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03. April 2017

Hans Ulrich Obrist verstand sich nie als Künstler

... bringt aber Menschen zusammen. Der Ostschweizer zählt zu den einflussreichsten Ausstellungsmachern der globalen Kunstszene. Der Leiter der Serpentine Gallery in London über wöchentliche Kunsttrips in alle Ecken der Welt, seine 168'000 Instagram-Abonnenten und Arbeitspensen von über 100 Stunden.

Hans Ulrich Obrist
Hans Ulrich Obrist: «Ich bin von Montag bis Freitag im Büro, und an ...

Hans Ulrich Obrists kleines Büro ist dicht belegt mit Papier und Büchern. Der künstlerische Leiter der Serpentine Gallery im Londoner Hyde Park trifft gut zehn Minuten verspätet ein, beantwortet die Fragen in reinstem Ostschweizer Dialekt, und das in rasendem Tempo.
Parallel dazu malt er ohne Unterlass mit einem dicken schwarzen Filzstift in sein Notizbuch – auch, um seine Sicht der Dinge zeichnerisch zu erklären. Obrist ist ein Getriebener, der von und mit der Kunst lebt und wohl auch deshalb so erfolgreich arbeitet. Er widmet sein ganzes Leben dieser Leidenschaft – und diese Leidenschaft wirkt auch auf Besucher ansteckend.

Hans Ulrich Obrist, die renommierte Kunstzeitschrift «Art Review» adelte Sie als einen der einflussreichsten Menschen der globalen Kunstszene. Eine Ehre?
Das ist auf jeden Fall eine Ehre. Aber allzu sehr beschäftigt mich das nicht; andere Projekte stehen an. Ich bin auch immer nur so gut wie mein nächstes Vorhaben. Genau das ist meine Philosophie: nicht oft zurückschauen, sondern die Energie auf die Aktualität fokussieren.

In der Liste der «Art Review» sind weitere Schweizer wie das Galeristenpaar Iwan und Manuela Wirth aufgeführt; die Art Basel ist eine globale Marke. Warum spielen so viele Schweizer ganz vorn mit?
Die Schweiz hatte stets eine starke Kunstszene, was für dieses kleine Land ein unglaubliches Kunstwunder ist. Wir haben eine enorme Dichte an Museen und grossartigen Künstlern wie Fischli / Weiss, denen ich schon als Teenager begegnet bin. Hinzu kommt eine lange Tradition von Kuratoren wie Harald Szeemann, Jean-Christophe Ammann oder Bice Curiger, die für mich als Mentorin sehr wichtig war. Und es wächst bereits eine neue Generation von Schweizer Künstlern wie etwa Urban Zellweger heran.

Wie haben Sie es geschafft, sich eine solch gute Position zu erarbeiten?
Ich arbeite gleichzeitig sehr lokal und global mit Ausstellungen, Projekten und Vorträgen. Ich war schon immer von einer grossen Neugierde beseelt. Bereits in den 1990er-Jahren war ich nomadenhaft in Hunderten von Städten unterwegs, um mir eine Übersicht in der Kunstszene zu verschaffen. Nach diesen Lehr- und Wanderjahren wurde ich Anfang 2000 Kurator in Paris. Seither bin ich von Montag bis Freitag im Büro, und an den Wochenenden reise ich durch die Welt. So komme ich auf 52 Reisen pro Jahr.

Sie reisen jedes Wochenende?
Ja, selbst an Weihnachten. Ende Januar habe ich beispielsweise die Engadin Art Talks in Zuoz GR besucht. Das Engadin war ja seit jeher ein Magnet für Künstler und Philosophen. Im Februar ging es zur Arco Madrid, dann nach Los Angeles. Ich bin auch jeden Monat in Paris und New York. Unterwegs tausche ich mich immer mit Schriftstellern, Denkern oder Pionieren aus, in Solothurn letzthin mit Peter Bichsel, in Istanbul mit dem Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk. Von diesen visionären Menschen lerne ich unglaublich viel.

Treffen Sie diese Leute jeweils zum Essen?
Das ist abhängig davon, wie gut ich sie kenne. Pamuk habe ich nur zwei-, dreimal getroffen, deshalb verabredeten wir uns zum Kaffee. Gerhard Richter oder die libanesische Schriftstellerin Etel Adnan, die ich seit über 20 Jahren kenne, treffe ich hingegen jeweils zum Abendessen. Über diese Begegnungen schreibe ich immer wieder in meinen Kolumnen im «Magazin» des «Tages-Anzeigers». Es sind Spaziergänge, eine Flanerie durch die Ideenwelt, die sehr befruchtend für meine Arbeit sind.

Früher schlief ich nur zwei, drei Stunden pro Nacht.

So befruchtend solche Reisen auch sein mögen: Ist es nicht ermüdend, 52-mal pro Jahr auf Achse zu sein?
Nein, diese Wochenenden stimulieren mich extrem. Ich komme am Montagmorgen super motiviert mit ganz vielen Ideen ins Büro. Dieser Rhythmus hat sich als nachhaltig erwiesen. Früher schlief ich nur zwei, drei Stunden pro Nacht. Jetzt komme ich auf sieben Stunden, weil ich während der Woche zu Hause in London bin. Für mich ist es wichtig, mit der Zeit effizient, innovativ und doch spielerisch umzugehen. Deshalb habe ich seit fünf Jahren einen Assistenten für die Nacht engagiert, der jeden Werktag nach 23 Uhr in unsere Wohnung kommt und bis morgens um 7 Uhr arbeitet.

Wie funktioniert das genau?
Bevor ich einschlafe, instruiere ich ihn, was es zu tun gibt, zum Beispiel Recherchen für meine Bücher, Google-Suchen oder Transkribieren von Gesprächen. Wenn ich aufwache, ist alles erledigt. So habe ich Zeit, viermal pro Woche eine halbe Stunde im Hyde Park zu joggen. Und nachher gehe ich in mein Büro in der Serpentine Gallery.

Das hört sich alles trotzdem nach sehr viel Arbeit an.
Ich zähle die Stunden nicht. Aber man kann das ja ausrechnen. (Überlegt lange) Ich schlafe sechs bis sieben Stunden, den Rest arbeite ich. So komme ich wohl auf 100 Arbeitsstunden pro Woche.

Ist das gesund? 2006 sind Sie nach einem interdisziplinären 24-Stunden-Gesprächsmarathon zusammengebrochen. Hat Ihnen das nicht zu denken gegeben?
Doch. Ich fing mit dem Joggen an und trinke seither Grüntee statt mehr als zehn Tassen Kaffee pro Tag. Und ich überlegte mir, wie ich meinen Arbeitsrhythmus nachhaltiger gestalten könnte. So kam ich auf die Idee mit meinem Nachtassistenten Max Shackleton. Ich nenne ihn «Night Explorer», er möchte nur nachts arbeiten und tagsüber schlafen. Er ist übrigens der Urenkel des Antarktisforschers Ernest Shackleton.

Wie erkennen Sie, ob ein Kunstwerk etwas taugt oder nicht?
Das ist ähnlich wie bei einem Buch oder einem Film: Das Werk muss so ambivalent geschaffen sein, dass man ihm immer wieder von einer anderen Seite begegnen kann.

Was zeichnet die Künstler aus der Internetgeneration aus?
Wir haben inzwischen über 7000 Dossiers von Gegenwartskünstlern gesichtet. Sie haben ein erhöhtes Bewusstsein für unsere begrenzten Ressourcen und für aktuelle politische Themen. Ökologie wird genauso künstlerisch verarbeitet wie die politische Filterblase: Also dass man nur noch diejenigen Informationen zustimmend zur Kenntnis nimmt, die dem eigenen Standpunkt entsprechen. Diese Filterblase wollen die Künstler aufbrechen, was ganz meiner Vision entspricht.

Sie selbst sind fleissig in den sozialen Medien unterwegs und schauen offenbar bis zu 20-mal pro Stunde auf das Fotonetzwerk Instagram. Wie stark beeinflussen die sozialen Medien die Kunstszene?
Sie sind eine parallele Realität, ersetzen aber nichts. Ich besuche nach wie vor Ateliers, Museen, Galerien, Kunstschulen und Biennalen auf der ganzen Welt. Instagram ist einfach ein weiterer Kanal mit Informationen, aber für mich interessanter als die anderen sozialen Medien.

Soziale Medien sind eine parallele Realität, ersetzen aber nichts.

Weshalb?
Es gibt sehr viele Künstler mit Projekten auf Instagram. Wir haben inzwischen einen digitalen Kurator an der Serpentine. Auch Kuratoren und Vermittler tauschen sich hier aus – wobei ich nicht 20-mal pro Stunde draufschaue. Es kann sein, dass ich alle fünf Minuten klicke, wenn ich mit dem Taxi im Verkehr stecke, dann aber wieder stundenlang gar nicht. Das ist wichtig, sonst geht die Konzentration verloren.

Wie kamen Sie auf Instagram?
Ich wurde ins kalte Wasser geworfen. Man hat mir die App installiert und dann überall gesagt, ich sei jetzt auf Instagram. Ich musste mir was einfallen lassen. In einem meiner letzten Gespräche mit dem verstorbenen italienischen Schriftseller Umberto Eco sagte er mir, dass die Handschriften verschwinden. So kam ich darauf, diese zu retten, indem ich sie zelebriere. Seither frage ich jedes Mal, wenn ich Künstler oder Wissenschaftler treffe, ob sie mir einen handschriftlichen Satz schreiben können. Inzwischen habe ich über 2300 solcher Sätze online gestellt und 168'000 Abonnenten auf Instagram. Daraus könnte man auch Poster oder T-Shirts anfertigen, irgendwann wird daraus auf jeden Fall ein Buch entstehen.

Wie arbeiten Sie mit Künstlern zusammen?
Ein Künstler übernimmt bei uns das ganze Gebäude für seine Ausstellung. Dabei ist es wichtig, dass wir ihn mit unserem Team als Sparringspartner begleiten. Unser Ziel ist immer, dass die Künstler hier bei uns die beste Ausstellung ihres Lebens erleben.

Und Sie kümmern sich um die Finanzierung.
Ja, Fundraising spielt eine grosse Rolle. Während in den 1990er-Jahren noch alles öffentlich finanziert wurde, kommt es seit 2000 erst dann zu einer Ausstellung, wenn man das Geld dafür findet. Fundraising macht heute bestimmt 50 Prozent meiner Arbeit aus. Unser Team dafür besteht aus zwölf Leuten.

Wie gehen Sie vor?
Einfach Bettelbriefe verschicken bringt nichts, ich muss inhaltliche Bezüge zu Firmen und Mäzenen herstellen. Ein Beispiel: Als ich einmal auf der Kensington High Street Richtung Büro flanierte, kam ich bei der Modemarke COS vorbei und sah, dass diese junge Kunststudenten unterstützt. Noch am gleichen Tag kontaktierten wir die H&M-Tochter für eine Zusammenarbeit: Seit fünf Jahren unterstützt COS nun unser gesamtes Sommerprogramm.

Welche Märkte sind derzeit besonders angesagt?
Mitte des 20. Jahrhunderts hat Paris die Avantgarde an New York verloren. Damals glaubte man an ein wichtiges Zentrum für die gesamte Welt. Der französische Schriftsteller Édouard Glissant, für mich einer der wichtigsten Denker der heutigen Zeit, widerlegte das und sprach von einem «Archipel von Zentren». London ist heute ein riesiges Zentrum der Kunst, aber umgeben von anderen wichtigen Orten – eben deshalb bin ich so oft unterwegs. Es gibt sehr viele dynamische Städte wie Oslo, Berlin, Brüssel, Amsterdam, Shanghai, Peking oder Hongkong. Aber auch Wien bleibt für Künstler wichtig. Australien spielt eine wichtige Rolle, Los Angeles ist ein riesiger Magnet. Auch Johannesburg, Dakar und Addis Abeba haben sehr spannende Kunstszenen.

Als 12-Jähriger haben mich die dünnen Figuren von Alberto Giacometti im Kunsthaus Zürich fasziniert.

Sie sind seit Ihrer Teenagerzeit besessen von Kunst.
Ja, bereits als 12-Jähriger haben mich die langen, dünnen Figuren von Alberto Giacometti im Kunsthaus Zürich fasziniert. Dann hörte ich von Andy Warhol in Mailand, der Da Vincis «Last Supper» neu gemalt hat – das zog mich dann richtig in die Kunst rein.

Weshalb haben Sie sich selbst nie als Künstler versucht?
Ich war nie ein Künstler, aber ich bringe gern Menschen zusammen – vielleicht, weil ich selbst als Einzelkind aufwuchs. Die grossen Fragen des 21. Jahrhunderts wie der Klimawandel lassen sich nur lösen, wenn sich Menschen aus verschiedenen Bereichen austauschen. Mein Medium dafür sind Ausstellungen. Dabei schaue ich, dass sich unterschiedlichste Menschen treffen, also Wissenschaftler und Architekten, Künstler und Politiker. Im «Brutally Early Club» führen wir seit gut zehn Jahren regelmässig Menschen aus diversen Disziplinen um 6 Uhr morgens zum Gedankenaustausch zusammen.

Welche Kunstwerke hängen bei Ihnen zu Hause?
Meine Wände sind voller Bücher. Ich lese jeden Morgen 15 Minuten in einem von Glissant. Und ich kaufe täglich mindestens ein Buch aus den Bereichen Kunst, Literatur oder Wissenschaft. Meine Lieblingsbuchhandlung ist übrigens die von Walther König in der Serpentine Gallery.  

Autor: Reto E. Wild

Fotograf: Muir Vidler