Archiv
12. November 2012

Handarbeit

Das Image der Handwerksberufe sinkt, und die Fingerfertigkeit der meisten Menschen beschränkt sich heute auf das Bedienen der Computertastatur. Doch es gibt Ausnahmen. Das Migros-Magazin hat vier Männer besucht, die eine alte Handwerkskunst beherrschen, innovativ damit umgehen und beweisen, dass die Arbeit von Hand auch heute noch Zukunft hat.

Für seinen 
Weidensarg erhielt Bernard Verdet 2010 
den Prix Jumelles
Kunstwerke 
und Gebrauchsgegenstände aus Weide: Für seinen 
Weidensarg erhielt Bernard Verdet (60) im Jahr 2010 
den Prix Jumelles.

Von Glasbläserin über Klöpplerin zum Hafner: Online weitere Kurzporträts von Vertreter(innen) alter Handwerkskunst.

UND IHR HANDWERKER?
Kennen Sie weitere Vertreter alter Handwerksberufe oder üben Sie selbst ein solches aus? Dann senden Sie uns Namen, Ort und Bild per E-Mail.

Wenn Sie kein Bild oder genaue Angaben haben, so erstellen Sie einfach unten an diesem Artikel einen Kommentar (dazu müssen Sie sich nicht registrieren) mit Ihrem Hinweis. Vielen Dank!

DIE PORTRÄTS
Sein Sarg steht vor der Werkstatt. «Darin werde ich einmal begraben», verkündet Bernard Verdet (60), der Weidenflechter. «Sarco» hat er seine Erfindung getauft, mit der er 2010 die Designerauszeichnung Prix Jumelles gewann. Der ökologische Weidensarg passt zu Verdets eigenwilliger Art, seiner Liebe zur Natur und seinem Einfallsreichtum. «Man muss dem öffentlichen Geschmack immer einen Schritt voraus sein», sagt er. Ist etwas einmal Mode geworden, interessiert es ihn nicht mehr.

Der gebürtige Pariser ging mit 14 von der Schule, schloss mit 18 die Korbflechtereischule ab und kam 1974 der Liebe wegen in die Schweiz. Viele Jahre lang arbeitete er mit Behinderten und mit Jugendlichen in geschützten Werkstätten, jetzt gibt er Kurse im Kurszentrum Ballenberg BE.

Flechten ist wie eine Meditation. – Bernard Verdet

In seiner Werkstatt im ehemaligen Stall eines alten Engadiner Hauses in Lavin GR warten Stühle, Körbe, Zainen und Fauteuils auf die Reparatur. Es ist kalt. Der Meister sitzt auf einem Schemel, stundenlang, vor sich eine kleine, schräge Bank für sein Werkstück. Rau sind seine Hände, von der Kälte, vom Flechten, vom Wasser, in dem die Weiden eingeweicht werden müssen, um sie geschmeidig zu machen. Flink und geschickt bearbeitet Verdet das Flechtwerk, windet und knotet mit geübten Griffen. «Man muss mehr mit Gefühl arbeiten als mit Kraft, à la légère», erklärt er. «Es ist wie eine Meditation.»

Über die Jahre sind in dieser Werkstatt schon Ballonkörbe, Theaterkulissen, die Ausstattung eines antiken Eisenbahnwaggons, riesige Weidentunnels und -dächer, Lichtinstallationen und eine drei Meter hohe Babuschka-Figur entstanden. Mit dem Vriner Architekten Gion Caminada baute Verdet einen Turm aus Weiden am Reussdelta in Altdorf UR, und in Langenthal BE knotete er als Kunst im öffentlichen Raum Weidenknäuel an Laternenpfähle. «Es isch läbig!», begeistert er sich immer neu für sein Material. Schliesslich lässt sich von der Wiege bis zum Sarg so ziemlich alles damit herstellen.

Fundholz hat bereits eine Geschichte. Ich greife diese auf und entwickle sie weiter. – Alexander Curtius

Das Atelier von Alexander Curtius (51) ist eigentlich eine Holzhütte und liegt oberhalb von Scuol GR auf einem Hügel. Der kann im Winter schon mal tief verschneit und vereist sein, dann transportiert Curtius Material und Kunstwerke mit dem Schlitten. Gearbeitet wird zu jeder Jahreszeit im Freien, unter einer Plastikplane, egal, bei welchem Wetter. Für seine Skulpturen verwendet Curtius Schwemmholz aus dem Bach oder Lawinenholz aus den Bergen. Manchmal muss es mit dem Helikopter herbeigebracht werden.

Die Holzliegen von Alexander Curtius (51) sind Ende November an der Designmesse «Blickfang» in Zürich zu sehen.
Die Holzliegen von Alexander Curtius (51) sind Ende November an der Designmesse «Blickfang» in Zürich zu sehen.

«Fundholz hat bereits eine Geschichte. Ich greife diese auf und entwickle sie weiter», erklärt Curtius. Verwaschene, verschlungene Wurzeln und Stämme verwandeln sich so in elegante Skulpturen von schlichter, fliessender Ästhetik. Auch die Möbel, die Curtius gestaltet, haben naturnahe, organische Formen. Seine Liegen umschmeicheln wellenförmig den Körper. Als Vorbild diente Curtius ein Baumstamm, der lange im Wasser gelegen hatte. Jede Liege ist ein Unikat. Drei bis fünf Tage lang arbeitet Curtius an einem Einzelstück, das circa 4000 bis 5000 Franken kostet. Ende November stellt er an der Designmesse in Zürich aus.

Curtius beschäftigt sich lieber mit Holz als mit Marketing

Nachdem der gebürtige Deutsche eine Schreinerlehre absolviert hatte, studierte er Kunst in Wien, wo er seine Schweizer Frau kennenlernte. 16 Jahre lang arbeitete er als Werklehrer an Rudolf-Steiner-Schulen, davon elf Jahre an der Bergschule Avrona im Engadin. Den Einfluss der anthroposophischen Lehre Steiners sieht man Curtius’ Werken an. Inzwischen hat er das Unterrichten an Schulen jedoch aufgegeben und veranstaltet stattdessen Kurse im Bildhauen. Das bereichere ihn auch künstlerisch, so Curtius. «Der Schöpfungswille der Teilnehmer ist unglaublich.» Sollte er jemals spüren, dass Langeweile oder Routine aufkomme, müsste er sich etwas Neues ausdenken. Auch vor der Erweiterung seiner Produktion schreckt er bis jetzt zurück; er bleibt lieber Einmannbetrieb und produziert ein Stück nach dem anderen, als zu riskieren, mehr mit Marketing, Organisation und dem Anlernen von Mitarbeitern beschäftigt zu sein als mit seinem Handwerk. «Die Selbständigkeit ist für mich absolut perfekt», sagt Alexander Curtius. «Vielleicht bin ich halt ein klein wenig ein Eigenbrötler.»

Der Stahl muss glänzen wie ein Käse in der Sonne. – Benjamin Löffel

In der Schmiede im Freilichtmuseum Ballenberg schweisst Benjamin Löffel (21) mehrere Schichten Stahl und Eisen zu einem Päckchen zusammen und bringt es im mächtigen Ofen zum Glühen. Jetzt gilt es, die Metallschichten rasch mit dem Hammer zusammenzuschmieden. Nur wenige Sekunden ist der Stahl heiss genug, dann muss er zurück ins Feuer, und das Ganze beginnt von vorne. Immer wieder wird das Werkstück gefaltet, geschmiedet, gefaltet, geschmiedet. Es wird immer länger und dünner, die Lagen verdoppeln sich mit jedem Arbeitsschritt. Dann wird das Werkstück in Form geschliffen und in ein Säurebad getaucht. Die Verätzung und das Polieren bringen das typische, einer Holzmaserung ähnliche Muster zum Vorschein, für das der Damaszenerstahl berühmt ist.

Als Schüler verfiel Benjamin Löffel (21) dem Damaszenerstahl. Von zwei Profis lernte er das uralte Schmiedehandwerk.
Als Schüler verfiel Benjamin Löffel (21) dem Damaszenerstahl. Von zwei Profis lernte er das uralte Schmiedehandwerk.

Als Schüler entdeckte Löffel im Fernsehen die mehr als 2000 Jahre alte Schmiedekunst, mit der sich besonders harte Waffen herstellen lassen. Sofort machte er sich auf die Suche nach Fachleuten, von denen er lernen konnte. Franz Kernen aus Herrenschwanden BE brachte ihm die Grundlagen des Schmiedens bei. Dann lernte Benjamin Löffel in den Schulferien bei Niklaus Maurer vom Kurszentrum Ballenberg das Damaszenerschmieden und schrieb auch seine Maturarbeit darüber. «Vieles, worauf es beim Schmieden ankommt, lässt sich schwer in Worte fassen», sagt er. «Die richtige Temperatur, sagte man mir zum Beispiel, hätte der Stahl, wenn er glänzt wie ein Käse in der Sonne. Man muss sich am besten alles von einem Fachmann abschauen und einfach probieren, probieren, probieren.»

Wir haben keinen Computer. Wir machen alles nach Gefühl. – Thomas Inderbinen

Buchs bei Aarau, ein unscheinbares Musikgeschäft. Im Schaufenster gewöhnliche Blasinstrumente ab der Stange. Die Musikschule lässt hier ihre Instrumente warten. Aber auch weltbekannte Jazzmusiker wie Glenn Ferris, Randy Brecker und Roy Hargrove gehen hier ein und aus. Das liegt am Inhaber des Ladens, Thomas «Tommy» Inderbinen (51). Der gelernte Instrumentenreparateur ist selbst «angefressener Jazzmusiker» und spielte früher professionell Saxofon.

Seine Blasinstrumente sind bei den Stars der Jazzszene begehrt: Thomas Inderbinen (51) in seiner Werkstatt.
Seine Blasinstrumente sind bei den Stars der Jazzszene begehrt: Thomas Inderbinen (51) in seiner Werkstatt.

Seine Karriere als Instrumentenbauer begann vor 25 Jahren. Er «frisierte» Standardinstrumente, um ihren Klang zu verbessern, montierte neue Schallrohre, schliff Ventile und veränderte Mundrohre. Doch das Herumdoktern an vorgefertigten Stücken zerstöre den Charakter eines Instruments, sagt er. Also baute Inderbinen kurzerhand eine eigene Trompete. Die liess er von bekannten Musikern Probe spielen, und deren Feedback nutzte er für Verbesserungen. Dabei experimentierte er nicht nur mit dem Klangkörper der Instrumente, sondern auch mit Beschichtungen. Auf diese Art entstand sein berühmtes schwarzes Saxofon, das die Fachwelt zunächst vor den Kopf stiess.

Jedes Instrument entsteht in wochenlanger Handarbeit

Die schwarze Farbe, die zu einer Art Markenzeichen geworden ist, entsteht durch den Zunder, der sich beim wiederholten Glühen und Hämmern des Blechs auf das Material legt. Inderbinen poliert diese Patina nicht weg, weil er entdeckt hat, dass sie das Klangspektrum des Instruments erweitert. Über Jahre hinweg hat er weitere Trompeten, Flügelhörner, Posaunen, Querflöten, Cornets und Saxofone entwickelt. Meist sind es Massanfertigungen, die teilweise sehr eigenwillig aussehen. Obwohl Inderbinen mittlerweile sechs Angestellte und drei Auszubildende beschäftigt, müssen die Kunden oft bis zu zwei Jahre auf ihr Instrument warten. Denn jedes Instrument entsteht in wochenlanger Handarbeit, jede Neuentwicklung dauert Jahre. Etwa 80 Instrumente schafft die Werkstatt pro Jahr. Alle Angestellten sind selbst Musiker und bringen das nötige feine Gehör mit. «Wir haben keinen Computer. Wir machen alles nach Gefühl», sagt Thomas Inderbinen. «Man spürt in den Fingern, hört beim Bearbeiten, ob der Klang stimmt.»

Autor: Sonja Bonin

Fotograf: Christian Schnur