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15. April 2013

Halb so wild

’Tami, schon wieder die Finger am Reisbeutel verbrannt, nachdem ich das Ding mit einer Gabel aus dem kochenden Wasser geklaubt habe und es mir von der Gabel gerutscht ist! Aufreissen geht auch nicht. Zunächst. Dann aber reisst, ratsch!, der ganze Beutel entzwei, das Kochwasser schwappt auf Chromstahl und Kleider, der Reis landet statt in der Schüssel am Boden. Hier ist die Lösung das Problem: Aus Versehen hab ich Reis erwischt, der in Beuteln portioniert ist. «Kein Festkleben mehr am Pfannenrand!», verspricht der Packungstext. Es würden garantiert keine Körner im Winkel zwischen Pfannenboden und -wand hocken bleiben, sondern alles gleichmässig durchgegart. Aber, Himmel, das Problem hatte ich doch gar nie! Angeblich handelt es sich bereits um einen «verbesserten Kochbeutel», der sich dank «kalter Ecke» problemlos anfassen und «leicht aufreissen» lasse. Wetten, dass derjenige, der diesen Werbetext verfasst hat, selber noch nie Reis gekocht hat?

«Ich lasse mir ungern Probleme einreden.»
«Ich lasse mir ungern Probleme einreden.»

Und überhaupt: Habe ich je darum gebeten, man möge Reis entwickeln, dessen Zubereitung nur zehn Minuten dauert? In dieser Zeit ist mein Pouletcurry längst nicht fertig! Ach, es ist wie mit so vielen Neuerungen, auf denen «convenient» steht und die verheissen, sie würden einem das Leben erleichtern: Sie sind nur ärgerlich. Und ich lasse mir ungern Probleme einreden, die ich nicht habe. Schon gar nicht, was die Erziehung betrifft. Allenthalben wird problematisiert und psychologisiert; man könnte meinen, Kinder zu haben sei ein einziges Fiasko. Schon im Geburtsvorbereitungskurs werden Mutter- und Vaterschaft als furchtbar schwierig dargestellt, später warnt eine ganze Ratgeber- und Kursindustrie vor Gefahren, die in der bösen Gegenwart scheints lauern: Internet! TV-Sucht! Computergames! Energy-Drinks! Zucker! Gewalt! Porno! Alkohol! Konsum! Immerzu wird das Bild einer verzogenen, missratenen Jugend gezeichnet, und immerzu soll ich mich als überforderter «Elternteil» beraten, aus- und weiterbilden und mein Kind schon mal präventiv «abklären» lassen. Wie bin ich jetzt von Reisbeuteln auf die Kindererziehung gekommen? Egal. Ich lasse mir ungern Probleme einreden. Ein Kind ist kein Accessoire, kein Projekt, kein Zeitvertreib. Ein Kind ist ein Kind. Punkt. Es treibt einen manchmal die Wände hoch, dann schickt man es halt kurz zum Verlüften nach draussen. Oder noch besser gehe ich selber raus, um tief Luft zu holen. Danach vertragen wir uns wieder. Wenn die eigenen Kinder nerven, versetzt man sich ohnehin am besten für Sekunden ins Kind in einem selber zurück. Dann nerven sie nicht mehr.

Ich lasse mir ungern Probleme einreden.

Wann hat Ihr Kind Sie das letzte Mal halb stigelisinnig gemacht? Und wann hat es Sie zum letzten Mal zu Tränen gerührt? Wenn Sie beide Fragen mit «gestern» beantworten können, ist gut. Dann brauchen Sie keinen Kurs. So. Und jetzt lege ich das Flugblatt des nächsten Infoabends, der mich bei der ach so schwierigen Erziehung unterstützen will, zum Altpapier. Herrgott noch mal, das Leben mit Kindern ist kein Problem — es ist wunderbar. An einer Taufe, an der wir unlängst waren, sagte die Pfarrerin etwas sehr Schönes. Sie wünschte den Eltern «Liebe, Freude und Gelassenheit». Mehr brauchts nämlich nicht, nur das: Liebe, Freude, Gelassenheit.

Wenn ich die jetzt noch im Umgang mit Reisbeuteln entwickeln könnte, die Gelassenheit, dann wäre alles gut.

Bänz Friedli live: 17. und 19. April Zürich, «Gessnerallee» (ausverkauft).

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Autor: Bänz Friedli

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