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19. Januar 2015

Hände runter!

Harmloser Klaps auf den Hintern?
Bloss ein harmloser Klaps auf den Hintern? (Bild: iStockphotos)

Letzte Woche ging es an dieser Stelle um die Wutausbrüche meiner Tochter. Ich kam dabei total gelassen rüber, ruhig und unaufgeregt. Ich habe Ihnen aber etwas verschwiegen. Ein kleiner Teil von mir will in Momenten, in denen sich die Kinder wie tollwütige Derwische aufführen, nämlich keinesfalls ruhig und gelassen bleiben. Es ist immer meine rechte Hand, die plötzlich ein Eigenleben entwickelt. Sie zuckt, will sich selbständig machen, will die kleinen Nervensägen packen, sie durchschütteln, bis ihnen die Zähne klappern, will sie herumschleudern, bis sie wie Flugzeuge abheben, will sie schlagen, bis es klatscht.

Ich wurde als Kind nie gehauen. Glücklicherweise gab es in den 1970er- und 80er-Jahren diesbezüglich schon ein Unrechtsbewusstsein. Der berühmte Klaps auf den Popo, der war in meinem Leben aber durchaus real. Manchmal, wenn ich Mama und Papa zur Weissglut getrieben hatte, machte es «Bopp!». Ich höre das dumpfe Geräusch noch heute, fühle den Moment, in dem mein kleiner Körper nach vorne schwingt, noch immer. Diese gelegentlichen Klapse waren in den Augen meiner Eltern definitiv kein Schlagen. Es ging mehr um die Wiederherstellung geltender Hierarchien. Da der kleine Mensch offensichtlich vorübergehend vergessen hatte, dass der grosse Mensch der Chef war, haute der grosse nun dem kleinen den Hintern. Bopp! Nur ein Mal. Und absolut halbherzig. Meine Eltern rechtfertigten sich – wie viele andere Mütter und Väter dieser Generation – damit, dass das ja keinesfalls schmerzhaft sei, durch all die Kleiderschichten hindurch, Windeleinlage inklusive. Von der Wut der Hand blieb am Schluss nur ein dumpfes Geräusch übrig. Und schon war der Spuk vorbei.

Es stimmt. Es tat nicht weh. Aber es war unbeschreiblich irritierend. Damals fehlten mir die Worte, die ich heute habe. Ich glaube, das Problem mit dem Hauen ist, dass ein Kind den Zusammenhang nicht herstellen kann. Es weiss zwar, dass etwas nicht gut gelaufen ist. Es sieht und hört auch, dass die Erwachsenen nicht zufrieden sind. Doch dann kommt der Übergriff, die Erniedrigung, die Verwirrung, und leider auch der Schmerz. Was hat das alles damit zu tun, dass ich etwas ausgefressen habe? Manchmal lässt sich der Schmerz übrigens messen. Rote Flecken, aufgeplatzte Haut, Blutergüsse – der Kinderschutz Schweiz sieht die ganze Bandbreite dessen, was möglich ist. Erwachsene, die Kinder stossen, schütteln, schlagen, fügen ihnen aber vor allem emotionale Schmerzen zu. Mit der erhobenen Hand entziehen wir unseren Töchtern und Söhnen Liebe. Wir stossen sie von uns, signalisieren, dass sie unsere Zuwendung nicht verdient haben. Das ist grausam. Und es ist sinnlos.

Genau deswegen war der Text von letzter Woche nicht unehrlich. Wenn meine rechte Hand zuckt, erinnere ich sie immer daran, dass man ein Kind nicht mit Angst erziehen darf. Bisher hat es immer geklappt, ich habe noch nie zugeschlagen. Wie sieht es bei Ihnen aus?
www.kinderschutz.ch

Autor: Bettina Leinenbach