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13. März 2017

Handschrift gegen Compi: unentschieden

Können Schulkinder im digitalen Zeitalter überhaupt noch von Hand schreiben? Ein Blick ins Klassenzimmer einer Oberstufe im bernischen Koppigen zeigt: Es ist nicht halb so wild, wie Experten befürchten.

Lehrer Urs Rohrbach diktiert: Beim Test schreibt eine Gruppe von Hand, die andere mit dem Laptop.

Blitzschnell fliegen neun Hände in die Luft, als Oberstufenlehrer Urs Rohrbach (58) seine siebte Deutschklasse fragt, wer lieber mit dem Computer schreiben möchte. Sieben Laptops stehen an diesem Tag für die Klasse der Oberstufe Koppigen BE zur Verfügung. Zufrieden tragen drei Schülerinnen und vier Schüler diese an ihren Platz.

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Zwei Jungs haben etwas zu spät reagiert, sie müssen heute zu ihrem Pech von Hand schreiben. Die übrigen haben sich freiwillig fürs Handschreiben entschieden. Gleich findet ein spezieller Test statt: Er soll zeigen, was schneller läuft: Computer oder Handschrift – zuerst beim Diktat, und dann beim Abschreiben eines projizierten Texts.

Alle schreiben ungefähr gleich schnell
Konzentrierte Stille im Klassenzimmer. Deutschlehrer Rohrbach diktiert sorgfältig, mit deutlicher Aussprache, eine Stelle aus «Tintenherz» von Cornelia Funke: «Erschrocken pustete sie das Streichholz aus, kniete sich vor das regennasse Fenster und blickte hinaus. Und da sah sie ihn.» Eifriges Schreiben, Köpfe sind über Blätter gesenkt, Tastaturen klicken leise. Die beiden Gruppen wirken ungefähr gleich schnell, niemand wird unterwegs abgehängt. Als das Diktat zu Ende ist, wirft Lehrer Rohrbach kurz einen Kontrollblick in die Runde.

Die Schüler der Oberstufe Koppigen BE beim Wettschreiben

Voll konzentriert: die Schülerinnen und Schüler der Oberstufe Koppigen BE beim Wettschreiben

Das Resultat: Alle sind ungefähr gleichzeitig fertig geworden, zwischen Computer- und Handschreibern zeigen sich keine wesentlichen Unterschiede bezüglich Geschwindigkeit. Für Urs Rohrbach ist das keine grosse Überraschung: «Beim Schreiben geht es nicht allein um das Tempo mit Stift oder Tastatur», erklärt er. «Eine sehr wichtige Rolle spielen auch die Breite des Wortschatzes und die Geläufigkeit der Sprache.»

Diesbezüglich scheint es in dieser Klasse keine schreibschwachen Schülerinnen und Schüler mehr zu geben. Ob per Computer oder von Hand – alle schauen bei der zweiten Aufgabe immer wieder konzentriert zum projizierten Text hoch und übertragen ihn erstaunlich rasch und fehlerarm. Flink flitzen Kugelschreiber, hüpfen Finger; auch hier ist kein grosser Unterschied zu erkennen. In beiden Gruppen sind einige etwas schneller als andere, aber ein klares Plus ergibt sich weder auf der einen noch auf der anderen Seite.

Eine zweckmässige Wahl
Es gibt zwar immer wieder Experten, die davor warnen, die Handschrift gehe vor lauter Computer verloren. Aber Lehrer Urs Rohrbach sieht das in seinem Alltag nicht so tragisch: «Die Wahl muss zweckmässig sein und für die Schülerinnen und Schüler passen. Dann fühlen sie sich wohler, und das Resultat ist besser.»

Aber letztlich müssten sie beides beherrschen, denn schreiben heisst kommunizieren. Manchmal werden auch heute bei Bewerbungen noch handschriftliche Lebensläufe verlangt. Einigen macht das Schreiben von Hand sowieso mehr Freude. «Ich bin viel schneller von Hand und finde es einfach persönlicher», sagt etwa Vivienne Hardimann (12). Nicole Scheuner (12) ergänzt: «Beim Computer bin ich nie zufrieden mit dem Geschriebenen und lösche es immer wieder.» Von Hand passiert ihr das kaum.

Manchmal legt Lehrer Rohrbach Wert darauf, dass die ganze Klasse von Hand schreibt, beim gestalteten Abschreiben eines Gedichts etwa: «Hier braucht es den ganz speziellen, persönlichen Ausdruck.» Dann werden sich alle Köpfe über das Papier beugen und die Stifte möglichst elegant darüberfahren. «Schön» ist dann wichtiger als «schnell». Auch heute zählt nicht nur Effizienz.

Rohrbach kann allerdings denjenigen nachfühlen, die sich damit etwas schwertun. Er selber mochte früher seine Schrift auch nicht besonders. «Aber aus einer eher verkrampften Schrift kann sich mit der Zeit eine Charakterschrift entwickeln.» Vor allem die neue Basisschrift komme allen entgegen, die etwas mehr Mühe hätten.

Handschrift bremst vor allem Buben
Demnächst will Urs Rohrbach seine Klasse jedoch einen Text abtippen lassen und damit ganz gezielt die Anwendungsmöglichkeiten des Computers testen: Korrekturprogramm, Umstellen von Absätzen und Überarbeiten am Bildschirm sind dann angesagt. Loona Rentsch (12) freut sich schon darauf, sie hat sich auch an diesem Tag blitzschnell für einen der Laptops gemeldet. «Mit dem Computer werden meine Texte so schön regelmässig», sagt sie.

Hans Nyffenegger (14) in der hintersten Reihe nickt eifrig. Für ihn hatte es heute keinen Computer. Und obschon er ziemlich gleichzeitig mit den anderen fertig geworden ist, macht ihm das Schreiben von Hand einfach keine Freude: «Ich habe keine schöne Schrift, und wenn ich Fehler mache, muss ich sie durchstreichen, und das Blatt sieht sofort wüst aus.» Sein Banknachbar David Hess (13), auch er ein unfreiwilliger Handschreiber, ergänzt: «Von Hand zu schreiben, finde ich insgesamt sehr mühsam.»

Urs Rohrbach bestätigt: «Handschrift kann vor allem Buben stark bremsen, sie haben dann gar keine Freude mehr am Schreiben.» Das sei beim Computerschreiben glücklicherweise ganz anders: «Da kommt die Faszination des Neuen dazu.» Dabei hat er schon erlebt, wie einige, ohne es zu merken, sechs, sieben Seiten vollgetippt haben. «Sie kamen so richtig in den Flow.» Und das, findet Rohrbach, sei letztlich wichtig: die Freude am Schreiben. «Ob mit Computer oder Kugelschreiber ist dann zweitrangig.» 

Wie schreibt ihr lieber – von Hand oder mit dem Compi?

Gian Ruch

Gian Ruch (12): «Ich schreibe gern von Hand – zwar nicht sehr schön, aber ich finde das einfach persönlicher. Ausserdem macht es mir Spass zu sehen, wie viel ich geschrieben habe, das ist doch eine Leistung. Zum Glück mache ich wenige Fehler und muss daher nicht viel durchstreichen. Klar, auch mit dem Computer werde ich immer schneller, ich habe ein praktisches Dreifingersystem. Aber wenn ich auswählen kann, greife ich spontan zum Stift.»

Michelle Banderet

Michelle Banderet (13): «Vor allem für längere Texte oder Briefe ist für mich die Wahl eindeutig klar: Computer! Von Hand schreibe ich höchstens kurze Notizen, bei langen Texten tut mir nachher die Hand so weh! Ausserdem kann ich mit dem Computer ganze Zeilen verschieben oder Textteile einsetzen. Der einzige Vorteil der Handschrift: Textteile können nicht plötzlich verschwinden …»

Mike Lehmann

Mike Lehmann (13): «Meistens greife ich lieber zum Computer: Damit kann ich viel schneller schreiben. Nur wenn es sehr, sehr schnell gehen muss, komme ich mit meinem speziellen Sechsfingersystem beim Tippen nicht mehr nach. Sonst ist der Computer immer praktischer, obwohl ich meistens nur Kommafehler mache, die ich auch von Hand gut korrigieren könnte. Aber ich habe eine Steinschrift, die sich nur zum Abschreiben von Gedichten eignet.»

Anja Stähelin

Anja Stähelin (13): «Einen Brief schreibe ich immer von Hand – das ist viel persönlicher! Für Notizen nehme ich einen Bleistift, sonst meinen Lieblingskugelschreiber. Damit probiere ich immer wieder Schriften aus, beispielsweise schreibe ich mal wie mein Vater, also schräg und zackig, und mal wie meine Mutter, also grad und exakt. Es macht mir einfach Freude, eine eigene Schrift zu entwickeln und damit einen Text schön zu gestalten.»

Autor: Claudia Weiss

Fotograf: Marco Zanoni