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20. Juni 2016

Handzeichen

Tempo weg im Wohnquartier
Das Mutter-Handzeichen heisst: Tempo weg im Wohnquartier! (Bild: Getty Images)

Es ist etwas im Busch, ich sage es Ihnen. Die Mütter von heute, die planen eine stumme Revolution. Bis vor wenigen Tagen wusste ich nicht, dass auch ich Teil dieses wortlosen Aufstands bin. Bis ich diese beiden Herren traf. Und das kam so:

Ich war mit meinen Mädchen im Quartier unterwegs. Dort gibt es diese bestimmte Stelle, man kommt eine kleine Treppe hoch – und steht mitten auf der Strasse. Vis-à-vis ist die Kindertagesstätte, die Primarschule, die Turnhalle und so weiter. Ein Fussgänger-Hotspot erster Klasse. Seit einiger Zeit gilt genau dort Tempo 30, was gut und richtig ist. Wir drei tasteten uns vorsichtig auf die Strasse vor, guckten links und rechts.
Da kam ein wirklich schönes, wirklich grosses Auto wirklich schnell auf uns zu. Ich handelte intuitiv und streckte die rechte Hand aus, Handfläche nach unten. Dann «drückte» ich die Luft nach unten. Immer wieder. In der Mami-Taucher-Sprache heisst das: Jetzt tritt aber mal auf die Bremse, du Superlenker! Ausserdem starrte ich mit irrem Muttertierblick in die verdunkelte Frontscheibe. Ich bin hier die Entenmutter, und wer meinen Küken zu nahe kommt, der lernt mich kennen... quack-quack!

Dann lief die Aktion zugegebenermassen etwas aus dem Ruder. Der Fahrer (ein Mann) wurde nicht nur langsamer, er hielt sogar an – das kam unerwartet. Warum ich dieses blöde Handzeichen gemacht hätte, wollte er wissen. Das sei ja wohl ein schlechter Witz, wo er doch exakt 30 km/h gefahren sei und immer gut auf kleine Kinder achten würde. Da ich mein Radarmessgerät daheim vergessen hatte und die Geschwindigkeitsübertretung nicht beweisen konnte, wollte ich schon kleinlaut und mit eingezogenem Schwanz abziehen.

Doch dann ging es vom Regen in die Traufe. Aus dem Nichts tauchte ein weiterer Herr auf. Ein Velofahrer hatte die Szene wohl beobachtet und wollte auch mitmischen. Anfangs dachte ich noch, er wäre auf meiner Seite, denn hey, er war locker 80 und trug keinen Helm. Denkste! Der Senior stieg von seinem Drahtesel und solidarisierte sich auf der Stelle mit dem Autofahrer. Es sprudelte nur so aus ihm raus: So etwas hätte es früher nicht gegeben. Doch heute würden alle diese Mütter diese Handzeichen machen. Andauernd und immer. Es sei eine Art Wahn. Dabei sei eine Strasse schliesslich eine Strasse und kein Parkplatz. Was wir (= die Revolutionsführerinnen) damit bewirken wollten? Wir würden uns nur zum Affen machen und uns total überschätzen. Dann stieg er wieder auf sein Velo und radelte zackig davon. Der Autofahrer drückte aufs Gas. Und ich musste zur Kenntnis nehmen, dass es nicht so leicht ist, eine Revoluzzerin zu sein.

Autor: Bettina Leinenbach