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03. April 2017

Härtere Gangart gegen Elterntaxis

Eltern, die ihre Sprösslinge in den Kindergarten oder in die Schule fahren, hindern die Kleinen daran, wichtige Erfahrungen zu machen – und gefährden andere Mädchen und Buben, die zu Fuss unterwegs sind. Jetzt interveniert die Polizei mit Präsenz und Bussen.

Lukas (7) geht zu Fuss
Sie haben beide ihren Schulweg gezeichnet: Lukas (7) geht zu Fuss, ...

Elterntaxis machen Schule und beschäftigen auch die Politik. In Schaffhausen muss der Kantonsrat die Frage beantworten, ob die Polizei genug Verkehrskontrollen rund um ­Schulen durchführt. Im Kanton Aargau kontrolliert die Regionalpolizei den Verkehr vor Schulhäusern und Kindergärten bereits verstärkt. Mit mässigem Erfolg, wie René Lippuner (51), Präsident des Verbands Aargauer Regionalpolizei, im Interview (unten) ausführt.

Laut der Beratungsstelle für Unfallverhütung bergen Elterntaxis viele Gefahren. Da es morgens schnell gehen müsse, werde das Kind im Auto oft nicht richtig gesichert.
Elterntaxis gefährdeten auch die Kinder, die zu Fuss unterwegs sind. Zudem lerne das Kind im Auto nicht, sich im Verkehr zurechtzufinden.

«Wer den Schulweg verpasst, verpasst das halbe Leben», sagt Marco Hüttenmoser (74) von der Forschungs- und Dokumentationsstelle «Kind und Umwelt». Er hat 10'000 Kinderzeichnungen zum Thema Schulweg analysiert. Anhand der Zeichnungen lasse sich feststellen, ob ein Kind zu Fuss in den Kindergarten oder in die Schule gehe.
«Die Werke der selbständigen Kinder sind farbig und detailreich, diejenigen der unselbständigen oft einfach. Ihnen fehlen die intensiven Schulwegerlebnisse.» Bei den Zeichnungen von Kindern, die gefahren werden, fielen auch räumliche Verkürzungen auf. «Da steht die Schule direkt neben dem Elternhaus.»

Dennoch warnt Hüttenmoser vor «blinder Elternschelte». In ­Aus­nahmesituationen gebe es gute Gründe für das Elterntaxi. 

POLIZEIEXPERTE RENE LIPPUNER

«Bei grösseren Schulen fahren bis zu 100 Autos vor, manche mit Kindern überfüllt»

POLIZEIEXPERTE RENE LIPPUNER
POLIZEIEXPERTE RENE LIPPUNER

René Lippuner (51) ist Chef der Regionalpolizei Zurzibiet und Präsident des Verbands Aargauer Regionalpolizeien.

Elterntaxis beschäftigen die Regionalpolizeien im Kanton Aargau. Wieso interveniert die Polizei jetzt?

Das Phänomen beschäftigt nicht nur uns, es hat in der ganzen Schweiz überhandgenommen. Wir reagieren nun auf Reklamationen von Schulen, Lehrpersonen, Anwohnern und Eltern und sind vermehrt präsent. Zur Schul-Rushhour ist das Verkehrsaufkommen enorm geworden. Bei grösseren Schulen, etwa in Döttingen oder Bad Zurzach, fahren pro Tag bis zu 100 Autos vor. Manche sind mit bis zu acht Kindern hoffnungslos überfüllt.

Welche Handhabe hat die Polizei?

Missachten Lenker Fahr- oder Halteverbote oder überladen Autos, können wir Bussen verteilen oder müssen Anzeigen schreiben. Mehrheitlich suchen wir das Gespräch mit den Eltern, appellieren an ihre Vernunft und zeigen die Gefahren auf. Auf dem Weg zur Arbeit sind Mütter und Väter meist gestresst. Sie parkieren oder halten irgendwo und wenden in aller Eile auf engem Raum, wo Kinder sich zwischen den Autos hindurchschlängeln müssen. Da kommt es immer wieder zu sehr kritischen Situationen. Manche Eltern lassen ihren Wagen auch einfach stehen und begleiten die Kinder bis ins Schulzimmer. So rauben sie ihnen die letzte Chance auf ein bisschen Freiraum.

Was bewegt Eltern dazu, sich so zu verhalten?

Sie befürchten, dass ihre Kinder beim Überqueren der Strasse angefahren oder von Kollegen gemobbt werden. Dabei könnten die Kinder gerade auf dem Schulweg soziale Kontakte knüpfen, Konflikte lösen und lernen, sich sicher im Strassenverkehr zu bewegen. Und das eine oder andere kleine Abenteuer erleben. Doch es fehlt oftmals am Vertrauen der betroffenen Eltern in ihre Kinder.

Der Schulthek war gerade besonders schwer ...

Stossen Polizisten auf Verständnis, wenn sie mit diesen Eltern das Gespräch suchen?

Meistens geben uns die Mütter und Väter recht und erklären, weshalb sie ihre Kinder in die Schule gefahren haben: Die Familie war spät dran, der Schulthek war gerade besonders schwer, das Wetter schlecht. Manchmal geht es um Schulwege von nur 400 Metern, die die Eltern ihren Sprösslingen nicht zumuten mögen. Das hat auch viel mit Bequemlichkeit zu tun. Ich möchte nicht alle Eltern verun­glimpfen. Aber manche sind bei diesem Thema beratungsresistent. Ich habe auch schon derselben Person dreimal hintereinander eine ­Busse ausgestellt – ohne Lerneffekt.

Und wenn ein Schulweg tatsächlich über eine gefährliche Strasse führt?

Im Kanton Aargau haben die Gemeinden Millionen ausgegeben, um Trottoirs zu verbreitern und Schulwege sicherer zu gestalten. Wir nehmen die Kinder als schwächste Verkehrsteilnehmer sehr ernst. Bei kritischen Stellen appellieren wir an Schulen und Eltern, gemeinsam Lösungen zu finden. Das können Verkehrslotsen sein, die Kinder über Strassen begleiten, oder sogenannte Pedibusse: Eine erwachsene Person geht mit einer Kinderschar mit, Mädchen und Buben können an «Haltestellen» dazustossen.

Seit wann schlagen Sie sich mit Elterntaxis herum?

Seit rund sechs Jahren. Mit der steigenden Mobilität hat sich das Problem verschärft. Früher hatten die meisten Haushalte nur ein Auto, heute sind es oft zwei. Zudem hat der Druck im Alltag zugenommen. Alles muss schnell gehen, die Logistik mit mehreren Kindern, die alle aufwendige Hobbys haben, ist anspruchsvoll.

Welche Erinnerungen haben Sie an Ihren eigenen Schulweg?

Mein Schulweg war teils vier bis fünf Kilometer lang. Ich ging erst zu Fuss und dann mit dem Velo. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich das je anstrengend fand. Es war vielmehr ein tägliches Abenteuer.  


Autor: Monica Müller