Archiv
21. September 2015

Halt den Schnabel!

Im Bohnebluescht-Garten herrscht gerade Krach: Huhn Nana macht den Güggel – und das jeden Morgen.

Zwerg-Wyandotte Nana will raus
«Was guckst Du? Mach das Tor auf, ich will raus, aber hoppla!»

Regelmässige Kolumnenleser wissen, dass im Bohnebluscht-Garten drei Hühner der Marke Zwerg-Wyandotten beheimatet sind: Idefix (weiss), Pokemon (blau) und Nana Mouskouri, kurz Nana (schwarz). Trotz der etwas irreführenden Namen handelt es sich dabei ausschliesslich um Damen. Und das hat seinen Grund: Um keinen Krach mit der Nachbarschaft zu provozieren, hatten wir uns damals bewusst gegen einen Hahn entschieden. Denn die machen ja mit der ersten Morgendämmerung gewöhnlich Krach, sprich Kikerikii!
Dummerweise ist es jetzt aber so, dass unsere Nana seit ein paar Tagen sozusagen den Güggel macht. Ein «Kikerikii» kriegt sie zwar naturgemäss nicht hin, dafür aber ein so dezibelstarkes «Gagaagaaaagaaaaa», dass dabei auch der letzte Hahn vom Stängeli fallen würde – hätten wir denn Hähne.
Item. Bisher war es so, dass Nana immer nur lauthals gegackert hat, wenn sich entweder ein Milan, eine Katze oder der Rega-Helikopter in unserem Garten hat blicken lassen. Was nicht weiter gestört hat, denn das war untertags, wenn in den Nachbarsgärten rund herum sowieso diverse Retromöpse, Rasenmäher, Kinder, Güselwagen und eben Rega-Helikopter einen dezibelstarken Klangteppich gelegt haben.
Neuerdings gackert Nana nun aber von dem Moment an, an dem mein Wecker läutet. Also um 6.30 Uhr, wenn im ganzen Quartier (eigentlich) noch Totenstille herrscht. Mein Wecker läutet, und das wars mit der Totenstille: Nana gackert. Laut. Und zwar nicht etwa, weil sie am Verhungern wäre, schliesslich verfügt unser Hühnerstall über einen Futterspender. Sondern weil sie raus in den Garten will, und zwar subito! Dazu muss man wissen, dass unseren drei Hühnern neben dem Stall eine Voliere zur Verfügung steht. Dort können sie 24 Stunden frei herumhühnern, also auch morgens um 6.30 Uhr. Nur scheint das Nana nicht mehr zu genügen. Vielleicht glaubt sie ja auch, dass das Gras ännet dem Hag grüner sei.
Wie auch immer: Nana will raus in den Garten, und zwar subito! Und weil sie weiss, dass sie dafür ihr Frauchen sprich mich braucht, und weil sie weiss, dass der Wecker, der da soeben läutet, der meinige ist, gackert sie los, sobald mein Wecker läutet, also punkt 6.30 Uhr. Um 6.31 Uhr könnt Ihr mich dann sehen, wie ich, den Morgenmantel über die Schulter geworfen, mit in alle Richtungen stehenden Haaren und wild mahlendem Kiefer aus der Terrassentür Richtung Hühnerstall stolpere, um Nana den Schnabel zu stopfen sprich sie in den Garten rauszulassen.
Und wer mir jetzt sagt, es sei erzieherisch gesehen kein cleverer Schachzug, mich von einem Huhn gängeln zu lassen, dem sei gesagt: Erstens lassen sich Hühner nicht erziehen, und zweitens lassen Hühner sich nicht erziehen. Man kann sie höchstens in den Suppentopf stecken – aber so weit bin ich noch nicht. Stattdessen hoffe ich, dass die Zeit für mich arbeitet. Der Aktionismus von Güggel richtet sich nämlich nach dem Tageslicht: je später die Morgendämmerung, desto später der Morgenruf. Spätestens wenn es um 6.30 Uhr noch stockdunkel ist, müsste Nana also den Schnabel halten – trotz Weckerläuten. Hoffentlich!
PS: Als der Wecker vor ein paar Tagen läutete, gackerte Nana tatsächlich für einmal nicht. Als ich dann leicht irritiert nachschaute, entdeckte ich sie friedlich pickend zwischen den Brombeeristauden – ich hatte am Abend vergessen, die Damen in die Voliere zu scheuchen. Glücklicherweise war kein Marder vorbeigekommen. Wobei meine Nachbarschaft da wohl weniger von Glück spricht ...

Autor: Almut Berger

Fotograf: Almut Berger