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09. Mai 2016

«Duschen Sie weniger!»

Geruchsforscher Hanns Hatt kennt sich in der Welt der Düfte aus wie kaum ein anderer. Der Duftpapst über Angstschweiss, den Geruch des Stärkeren und warum Kinder keine Hemmungen im Umgang mit ihren Exkrementen haben.

Hanns Hatt schneuzt die Nase.
Geruchsforscher Hanns Hatt empfiehlt, den Geruchssinn täglich zu trainieren.

Hanns Hatt, riechen Sie schon den Frühling?

Nein, ich bin seit zwei Wochen verschnupft, ich rieche gar nichts, und das ist eine Plage. Ich bin sozusagen nasenblind, was bedeutet, dass ich die Welt nur sehr eingeschränkt wahrnehme. Ich beisse in ein Schokoladencroissant, aber da ist nur Süsse, keine Spur von Schokolade, kein Geschmack. Und damit keine Freude.

Ihr Mund ist aber noch ganz.

Der hilft mir aber wenig, wenn es ums Erleben des Schokocroissants geht. Weil wir den Geschmack von Lebensmitteln grösstenteils über die Nase wahrnehmen, und nicht über den Mund. Der kann nur ana­ysieren, ob der Kaffee zu süss ist oder eine Pfefferschote scharf. Wenn man blind und mit geschlossener Nase eine Birne isst, würde man niemals sagen können, ob es eine war. Trockener Wein oder Essigwasser, das ist dann ein und dasselbe.

Wenn die Nase futsch ist, ist man also wirklich aufgeschmissen.

Na ja, fast. Im Alter beispielsweise lässt nicht nur das Sehen und Hören nach, sondern auch das Riechen. Sie können Ihre Nase aber trainieren, ein paar Minuten täglich reichen schon aus, um den Geruchssinn zu stimulieren und damit den Riechverlust hinauszuzögern. Das ist darüber hinaus viel sinnvoller als Sudoku zu spielen, damit trainiert man nämlich zusätzlich intensiv sein Gehirn.

Der Duft hat einen wesentlichen Einfluss darauf, ob jemand anderes mich oder ein Produkt positiv bewertet.

Verraten Sie mir eine Übung?

Suchen Sie duftende Gegenstände, beispielsweise Blumen, Obst oder auch verschiedene Weine, riechen Sie anschliessend blind daran.

Wie wichtig sind Gerüche für das Image?

Der Duft hat einen wesentlichen Einfluss darauf, ob jemand anderes mich oder ein Produkt positiv bewertet. Lange Zeit wurde der Einfluss von Olfaktorik im Marketing systematisch unterschätzt – es zählte nur das gute Aussehen.

Und heute?

Langsam beginnen die Firmen damit, Gerüche gezielt einzusetzen. Weil man gemerkt hat, dass die Duftbindung viel stärker und nachhaltiger ist als die optische. Dieser Fakt hat sich mittlerweile herumgesprochen, und das ist mit ein Grund, warum dieser Trend nun explodiert: Internationale Banken, Kleiderläden und Hotels wollen an ihren Raumdüften erkannt werden. Man betreibt Markenbindung über die Nase.

Und wie sieht das Marketing bei den Menschen aus?

Bei uns Menschen ist das ähnlich: Wir haben uns die Macht der Düfte lange Zeit kaum bewusst gemacht. Bei Frauen ist das Parfum schon länger fester Bestandteil der Körperpflege, Männer haben Parfüm am Körper aber lange Zeit verweigert.

Hans Hatt spürht mit einem Deospray
Für Hans Hatt hat der Duft einen wesentlichen Einfluss darauf, wie eine Person oder ein Gegenstand bewertet wird.

Heute parfümieren wir uns fast zwanghaft. Wird der natürliche Geruch des Körpers dabei nicht vollständig überdeckt?

Nein, dazu ist die Nase viel zu komplex. Es interessiert die eine Zelle, welche die Rose riecht, nicht, was die Nachbarin macht, die für ein Pheromon zuständig ist. Den eigenen Körpergeruch kann man nie ganz vertuschen, egal, wie sehr man parfümiert. Die chemische Kommunikation funktioniert nach wie vor.

Immer?

Ja. Beispielsweise riechen Menschen in einem Raum, ob jemand unter ihnen Angst hat. Das Bauchgefühl, das mir sagt, ob jemand souverän ist oder ängstlich, hat viel mit dem Geruch zu tun, den diese Person ausströmt. Den viel zitierten Angstschweiss, den gibt es wirklich.

Ich kann ihn mir aber abwaschen, hoffe ich.

Wenn ich Ihnen etwas raten darf: Duschen Sie weniger. Aber mit dieser Ansicht stehe ich ziemlich alleine da. Wir leben in einer cleanen Welt, das ist der Trend. Achselhaare und Schweiss gehören nicht zu unserem Bild einer modernen Gesellschaft. Das sieht man auch schon daran, dass Leute, die schlecht riechen, von der Gesellschaft ausgeschlossen werden.

Und nun raten Sie mir trotz allem, weniger zu duschen. Warum?

Weil wir mit häufigem Duschen unseren individuellen Duftcocktail wegschrubben. Damit spülen wir auch die chemischen Informationen fort. Aber unser Kulturkreis hat eben entschieden, dass Urin, Schweiss und Fäkalien negativ konnotiert werden.

Kinder finden ihre Exkremente aber ziemlich toll.

Ja, weil sie natürlicherweise keine Hemmungen im Umgang mit ihren Ausscheidungen haben. Bis die Eltern kommen und sagen: Pfui, das macht man nicht, das stinkt. Wir werden dazu erzogen, unsere Exkremente zu tabuisieren. Wir haben auch verlernt, am anderen zu riechen.

Was ist daran falsch?

Im Grunde nichts. Aber damit gehen uns zahlreiche Informationen über den anderen verloren.

Was würde mir der Schweiss meines Partners denn über ihn erzählen?

Was der Schweiss uns genau mitteilen ­würde, wissen wir nicht, weil wir uns nicht damit beschäftigen. Wir haben verlernt, Informationen daraus zu ziehen. Im Tierreich ist das Riechen am anderen noch die gängige Art zu prüfen, ob einer als potenzieller Partner infrage kommt, oder Informationen über seinen hormonellen Status zu erhalten. Der Boss einer Herde stinkt ­übrigens immer am meisten.

Taugt also ein Mann, der stinkt, mehr?

Im Tierreich sind jedenfalls stark riechende Partner die Stärkeren, weil viel Testosteron meist intensiveren Körpergeruch bedeutet.

Und wenn ich mir Testosteronduft an den Hals sprühe? Merkt mein System, dass ich es überlisten will?

Nein, Testosteron hat keinen Duft! Der Körper kann natürliche und artifizielle Duftmoleküle nicht voneinander unterscheiden. Vanillin aus der Vanilleschote oder dem Labor, das ist dem Körper geruchstechnisch egal. Die Vanilleschote stellt neben dem Vanillin zusätzlich aber rund 100 weitere Duftstoffe her, ihr Duft ist also viel komplexer. Um das zu analysieren, besitzt unsere Nase etwa 350 verschiedene Rezeptoren in den Riechzellen. Diese Zellen erneuern sich alle vier Wochen, Sie laufen also jeden Monat mit einer neuen Nase herum.

Wird das der Nase nie zu viel?

Eine Nase kann nicht unter- oder überstimuliert sein, sie arbeitet nonstop, analysiert alle Gerüche der Umgebung. Sie ist das einzige System, das nie schläft, weil der Körper ja atmen muss, um zu leben. Ich analysiere also ständig die Duftstoffe in meiner Umgebung, ob ich das nun will oder nicht.

Wenn es in einem Raum aber stark riecht, dann wird mir ganz anders.

Dann ist meist nicht Ihre Nase überreizt, sondern Ihr vegetatives Nervensystem, das durch unsere Warn- und Schmerznerven stimuliert wird. Gerüche steuern Emotionen, steuern den Körper. Denken Sie an das exzessive Duftmarketing der Kleiderkette Abercrombie & Fitch.

Im Gegensatz zum Sehen und Hören verändert das Riechen den Körper in seiner Zusammensetzung.

Je nach Konzentration kann das auch gefährlich werden.

Ja, weil die Stoffe sich in Ihrem Körper festsetzen. Wenn eine Duftkerze niederbrennt, was denken Sie, wo ist sie dann hin? Die verbrannte Kerze ist zum Teil in unserem Körper, wir haben sie inhaliert. Darüber müssen wir uns bewusst sein. Im Gegensatz zum Sehen und Hören verändert das Riechen tatsächlich den Körper in seiner Zusammensetzung.

Gerüche verändern auch unsere Stimmung.

Es ist möglich, die Stimmung mithilfe von Düften zu steuern. Weil jeder Geruch Emotionen auslöst – bei jedem Menschen sind das andere. Ich bin als Person ja bei jedem Geruchserlebnis, das ich zum ersten Mal in meinem Leben habe, in einer gewissen Stimmung. Diese Stimmungslage wird mit dem Geruch gekoppelt und abgespeichert – das kriegen Sie nur mühsam wieder los. Wenn in einem Bus Lavendelduft durch die Gänge weht, finden das vielleicht 45 Leute angenehm und 5 schrecklich.

Braucht es beim Riechen immer die Nase?

Düfte können auch ohne den Einsatz der Nase auf uns wirken, wie Pharmaka. Sie gelangen über die Atmung, die Nahrung oder die Haut in unser Blut und von dort auch in das Gehirn. Dort können sie Gehirnzellen beeinflussen und uns wach oder müde machen. Ausserdem kommen Duftrezeptoren in allen Körpergeweben vor. Beispielsweise haben Prostata- oder Leberkrebszellen einen Duftsensor, der das Wachstum beeinflusst, wenn man ihn stimuliert. Welche Funktionen diese Rezeptoren in den verschiedenen Geweben haben, wissen wir aber noch nicht. Das gilt es nun zu erforschen.

Duft ist also Medizin.

Ja, zunehmend. Bis vor ein paar Jahren wurden Duftstoffe, die zur Beeinflussung von Körper und Psyche eingesetzt wurden, noch als esoterischer Quatsch abgetan. Doch die Medizin entdeckt den gezielten Einsatz von Düften zunehmend als Therapieverfahren.

Wie verändert sich der Geruchssinn im Laufe des Lebens?

Der Geruchssinn wird schlechter. Das sieht man oft bei alten Menschen: Das Geschmackserlebnis beim Essen fehlt ihnen zunehmend. Sie sagen dann, das schmeckt so anders als früher. Dabei schmeckt es gleich, nur sie riechen es anders.

Kann man etwas dagegen tun?

Nur tägliches Riechtraining kann helfen. Die Nase ist um ein Vielfaches komplexer als Augen und Ohren. Sie haben Brillen, Hörgeräte, Prothesen fürs Knie, aber eine Nasenprothese gibt es nicht. Weil die Wissenschaft noch nicht so weit ist. Wir haben einen langen Weg vor uns.

Zum Schluss noch eine gute Nachricht, bitte.

Wir haben immerhin herausgefunden, dass man mit Sandelholzduft das Wachstum der Hautzellen fördern kann. Und damit Regeneration oder Wundheilung beschleunigen kann. Spermien lassen sich übrigens auf dem Weg zur Eizelle durch einen Duft beeinflussen, der dem von Maiglöckchen ähnelt. Da sind sie wieder, Ihre Frühlingsgerüche.

Autor: Anna Miller

Fotograf: Sascha Kreklau