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06. Februar 2012

Handgelenk mal Salzstreuer

Kochen ohne Rezept! Dafür gibts jetzt eigens Kochbücher. Nur frage ich mich, was denn auf der zweiten Seite steht. Nein, fürs Kochen ohne Rezept brauchen wir Haushaltführende … Hoppla! Jetzt ist mir auch so ein Schwurbelausdruck rausgerutscht — wo ich die doch so verabscheue, wenn sie in Leitfäden aufscheinen: Lernende! Elternteil! Lehrer­Innenschaft! Den Pflegeberuf Ausübende! Himmel, Nein! Ich wollte natürlich «wir Hausfrauen und Hausmänner» sagen. Eben: Fürs Kochen ohne Rezept brauchen wir keine Rezepte.

Handgelenk mal Salzstreuer
«... ich bereite es dann halt irgendwie zu.»

Unsere Lieblingsrezepte haben wir intus, meist schon von der Grossmutter erlernt und über all die Jahre verfeinert. Ansonsten pröble ich gern drauflos: Resten verwerten und mit dem hantieren, was grad so im Kühlschrank steht. Dabei gelangen mir letzte Woche ganz ordentliche Spaghetti mit Poulet­geschnetzeltem an einer Sauce aus saurem Halbrahm, gehackten Zwiebeln, Fenchel, frischem Dill und Oregano. Wir bekommen drum jede Woche eine Lieferung Salat und Biogemüse direkt ab Hof. Gute Sache! Denn so lernen die Kinder Gemüsesorten kennen, die ich von mir aus nicht unbedingt gekauft hätte: Schwarzwurzeln, Topinambur, Bodenkohlrabi. Und sie merken, welches Gemüse in welche Jahreszeit passt. Ich ­bereite es dann halt irgendwie zu. Zum Beispiel gabs jüngst eine Gemüsewähe mit Kartoffeln, gedämpftem Sellerie, Rüebli und Lauch. In der Eile rühre ich dazu — Handgelenk mal Salzstreuer — mit Eiern, Muskat und Crème fraîche ­einen Guss an, und ab in den Ofen. Bei uns ist Kochen ohne Rezept fast Programm. Ausser wenn Besuch kommt, weil dann sollte es nicht missraten. Also greift man auf etwas Verlässliches aus dem Kochbuch zurück: Emmentaler Voressen an Safransauce.

Und sobald der Besuch gegangen ist, rasch die Rotwein- und Saucenflecken auf dem weissen Tischleinen mit Javelwasser entfernt — das alte Rezept! Bei dem Geruch wird mir weh: Er erinnert mich ans Planschbecken im elterlichen Garten; und wenn ich als Bub in Sottopassaggio in den Ferien war, roch jedes Treppenhaus so: frisch geputzt mit ­Javel. Eben hat die Aufsichtsbehörde dem AKW Leibstadt erlaubt, gefährliche Bakterien im Kühlwasser, welche die Legionärskrankheit verursachen können, mit Javel zu tilgen. Bereits letzten Sommer wurden 16 Tonnen Javelwasser zur Bekämpfung solcher Keime eingesetzt und danach in den Rhein geleitet. Abgesehen davon, dass mich das nicht besonders appetitlich dünkt, musste ich schmunzeln, dass bei einem Atomernstfall der besonderen Art alte Hausfrauentricks zur Anwendung kommen. Apropos Ernstfall: Als Hans letzten Mittwoch um 13.32 Uhr, während rundum versuchshalber die Sirenen heulten, meinte, was wohl wäre, wenn mal ein Ernstfall an einem Mittwoch um halb zwei geschähe und alle denken würden, es sei nur ein Sirenentest, wusste ich auf seine schlaue Frage kein Rezept. Aber das macht auch gar nichts. Wir erziehen ­ohne Rezept, und das Leitbild meines Vertrauens hiesse bekanntlich schlicht: «Es gilt der gesunde Menschenverstand.»

Noch wegen meiner Wähe: Ich musste vor dem Znacht aus dem Haus und staunte am späten Abend, dass nur ein winziges Stück übrig war. Weshalb die Kinder sie gemocht hatten, wurde aber beim ersten Bissen klar: Ich, der notorische Versalzer, hatte unabsichtlich eine süsse Gemüsewähe gebacken. Wegen der Rüebli! Und ich muss selber sagen: Die war wirklich fein.

Die Hausmann-Hörkolumne , gelesen von Bänz Friedli (MP3)

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Bänz Friedli lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

Bänz Friedli live: 9. 2. St. Gallen, Quimby-Huus.

Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli