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02. Februar 2015

«Ich bin ein Schweizer der Herzen»

Eigentlich befindet sich der legendäre deutsche Night-Talker Harald Schmidt ja quasi im Vorruhestand. Diesen Monat jedoch moderiert er zweimal den «Kulturplatz» im Schweizer Fernsehen. Und auch sonst macht der Schweiz-Fan nur noch, was ihm Spass macht.

Harald Schmidt
Offiziell hat sich Harald Schmidt aus der Öffentlichkeit zurückgezogen, aber so ganz kann «Dirty Harry» den Bühnen und Fernsehstudios doch nicht widerstehen.

Harald Schmidt, schön, dass Sie sich Zeit nehmen für uns.

Für die Migros immer.

Eigentlich wollten Sie sich nach dem Ende Ihrer Talkshow bei Sky im März 2014 aus dem Fernsehgeschäft zurückziehen.

Genau.

Und nun beglücken Sie ausgerechnet die Schweiz mit gleich zwei Moderations auftritten?

«Kulturplatz»-Leiter Martin Eggenschwyler hat angefragt, und da ich ein grosser Schweiz-Fan bin, immer gerne nach Zürich komme und dann häufig auch Schweizer Fernsehen schaue, hat das für mich alles gepasst.

Hoffentlich haben Sie Ihr Honorar vertraglich in Schweizer Franken vereinbart ...

(lacht) Klar, und da gabs aktuell ja eine 20-prozentige Gehaltserhöhung. Schön!

Können Sie denn schon verraten, was genau uns in den zwei Sendungen erwartet? Es hiess einmal, es würde auch um das Verhältnis Schweiz–Deutschland gehen.

Das ist auch das Einzige, was ich weiss, denn ich sehe die geplanten Beiträge jeweils erst am Tag vor der Sendung. Die Moderation schreibe ich erst dann.

Ich finde oft auch, es hat zu viele Deutsche in Deutschland.

Wie steht es denn aus Ihrer Sicht um die Beziehung unserer beiden Länder?

Prima! Wenn es mehr Länder gäbe, die so ein gutes Verhältnis haben, wäre die Welt insgesamt doch friedlicher.

Bis vor Kurzem fanden die Schweizer ja noch, es hätte eher etwas zu viele Deutsche hier.

Vielleicht haben die Schweizer da recht. Ich finde oft auch, es hat zu viele Deutsche in Deutschland.

Mit dem neuen Wechselkurs machen wir uns nun Sorgen, die Deutschen könnten sich die Schweiz nicht mehr leisten …

Also an mir liegts nicht, ich komme weiterhin. Und freue mich natürlich, wenns im Restaurant Platz hat und ich nicht mehr reservieren muss.

Da Sie ja beide Länder gut kennen: Gibt es etwas, das die Schweizer besser können als die Deutschen ‒ und umgekehrt?

So allgemein kann man das glaube ich nicht sagen. Ohnehin finde ich, dass die Süddeutschen, die Deutschschweizer und die Vorarlberger mentalitätsmässig eigentlich recht ähnlich sind. Deshalb besuche ich die Schweiz vermutlich auch so gern. Es gab ja auch schon mal die Idee, einen entsprechenden Staat zu gründen – wirtschaftlich wäre das sofort eine Grossmacht.

Gehen Sie immer noch in Lenk wandern?

Schon eine Weile nicht mehr, neu habe ich Pontresina entdeckt. Im Sommer zum Wandern, im Winter zum Spazieren im Schnee – wenn es welchen hat.

Wie vertraut sind Sie mit der Politik und der Gesellschaft in der Schweiz?

So vertraut, wie man das halt als Tourist sein kann. Nicht so sehr, dass ich mich nun politisch gross äussern könnte.

Wollen wir ein kleines Experiment wagen? Ich sage Ihnen ein Schweizer Stichwort, und Sie kommentieren es?

Gerne!

Sepp Blatter.

Eine grossartige Persönlichkeit! Ich bin gespannt, ob er sich gegen seine Konkurrenten weiter durchsetzen kann.

Ihre Prognose?

Er wird gewinnen (lacht).

Schlacht von Morgarten.

Ouu, da habe ich gerade etwas darüber gelesen, weiss allerdings keine Details. Aber da feiert man aktuell das 700-Jahr-Jubiläum, oder?

Sehr gut! Masseneinwanderungsinitiative.

Wurde sehr knapp befürwortet. Und seither, und das finde ich grossartig, geschieht nichts mehr. Ist das so?

Nun ja, seither ringt man damit, das Abstimmungsergebnis in Einklang mit den bilateralen Verträgen mit der EU zu bringen.

Genau! Eine schöne Lösung: Man hat abgestimmt, das Resultat ist akzeptiert, und nun geht die Sache ruhig ihren Gang.

Christoph Blocher.

Der Chef der grössten oder einzigen Oppositionspartei der Schweiz, ja? Sehr engagiert in den Medien.

Stimmt. Wissen Sie noch mehr über ihn?

Ich würde mal sagen: Nicht direkt ein Linker (lacht).

Das ist wohl wahr. Bundesrat.

Vergleichbar mit unserem Kabinett, aber ich glaube auch in seiner Gesamtheit das Staatsoberhaupt der Schweiz.

Die Migros ist mein Traum seit Kindertagen.

Migros.

Mein Traum seit Kindertagen. Ich habe die Migros erstmals im Pizolpark bei Bad Ragaz erlebt. Da durften mein Bruder und ich immer aussuchen, was wir essen wollten. Meist war es Schüblig und hinterher Schwarzwäldertorte.

Dann gehen Sie immer in die Migros einkaufen, wenn Sie hier sind?

Und auch essen. Und da liegt auch immer diese millionenstarke Gratiszeitung auf, für die wir hier gerade das Interview machen. Die ja viel wichtiger ist, als andere sogenannte Leitmedien.

Apropos: NZZ-Chefredaktor.

Für mich als Beruf? Oder was? Ach so, der wird gerade gesucht, ja?

Sie sind wirklich gut informiert! Wäre das denn ein Job für Sie?

Traue ich mir nicht zu, denn das ist ja doch eine der besten Tageszeitungen in Europa. Ich möchte die nicht auf mein Niveau runterziehen.

EU.

Ist eine schöne Sache, wenn man sie wie ich auch mal verlassen und in die Schweiz reisen kann.

Pegida Schweiz.

Gibt es das?

Ja, ganz neu.

Ach!

Die erste Demonstration ist für den 16. Februar angesagt.

Da bin ich sogar noch da. Wo, in Zürich?

Der Ort wird kurzfristig bekannt gegeben.

Und die Demonstranten kommen alle zusammen in einem Golf? (lacht)

Da sind nun alle sehr gespannt drauf.

Aber Pegida heisst doch «Patriotische Europäer». Was hat denn die Schweiz mit Europa zu tun? Das müsste doch eigentlich Pchgida heissen. Oder? Das klingt nicht schlecht, fast wie die Nachwuchshoffnung eines Abfahrtsrennens.

Die EU ist eine schöne Sache, wenn man sie wie ich auch mal verlassen und in die Schweiz reisen kann.

Letztes Stichwort: Schwarzgeld.

Ja, schön blöd, wer das hat.

Kamen Sie nie in Versuchung, wo Sie doch so oft hier sind?

Nie. Ich war immer ehrlich. Auch weil ich so gerne über die lache, die man erwischt.

Sie sind jedenfalls eindrücklich gut auf dem Laufenden über die Schweiz!

Ich würde fast sagen, ich bin ein Schweizer der Herzen, oder?

Ganz klar.

Müsste ich eigentlich, wenn ich Schweizer würde, die deutsche Staatsbürgerschaft aufgeben?

Seit ein paar Jahren nicht mehr. Allerdings müssten Sie wohl einige Jahre richtig hier leben und nicht nur Urlaub machen.

Na, vermutlich ist es für die Schweiz und mich besser, wenn ich nur als Tourist komme. Dann bin ich weiterhin hemmungslos begeistert und gerate in Deutschland nicht in den Ruch, Steuern sparen zu wollen oder so. Aber beim Einbürgerungstest hätte ich offenbar ganz gute Chancen.

Das wird schon. Das pendelt sich ein.

Scheint mir auch so. Was raten Sie denn der Schweiz in der aktuellen Lage? Das Land fühlt sich ein bisschen unwohl angesichts des teuren Frankens und der Differenzen mit der EU …

Aber warum denn?

Die Schweizer Exportindustrie macht sich Sorgen, der Tourismus auch.

Das wird schon. Das pendelt sich ein. Den EU-Ländern ist eh klar: Bevor ihr Geld in irgendwelchen EU-Pleiteländern verschwindet, ist es doch viel besser, sie schmeissen es mit vollen Händen in der Schweiz raus.

Und in Sachen Personenfreizügigkeit? Haben Sie Tipps für die Diskussionen mit der EU?

Ehmm, kompliziertes Thema. Eigentlich müssten ja auch die Schweizer für die Personenfreizügigkeit sein, weil es das Arbeiten für Schweizer in den EU-Staaten erleichtert, oder?

Das ist so, aber reicht vielen nicht.

Ja, das ist alles sehr schwierig. Ich selbst habe ja gar keine Zeit für Ausländerfeindlichkeit, weil ich die ganze Zeit im Ausland bin.

Gut, Themenwechsel: Nun ist es ja bald ein Jahr her, dass Sie Ihre Late-Night-Show nicht mehr machen. Vermissen Sie es ein bisschen?

Keine Sekunde. Ich fühle mich befreit.

Trotz Ende der TV-Show ist Schmidt die Aufmerksamkeit des Publikums weiterhin sicher.
Trotz Ende der TV-Show ist Schmidt die Aufmerksamkeit des Publikums weiterhin sicher.

Die Aufmerksamkeit des Publikums fehlt Ihnen nicht nach all den vielen Jahren?

Die ist gar nicht so viel geringer geworden. Die Leute hängen nicht speziell an der letzten Show, sondern sprechen mich auch heute noch auf «Schmidt­einander» an – eine Sendung, die es bereits stattliche 20 Jahre nicht mehr gibt. Ich merke keinen grossen Unterschied.

Und Sie sind ja immer noch in den Medien.

Genau, aber sehr gezielt. Ich habe nichts dagegen, ab und zu irgendwo aufzutreten, aber es sollte in kultivierter Umgebung sein. Am liebsten nur in der Schweiz!

Warum lief Ihre Sendung denn nicht mehr? In den USA sind die Late-Night-Talks noch immer erfolgreich, oder?

Das ist so. Aber in Deutschland ist die Zeit dafür einfach vorbei. Das muss man ganz nüchtern eingestehen. Ich habe es ja immerhin 19 Jahre gemacht, kann mich also nicht beklagen. Jetzt kommt halt was anderes.

Zum Beispiel?

Das weiss ich nicht, ich bin ja nicht mehr involviert. Aber es kommt immer etwas anderes.

Sehen Sie die Talks auch für die USA als Auslaufmodell?

Nein, die haben eine ganz andere Tradition. Und sie sind viel grösser und haben eine uferlose Zahl an Stars, die man als Gäste einladen kann.

Nach dem Attentat in Paris habe ich auf Knien gedankt, dass ich keine Sendung mehr machen muss.

Welche Ereignisse der letzten Wochen hätten sich für Ihre Sendung geeignet?

Ich habe nach dem Attentat in Paris auf Knien gedankt, dass ich keine Sendung mehr machen muss. Mit dem ganzen medialen Wahnsinn, der sich an Ereignissen wie diesen immer abarbeitet, will ich mich gar nicht beschäftigen.

Was halten Sie von der Debatte danach rund um «Was darf Satire?»?

Ich habe sie nur am Rande mitbekommen, sie wurde ja schon x-fach geführt. Für mich war immer klar, was sie darf und was sie nicht darf.

Was darf sie denn?

Alles, was das Grundgesetz ermöglicht. Und ich staune, in welchem Mass wir plötzlich ein Volk von Satireliebhabern geworden sind. Das war mir neu, aber man lernt ja immer dazu.

Wurden Sie je bedroht wegen irgendwelcher frechen Sprüche?

Nein. Aber ich musste schon Unterlassungserklärungen unterschreiben. Und als ich mal über Kennedy Witze gemacht habe, bekam ich eine Anzeige wegen Volksverhetzung gegen die Amerikaner. So was geht dann seinen juristischen Gang, was die Anwälte freut. Und am Ende passiert nichts.

Sie haben fünf Kinder. Machen Sie sich da gewisse Zukunftssorgen? Etwa wegen der «Islamisierung des Abendlandes» oder so?

(lacht ausdauernd) Nein, nein, definitiv nicht.

Ich finds eigentlich grossartig in Europa. Wer sich unwohl fühlt: Die Welt ist gross, und es gehen stündlich Flüge überallhin.

Auch sonst nicht? Europa wirkt derzeit doch recht verängstigt: Wirtschaftskrise, Flüchtlinge an allen Grenzen, Terrorgefahr, überall Rechtspopulisten. Wie erleben Sie das?

Ich finds eigentlich grossartig in Europa. Wer sich unwohl fühlt: Die Welt ist gross, und es gehen stündlich Flüge überallhin, ich wünsche viel Spass bei der Abreise.

Sie sehen das alles nicht so dramatisch?

Nein, ich mache mir da keine Sorgen. Aber sicherlich ist die Lage für einen Griechen anders als für einen Norweger.

Sie sind ja als Katholik aufgewachsen – ist Ihnen die Religion heute noch wichtig?

Ja. Ich gehe auch in die Kirche.

Jeden Sonntag?

Neiiin, nicht jeden Sonntag, aber immer mal wieder.

Sie nehmen das also ernst?

Doch schon.

Wieder mal der richtige Papst zur richtigen Zeit. Ich hoffe, er macht es noch eine Weile.

Was halten Sie von Papst Franziskus?

Ist mir wahnsinnig sympathisch, obwohl ich am Anfang meine Schwierigkeiten hatte, weil ich ja so ein Ratzinger-Fan bin. Aber mittlerweile muss ich sagen: Wieder mal der richtige Papst zur richtigen Zeit. Ich hoffe, er macht es noch eine Weile.

Bereiten Sie sich auf Ihre Auftritte beim «Kulturplatz» speziell vor?

Ich verfolge online ein bisschen, was in der Schweiz los ist. Thematisch kommts dann halt auf die Beiträge an.

Gibt es irgendetwas, das Sie als Herausforderung sehen?

Nein, das ist 150 Prozent Vergnügen.

Darf man mit weiteren Schweizer Auftritten rechnen, falls dieser erfolgreich über die Bühne geht?

Wenn es etwas Schönes ist, in schönem Schweizer Setting – jederzeit!

Und was tun Sie sonst so? Offenbar lesen Sie viel?

Ich habe gerade «Unterwerfung» gelesen, den neuen Roman vom Michel Houellebecq, ein fantastisches Buch! Als nächstes kommt der Bericht über die Foltermethoden der CIA dran.

Sie scheuen vor dicken Büchern und schweren Themen nicht zurück.

Ich habe ja Zeit. Ich muss nicht abends vor dem Einschlafen lesen, ich fange morgens um halb neun an.

Schauen Sie auch Fernsehen?

Kaum. Ich schaue hauptsächlich Serien auf DVD oder gehe ins Kino.

Welches sind Ihre drei Lieblingsserien?

«Sherlock», «The Affair» und «House of Cards». Ich mag aber auch «Downton Abbey».

Noch nie hat jemand so viel für die deutschen Sparer getan wie die SNB.

Kurz und gut: Sie haben viel Zeit für persönliche Vergnügen.

Ich bin sozusagen Privatgelehrter. Und sehe gerade auf meinem Monitor, dass der deutsche Aktienindex heute schon wieder um 1 Prozent zugelegt hat.

Gut für Ihre Anlagen?

Allerdings. Aber die Deutschen wollen ja nicht hören, nur acht Prozent haben Aktien. Stattdessen ist man irritiert, wenn die Schweiz ein bisschen auf- oder abwertet. Aber seit dem Entscheid der SNB hat der Deutsche Aktienindex um vier Prozent zugelegt. Das muss man sich mal vorstellen! Kann ich denen ein paar Pralinen schicken? Noch nie hat jemand so viel für die deutschen Sparer getan.

Stehen denn noch andere grössere öffentliche Projekte an?

Nein, nein, nein. Nein. Nichts.

Beim «Traumschiff» sind Sie aber noch dabei, oder?

Ab Mitte Februar bin ich in der Südsee, es geht von Neukaledonien nach Tahiti.

Schön!

Ja. Leider nur vier Wochen. Aber da sind also drei Arbeitstage inbegriffen.

Drei Arbeitstage, das geht ja.

Es könnten sogar vier werden. Die Branche wird härter. Nicht, dass Ihre Leser einen falschen Eindruck bekommen.

Vor zehn Jahren haben Sie dem Migros-Magazin schon mal ein Interview gegeben.

Ja, ich weiss.

Das nächste Mal also 2025 wieder?

Warum nicht?

Über Leute, die zehn Jahre im Voraus planen, amüsiere ich mich sehr.

Haben Sie eine Vorstellung, was Sie dann machen werden?

Nein. Da bin ich doch sehr demütig, man weiss ja nie. Man legt den Hörer auf, hat kalten Schweiss auf der Stirn und kippt nach vorne auf die Tischplatte. Dann wäre immerhin das letzte Interview im Migros-Magazin abgedruckt, mehr kann man als Künstler eigentlich nicht erwarten. Über Leute, die zehn Jahre im Voraus planen, amüsiere ich mich sehr.

Vor zehn Jahren wurden Sie dasselbe gefragt. Wollen Sie wissen, was Sie gesagt haben?

Mit Sicherheit irgend was, von dem ich mich heute distanziere, oder?

Ich lese es Ihnen vor: «Ich mache Migros-TV, vom Frühstück bis zum Gutenachtkuss. Gesendet wird aus den Filialen und im Sommer aus dem Tessin und Engadin. Höhepunkt ist die Moderation der 1.-August-Feiern mit einem 30-stündigen Umzug und brennenden Schweizer Kreuzen auf der Alp.»

Ja, da bin ich jetzt überrascht, das ist ja nicht sooo weit weg von dem, was ich heute mache (lacht). Es ist immerhin Fernsehen und in der Schweiz!