Archiv
20. Januar 2014

Handicap als Stärke

Diese Woche wird der Zürcher This-Priis verliehen, eine Auszeichnung für Firmen, die handicapierte Menschen in ihren Betrieb integrieren. Profitieren tun davon alle: die Behinderten selber, ihre Kollegen und die Gesellschaft als Ganzes, wie ein Blick in drei Schweizer Unternehmen zeigt.

Problemlose Zusammenarbeit: Behinderter und anderer Angestellter. (Bild Keystone)

DIE TIPPS FÜR ARBEITGEBER
Ausserdem zum Thema:
Worauf sollte man achten bei der Anstellung von Handicapierten? Ursula Büsser vom Informationsportal zur Beruflichen Eingliederung compasso.ch liefert eine Übersicht zu sechs wichtigen Themen, von Erwartungen über Kommunikation bis zur Entlöhnung. Zum Artikel

Claudia Nadler und ihr Chef Johannes Baumann, Pflegezentrum Eulachtal in Elgg ZH

«Wir versuchen, keinen Unterschied zwischen den Menschen zu machen», sagt Johannes Baumann (61), Leiter des Pflegezentrums Eulachtal in Elgg ZH, und zieht seine Brille ab, ohne die er blind sei wie eine Spitzmaus. «Angeschlagen sind wir alle. Und wir alle brauchen Empathie und Zuwendung.»

Hauswirtschafterin Claudia Nadler vor einem Krankenbett im Pflegezentrum Eulachtal
Eine Frau für alle Fälle: Hauswirtschafterin Claudia Nadler macht Betten, hilft Pflegebedürftigen beim Essen und erhellt die ganze Belegschaft mit ihrem sonnigen Gemüt.
Johannes Baumann, Leiter Pflegezentrum Eulachtal in Elgg ZH.
Johannes Baumann, Leiter Pflegezentrum Eulachtal in Elgg ZH.

Das Zentrum ist Teil der Betriebsgemeinschaft von Einrichtungen der Alters- und Palliativpflege im Eulachtal und bietet pflegebedürftigen Menschen seit 30 Jahren ein Zuhause sowie eine ganzheitliche Betreuung. Hier arbeiten behinderte und nicht-behinderte Menschen Hand in Hand.

Zehn Prozent der Belegschaft, das heisst zwölf Mitarbeitende, sind Menschen mit einem Handicap. Sie arbeiten als Chauffeure, im Garten, in der Hauswartung, Reinigung oder in der Küche. Claudia Nadler (44) ist eine von ihnen. Ein richtiger Sonnenschein. Sie arbeitet Vollzeit als Hauswirtschafterin, wo sie auftischt, Essen serviert oder pflegebedürftigen Menschen beim Essen hilft. Sie ist auch im Backoffice und in der Hotellerie tätig, wäscht ab, macht Betten und staubsaugt die Räume.

Die aufgestellte Frau geht gerne auf Menschen zu. Seit der Hirnhautentzündung, die sie als Zweieinhalbjährige wegen der Masern durchgestanden hat, ist Rechnen für sie schwierig. Schreiben wiederum geht gut. Sie wohnt selbständig ein paar Dörfer weiter in Aadorf TG, von wo sie regelmässig zur Arbeit pendelt. Seit 13 Jahren schon.

Eingestellt wurde Claudia Nadler vom damaligen Küchenchef Willi Böhmler, der 1984 erstmals eine junge Frau mit Downsyndrom eingestellt hatte. «Ich bin froh, hier arbeiten zu dürfen», sagt Nadler, die heute noch dankbar ist. Hier fühle sie sich so angenommen, wie sie sei. Ihr erster Ansprechpartner ist Stationsleiter Mirsad Ramcilovic, der sie in der Funktion eines «Göttis» betreut. Und in Johannes Baumann hat sie einen humanen Chef, der neben Ökonomie Gerontologie studierte. Seinen Betrieb versteht er als Abbild der Welt, die nicht ideal sei und in der doch alle Menschen ihren Platz hätten.

«Jeder ist ein Farbtupfer in der Welt und hat seine Berufung», ist Baumann überzeugt. Dass das Pflegezentrum Eulachtal letztes Jahr für seine Integrationsarbeit mit dem This-Priis (siehe Box rechts) ausgezeichnet worden ist, freut ihn sehr. Allerdings wolle er sich nicht darin sonnen: «Menschen mit einer Behinderung anzustellen, sollte zur Normalität werden.»

Martin Bohl und sein Chef Ruedi Lieberherr, Morga in Ebnat-Kappel SG

Martin Bohl ist in der Toggenburger Lebensmittelfirma Morga für das Recycling der Wertstoffe zuständig. Der 54-Jährige waltet seit 22 Jahren selbständig als «Karton-Minister». Er ist seit seiner Geburt geistig behindert, kann weder schreiben noch rechnen, doch die Entsorgung der Wertstoffe im Unternehmen mit 120 Angestellten hat er voll im Griff. Was ihn mit Stolz erfüllt.

Recyclingprofi Martin Bohl mit Teamleiterin Mägi Mettler und Kartonschachteln unter dem Arm.
Alles im Griff: Recyclingprofi Martin Bohl mit Teamleiterin Mägi Mettler.
Ruedi Lieberherr, Unternehmensleiter Morga in Ebnat-Kappel SG.
Ruedi Lieberherr, Unternehmensleiter Morga in Ebnat-Kappel SG.

Zu Hause ist Martin Bohl in einer Wohnung bei seinem Bruder in Nesslau SG. Von dort pendelt er mit Bahn und Bus nach Ebnat-Kappel SG, geht über Mittag immer in dasselbe Restaurant und liest danach an seinem Stammplatz die Zeitung. Einmal pro Tag guckt er beim Chef im Büro vorbei, um sich nach neuen Autozeitschriften zu erkundigen. «Ich sammle sie für ihn», sagt Unternehmensleiter Ruedi Lieberherr (59). «Selbst unsere Lieferanten wissen um Martins Leidenschaft und beliefern mich mit Magazinen.»

Im Betrieb ist Martin Bohl, der 80 Prozent arbeitet, selbständig unterwegs, um mit dem Rolli die Paletten mit leeren Kartonschachteln und Plastikfolien abzuholen. Unten im Parterre sortiert er die Wertstoffe, bindet die Kartons zusammen, presst die Folien zu Ballen und stapelt die Materialien zum Abtransport.

Seine direkte Vorgesetzte ist Mägi Mettler, Teamleiterin der Abteilung Spedition und Import. Sie hilft ihm, wenn er nicht mehr weiter weiss. «Martin benötigt viel Aufmerksamkeit, und der Umgang mit ihm erfordert Geduld», sagt sie. Er brauche routinemässige Arbeiten, sonst werde er nervös. Und manchmal könne er auch ein richtiges Schlitzohr sein. Dann wisse man plötzlich nicht mehr, wo er stecke, und entdecke ihn später zum Beispiel hinter ein paar Kartonschachteln am Flirten mit einer neuen Mitarbeiterin.

Das soziale Engagement und die Anstellung von Martin Bohl sind Morga-Chef Ruedi Lieberherr wichtig. Auch als Jurymitglied des beruflichen Integrationspreises Ostschweiz (siehe Box rechts) setzt er sich dafür ein, dass Betriebe behinderte Menschen integrieren. «Wenn jedes Unternehmen ein bis zwei Prozent Menschen mit Handicap anstellt, ist ein grosser Dienst an der Gesellschaft geleistet.» An den handicapierten Menschen sowieso: «Sie fühlen sich als Teil der Gesellschaft und haben eine Aufgabe. Das fördert ihr Selbstvertrauen.»

Für Martin Bohl wirken Lob und Bestätigung, die er für seine Entsorgungsdienste bekommt, jedenfalls wie Balsam. «Es ist ihm unheimlich wichtig, dass er einen Job hat und hier mitarbeiten kann», stellt Ruedi Lieberherr fest. Er frage auch immer wieder, ob er bleiben dürfe. Auf die volle Unterstützung seines Chefs kann Martin Bohl zählen: «Martin kann bis zur Pensionierung bei uns bleiben.»

Matteo Bircher und seine Chefin Verena Hess, Caritas Zürich

Matteo Bircher ist ein richtiger Kundinnenschwarm. Gemäss Verena Hess (57), der Leiterin der Caritas-Secondhandläden «Kleider» und «Kleider netto» in Zürich-Aussersihl, ist der 30-Jährige sehr beliebt und bekommt immer wieder Geschenke. Bircher hat seinen Platz in der Arbeitswelt als Kundenberater und Verkäufer in den beiden Secondhand-Kleiderläden sowie dem Caritas «Kunst & Krempel», ebenfalls in Zürich-Aussersihl, gefunden. Dort verkauft Caritas Zürich Kunst und Kleinmöbel aus zweiter Hand und finanziert mit dem Verkaufserlös Projekte für armutsbetroffene Familien im Kanton Zürich.

Matteo Bircher im Caritas-Laden vor Kleidern und Taschen.
Sehr beliebt: Verkaufstalent Matteo Bircher erhält von seinen Kundinnen Geschenke.
Verena Hess, Leiterin von zwei Caritas-Secondhandläden in Zürich, beim Aufhängen von Kleidern.
Verena Hess leitet zwei von insgesamt sieben Caritas-Secondhandläden im Kanton Zürich.

Dass sich Matteo Bircher im Arbeitsalltag so wohlfühlt, war nicht immer so. Der Berufseinstieg für den Lernbeeinträchtigten war nicht leicht. «Ich hatte Mühe mit dem Druck», sagt der ausgebildete Lebensmittelverkäufer. Der Stress machte ihn krank. Er verlor zweimal den Job und landete beim Sozialamt. Bis im November 2008 die Tür in den Secondhandläden der Caritas Zürich aufging, wo er in einem Einsatzprogramm mitarbeiten konnte.

Er stieg mit Skepsis ein. Ob ihn hier wieder so viel Druck erwarten würde? Doch bald kam er aus sich heraus, profilierte sich als versierter Kundenberater und überraschte seine Kolleginnen mit seiner Kunst, Schaufensterpuppen mit kecken Farbkombinationen gekonnt in Szene zu setzen. Er blühte richtig auf. Zur Freude aller bewährte er sich auch an der Kasse so gut, dass das zunächst für ein halbes Jahr konzipierte Einsatzprogramm erst verlängert und dann in eine Festanstellung überführt wurde. Matteo Bircher hat nun einen 80-Prozent-Job.

«Das hier ist mein Traumarbeitsplatz», sagt der elegant gekleidete Verkaufsprofi. «Ich stehe hinter der Idee der Caritas-Secondhandshops und finde meine Arbeit sehr sinnvoll.» Auch Verena Hess lobt ihn: «Auf Matteo kann man sich verlassen, er bleibt auch in schwierigen Situationen immer sachlich und freundlich.» «Da vorne im Laden musst du Nerven an den Tag legen», sagt Matteo Bircher, «aber ich finds super!»

«Menschen mit sinnvoller Tätigkeit sind gesünder»

Christian Lohr, Publizist, Dozent und CVP-Nationalrat des Kantons Thurgau.
Christian Lohr, Publizist, Dozent und CVP-Nationalrat des Kantons Thurgau.

Interview mit Christian Lohr, Publizist, Dozent und CVP-Nationalrat des Kantons Thurgau, zum Thema.

Christian Lohr, wieso soll ein Betrieb Menschen mit einem Handicap integrieren?

Die Lebenssituation eines jeden von uns kann sich von heute auf morgen ändern. Insofern ist es ein Akt der Solidarität. Wir sind alle gleich. Einzig, dass die einen ein bisschen mehr, die anderen ein bisschen weniger eingeschränkt sind.

Ändert sich dadurch das Betriebsklima?

Ja, ein Unternehmen, das handicapierte Menschen anstellt, beweist Sozialkompetenz und lebt neben Wirtschaftlichkeit auch Menschlichkeit. Was sich wiederum positiv auf den Umgang mit- und untereinander auswirkt, da sich Behinderte und Nichtbehinderte gegenseitig als Menschen erfahren. Das fördert den Zusammenhalt.

Im November 2013 gab das Parlament grünes Licht für den Beitritt der Schweiz zur Uno-Behindertenrechtskonvention (BRK). Was versprechen Sie sich davon?

Dass wir wegkommen vom Outsourcen behinderter Menschen und ihnen ermöglichen, mitten unter uns so autonom wie möglich zu leben. Dazu gehören neben einer Arbeit auch gute Bildungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten.

Ein Schritt mehr hin zur Gleichbehandlung?

Ich hoffe es. Das Ziel soll sein, dass Menschen mit einer Behinderung ganz selbstverständlich als gleichwertig behandelt werden. Und dass man nicht nur ihre Defizite, sondern vor allem ihre Kompetenzen und Fähigkeiten sieht.

Artikel 27 der BRK statuiert das Recht auf diskriminierungsfreien und gleichberechtigten Zugang zum Arbeitsmarkt mit der Möglichkeit, die Arbeit frei zu wählen.

Ja, das ist sehr wertvoll. Bei der Umsetzung sind wir alle gefordert. Schon im Zusammenhang mit IV-Revisionen sprach man über Quoten: Danach müsste jeder Betrieb auch Arbeitsplätze für Behinderte anbieten. Ich bin zwar kein Befürworter reiner Quoten. Aber gerade grosse Unternehmen sollten sich selber stärker in die Pflicht nehmen. Sie haben gesamtgesellschaftliche Verantwortung, die sie wahrnehmen sollen.

Rentiert es auch finanziell, handicapierte Menschen anzustellen?

Gesamtgesellschaftlich auf jeden Fall! Menschen mit einer sinnvollen Tätigkeit sind selbstbewusster und dadurch gesünder. Das senkt die Gesundheitskosten. Aber die Rechnung geht auch für den Betrieb selber auf, da die IV Menschen mit Handicap finanziell unterstützt. Und das ist auch richtig so.

Wer berät Arbeitgeber, die Menschen mit einer Behinderung einstellen wollen?

Neben der IV gibt es andere Fachstellen wie Profil oder Wintegra.

Christian Lohr (51) lebt mit einer Contergan-Behinderung. Sein Engagement gilt einer breiten Gesellschaftspolitik, wo Fairness eine wichtige Rolle spielt.

Autor: Daniela Schwegler

Fotograf: Tina Steinauer