sagt Dietrich, Produzent und Besitzer der Ascot Elite Entertainment Group in Zürich. Und: «Ralph hat die Story geboren und immer an sie geglaubt», ergänzt Fäh, ein Urner, der seit 1999 als Regisseur in Los Angeles lebt. Die beiden kennen sich seit Jahren und wollten schon immer einen Film zusammen machen. Als sich Dietrichs Idee einer Wikingerstory zu konkretisieren begann, bot er den Stoff sofort Fäh an. Das war vor etwa vier Jahren.

So viel Geld hat Ascot Elite noch nie in einen Film gesteckt

Der Kampf um die Realisierung dauerte dann seine Zeit. «Ich freute mich sehr über das Angebot, ein Traumprojekt», sagt Fäh. «Aber ich war lange nicht sicher, ob daraus wirklich was wird. Es gibt ja so viele tolle Filmprojekte, die nie zustande kommen.» Dietrich jedoch blieb hartnäckig dran und steckte schliesslich selbst einen substanziellen Betrag in den Film. Genaue Zahlen will er nicht nennen, die Produktion habe jedoch «mehr als sieben und weniger als zehn Millionen Franken» gekostet. Das meiste Geld kam vom Filmverleih Ascot Elite, der damit nach «Hoselupf» (2011) mit Beat Schlatter erst zum zweiten Mal selbst einen Film produziert. «Es ist aussergewöhnlich, dass wir für einen Film so viel Geld in die Hand nehmen.»

Dass er mit «Northmen» für Schweizer Verhältnisse etwas Neues macht, ist Dietrich durchaus bewusst. «Aber so konkret war das gar nicht geplant, es hat sich vielmehr so ergeben. Andere europäische Länder produzieren ganz gezielt für den globalen Markt, warum sollten wir das nicht auch können?» Dank einem deutschen Co-Produzenten und Steuererleichterungen aus Südafrika, wo der Film gedreht wurde, liess sich das Projekt schliesslich finanzieren.

Für die Weltpremiere von «Northmen» kamen auch einige der Stars ans Zurich Film Festival: Regisseur Claudio Fäh (2. von links) mit seinen internationalen Darstellern Tom Hopper, Anatole Taubman, Ed Skrein und Ken Duken (von links).
Für die Weltpremiere von «Northmen» kamen auch einige der Stars ans Zurich Film Festival: Regisseur Claudio Fäh (2. von links) mit seinen internationalen Darstellern Tom Hopper, Anatole Taubman, Ed Skrein und Ken Duken (von links). (Bild: Keystone)

«Von der Schweizer Filmförderung bekamen wir praktisch nichts», sagt Dietrich sichtlich enttäuscht. Nicht besser erging es übrigens dem historischen Schwulendrama «Der Kreis», den er als Verleiher unterstützt und der 2015 für die Schweiz ins Rennen um einen Oscar als bester fremdsprachiger Film geht. «Dabei wäre ein solcher Beitrag eine enorme Starthilfe, denn es ist jedes Mal sehr schwierig, genügend Geld für einen Film zusammenzubringen», sekundiert Fäh. Der erfahrene Regisseur von US-Actionfilmen («Hollow Man II», «Sniper: Reloaded») drehte «Northmen» letzten Herbst innert 40 Tagen und ist massgeblich dafür verantwortlich, dass er sich so ausgesprochen unschweizerisch präsentiert. «Es war allerdings der härteste Dreh, den ich je erlebt habe», sagt Fäh. Südafrika im Winter erwies sich visuell zwar als überraschend passend für die schottische Szenerie, aber die Launen der Natur machten dem Filmteam immer wieder zu schaffen. «An einem Ort schneite es sogar erstmals seit 40 Jahren, als wir dort drehen wollten.» Besonders hart war das widrige Wetter für die teils nur leicht bekleideten Darsteller.

«Eigentlich wollten wir zuerst in Irland drehen», erzählt Dietrich, «aber dort war die ganze Filmszene schon mit den Dreharbeiten zu ‹Game of Thrones› beschäftigt. Also schauten wir uns andere Optionen an und landeten schliesslich in Südafrika, weil die Locations eher unerwartet so gut passten.»

Eine weitere grosse Herausforderung war das Casting. «Es ist jedes Mal wie mit dem Huhn und dem Ei», sagt Fäh. «Schauspieler sagen erst zu, wenn sie sicher sind, dass der Film auch wirklich zustande kommt, und der Film bekommt nur dann genügend Geld, wenn man mit ein paar bekannten Namen aufwarten kann.» Die Hauptdarsteller waren alles Wunschkandidaten von Fäh und Dietrich, um die sie sich mithilfe einer Londoner Castingagentur bemühten. «Aber es war ein schwieriger Prozess», sagt Dietrich. «Einige Agenten verlangen sogar mindestens eine halbe Million Dollar Honorar für ihren Schauspieler, damit der sich das Drehbuch überhaupt ansieht.» Und drei Wochen vor Drehbeginn sprang einer der Hauptdarsteller ab. Namen wollen sie keine nennen. «Aber das passiert allen und immer wieder, selbst mit den ganz grossen Stars», betont Fäh. «Es kommt halt plötzlich ein scheinbar besseres Angebot, und dann sind auch bereits unterzeichnete Verträge nichts mehr wert.» Am Ende waren Dietrich und Fäh mit ihrem Cast aber sehr glücklich.

Plötzlich interessiert man sich in Hollywood für Dietrich

Und die jahrelange Mühe hat sich gelohnt. «Northmen» ist beim Publikum in den Vorpremieren gut angekommen und bereits in über 30 Länder verkauft worden – darunter auch in den sehr wichtigen US-Markt. «Da boten sogar zwei Verleiher mit, was uns einen sehr guten Deal ermöglich hat», sagt Dietrich, der das grosse Interesse bereits als guten Erfolg wertet. «Mein Traum wäre, in der Deutschschweiz 100 000 Zuschauer zu erreichen, das wäre eine schöne Anerkennung.» Damit der Film in die schwarzen Zahlen kommt, braucht es jedoch die globale Auswertung.

Fast noch wichtiger: «Northmen» hat weltweit Aufmerksamkeit für den Schweizer Produzenten und seinen Regisseur geweckt. «Ich bekomme jetzt in Los Angeles regelmässig Drehbücher mit der Frage, ob das nicht was für Ralph oder mich wäre», sagt Claudio Fäh, der sich schon vorher einen guten Namen in Hollywood erarbeitet hat.

Beinahe scheint es, als ob Dietrich an die Erfolge seines Vaters anknüpfen wollte, den legendären Schweizer Filmproduzenten Erwin C. Dietrich (84), dessen wilde Filme in den 70er- und 80er-Jahren bereits ein grosses internationales Publikum fanden. Aber Sohn Ralph winkt ab. «Es gibt da keinen durchdachten Masterplan oder so was. Von meinem Vater habe ich aber die Liebe zum Kino und sicher auch einen gewissen Mut zum Risiko geerbt.»

Schon jetzt ist jedenfalls klar, dass Dietrich und Fäh die mit «Northmen» begonnene Strategie weiterfahren werden – gern auch gemeinsam. Wenn der Film erfolgreich ist, wäre sogar eine Fortsetzung möglich. «Dazwischen gibt es allerdings sicher noch ein, zwei andere Projekte», sagt Fäh und räumt ein, dass er nach dieser langen Zeit mit den Wikingern nun erst einmal etwas Abstand von den Nordmännern brauche. «Aber später die Fortsetzung meines eigenen Films zu drehen, mit den gleichen Darstellern, das wäre sehr cool.»

«Northmen» läuft ab 23. Oktober in den Kinos.