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21. November 2016

Gutes tun, statt darüber zu reden

Kriege, Flüchtlingskrise, Wasserknappheit: Hilfe wird zurzeit auf der ganzen Welt benötigt. Doch wer geht dafür schon nach Lesbos, Sambia oder gar nach Syrien? Eine Zürcherin, ein Zuger und zwei Luzerner tun genau das und schildern, was sie antreibt und was sie vor Ort erleben. Im Video erzählen Sambier und der aramäische Helfer, was die Einsätze bringen.

Morris (links) und Lior Etter
Morris (links) und Lior Etter bei einem ihrer Wasserinfrastrukturprojekte in der sambischen Hauptstadt Lusaka. Die Organisation Wasser für Wasser widmet sich auch der Ausbildung von Fachkräften für die Wasser- und Abwasserversorgung.

Denen sollte man doch lieber vor Ort helfen.» Ein Satz, der oft fällt, wenn es darum geht, notleidenden fremden Menschen Schutz und Zuflucht in der Schweiz zu gewähren. Denen aus Syrien, denen aus dem Irak, denen in Griechenland oder denen in Afrika. Mit man sind jedoch meistens die anderen gemeint. Es gibt allerdings auch Schweizerinnen und Schweizer, die zieht es hinaus in die Welt. Und zwar dorthin, wo ihre Hilfe dringend benötigt wird.

Der Zuger Severiyos Aydin riskiert bei seinen Hilfslieferungen nach Syrien und in den Irak nicht selten sein Leben. Die Zürcherin Raquel Herzog kümmert sich auf der griechischen Insel Lesbos um jene, die auf der Flucht am meisten in Gefahr sind: Frauen und Mädchen. Und die Brüder Morris und Lior Etter aus Luzern versorgen Menschen mit einem Gut, das es in der Schweiz im Überfluss gibt, in Afrika in manchen Regionen jedoch kaum: Wasser.

Über mangelnde Arbeit können sich die Vier nicht beklagen. Die Zahl der Menschen, die vor Krieg, Konflikten und Verfolgung fliehen, war noch nie so hoch wie heute. 2015 zählte das Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen 65 Millionen. Weltweit werden pro Minute 24 Menschen vertrieben, 34 000 jeden Tag. Darüber hinaus haben rund 750 Millionen Menschen zurzeit keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Können angesichts dieser Zahlen eine Schweizerin und drei Schweizer überhaupt etwas verändern? Ja, sie können, wie ihre Geschichten belegen. 

Wasser für Sambia

Sinnvolles machen

Name: Lior (26) und Morris Etter (30)
Hilfswerk: Wasser für Wasser

Der plötzliche Tod ihres Bruders hatte Lior und Morris Etter aus der Bahn geworfen. Raus aus ihrem Job, raus aus ihren festen Strukturen, raus aus ihrem bisherigen Leben. Sie mussten erst mal weg, sich Raum geben, um mit dem Schicksalsschlag fertigzuwerden. Acht Monate lang reisten sie 2011 um die Welt. Touristenziele interessierten sie dabei kaum. Vielmehr befassten sie sich mit den Sorgen und Problemen der örtlichen Bevölkerung. «Der Tod unseres Bruders hat uns wach gemacht. Wir waren mit anderen Sensoren unterwegs als gewöhnliche Reisende», sagt Lior Etter.
«Wir wuchsen in der Schweiz in materieller und sozialer Sicherheit auf. Der Tod unseres Bruders hat uns gezeigt, dass dies eben nur oberflächliche Sicherheiten sind, dass das Leben schnell zu Ende gehen kann», sagt Morris Etter. «Wir wollten deshalb mit unserem Leben etwas Sinnvolles anfangen.»

Weil die Brüder auf ihrer Reise immer wieder sahen, dass die Wasserversorgung das grösste Problem ist, beschlossen sie, ihr Engagement auf den Wassersektor zu konzentrieren. So gründeten sie 2012 die Organisation Wasser für Wasser. Das Konzept dahinter: Gastronomen in der Schweiz (zurzeit sind es gut 230) verkaufen in ihrem Restaurant Leitungswasser. Die daraus erzielten Einnahmen fliessen in Wasserprojekte von «Wasser für Wasser». Oder: Firmen (aktuell 100) verzichten im Büro auf den Kauf von Wasserflaschen, stellen stattdessen Karaffen von «Wasser für Wasser» mit Leitungswasser auf den Tisch und spenden dafür einen Betrag der Organisation.

Mit dem gesammelten Geld finanziert das Hilfswerk Wasserprojekte in Lusaka, der Hauptstadt von Sambia. «Wir investieren in die komplexe Wasserinfrastruktur der Stadt, damit auch die Bewohner der Slums Zugang zu sauberem Wasser haben», sagt Morris Etter. Zudem helfen sie dabei, Einheimische als Sanitäre und Wasseroperateure auszubilden. Alle Einnahmen aus der Gastronomie fliessen zu 100 Prozent in die Projekte in Sambia. Dank Gönner-, Stiftungs- und Corporate Responsibility-Beiträgen können die Brüder hauptberuflich für ihre Organisation tätig sein und drei Mitarbeiter beschäftigen. Lior Etter: «Wir sind noch immer ein Start-up. Wir wollen noch mehr Menschen die Möglichkeit geben, sich bei uns zu engagieren und so noch Hunderttausenden den Zugang zu sauberem Trinkwasser ermöglichen.»

Hilfe in Syrien und im Irak

Mein Glaube an die Nächstenliebe treibt mich an

Name: Severiyos Aydin (30)
Hilfswerk: Aramaic Relief International

Manchmal schlagen neben Severiyos Aydin Mörsergranaten ein. Manchmal gerät er an einem Checkpoint auch mitten in eine Schiesserei. Dann, wenn er für sein Hilfswerk Aramaic Relief International in Syrien unterwegs ist, einer der momentan gefährlichsten Regionen der Welt. Dadurch lässt sich Aydin jedoch nicht beirren: «Natürlich gibt es viele brenzlige Situationen, wenn man sich mitten in einem Kriegsgebiet bewegt. In Aleppo kann jede Minute etwas passieren. Aber die humanitäre Lage in Syrien ist katastrophal. Ich kann da nicht einfach wegschauen.»

Severiyos Aydin (30), Schweizer mit aramäischen Wurzeln, hat vor dreieinhalb Jahren das Hilfswerk Aramaic Relief International gegründet, das sich aus Gönner- und Spendengeldern finanziert. «Diese Trennung ist mir wichtig. Mit den Gönnergeldern decken wir den Verwaltungsaufwand. Die Spendengelder fliessen zu 100 Prozent in die Projekte», sagt Aydin. Von Baar ZG aus startet er regelmässig seine Hilfsaktionen. Seine Zielgebiete: Syrien und der Irak.

Etwa sechs- bis achtmal pro Jahr reist der 30-Jährige in diese Länder, um beispielsweise Lebensmittel, Kleider und Heizkörper an bedürftige Menschen zu verteilen, die vor dem Terror des «Islamischen Staats» flüchten mussten. Sein neustes und bislang grösstes Projekt: Mit in der Schweiz gesammelten Spendengeldern lässt er im syrischen Homs eine Schule für 220 Kinder bauen. «In Syrien richten wir unseren Fokus auf die Kinder. Wir organisieren zum Beispiel Spielcamps, damit sie den Kriegsalltag etwas vergessen. Diese Kinder sind die Zukunft des Landes. Sie müssen es wieder aufbauen.»

Dass er sich als Westler überhaupt im Kriegsgebiet frei bewegen darf, verdankt er seinen Beziehungen zur örtlichen syrisch-orthodoxen Kirche. «Mein Glaube an die Nächstenliebe treibt mich an», sagt der gläubige Christ Aydin, der weiss, was es bedeutet, vertrieben zu werden: Seine Eltern mussten in den 70er-Jahren als verfolgte Aramäer aus der Türkei in die Schweiz flüchten. «Mein Engagement ist eine Herzensangelegenheit», erklärt Aydin, der sich hauptberuflich für sein Hilfswerk einsetzt. Auch, weil er sehe, «dass die internationale Gemeinschaft in Syrien und im Irak versagt hat». 

Hilfe für Frauen auf Lesbos

Raquel Herzog (rechts) im Einsatz
Raquel Herzog (rechts) im Einsatz: Frauen und Kinder haben es auf der Flucht besonders schwer.

Männer können sich einfacher durchschlagen

Name: Raquel Herzog
Hilfswerk: SAO Association

Europa, 2016: Menschen auf der Flucht schlafen in Eiseskälte unter freiem Himmel oder in Zeltlagern, sind unterernährt, haben keine Rechte und nur selten medizinische Versorgung. Frauen sind dabei besonders gefährdet: Sie sind schlechter ausgebildet, körperlich verletzlich, teilweise schwanger und müssen in desolaten Zuständen ihre Monatshygiene verrichten. Die Zürcher Eventmanagerin Raquel Herzog (53) hat diese Probleme erkannt und im Februar 2016 das Hilfswerk «SAO Association, Frauen für Frauen auf der Flucht» mitgegründet.

«Die nachhaltige Hilfe kommt bei Frauen an. Sie schauen auch für ihre Kinder. Männer sind weniger verletzlich, können sich einfacher alleine durchschlagen und müssen in der Regel auch weniger sprachliche Hindernisse meistern», erklärt Raquel Herzog.
Seit Dezember 2015 ist sie vor allem auf der griechischen Insel Lesbos im Einsatz. Dort betreibt SAO das Lagerhaus Attika, in dem Warenspenden aus der ganzen Welt sortiert und an Flüchtlinge sowie andere NGOs weitergegeben werden. Raquel Herzog: «Im Lager arbeiten viele junge Männer, die im Flüchtlingslager Moria wohnen. Diese Aufgabe gibt ihnen eine gewisse Tagesstruktur, denn die Lethargie ist lähmend.»

Hintergrund ist eine im März beschlossene Absichtserklärung der EU und der Türkei. Alle, die nach diesem Entscheid in Moria ankamen, wurden kriminalisiert, das Registrierungshauptcamp wurde zum Internierungslager. «Neuankömmlinge werden zunächst 25 Tage lang eingesperrt. Das Lager hat eine Maximalkapazität von 1200 Personen, momentan leben jedoch fast 5000 dort», berichtet Raquel Herzog. Das bedeute unter anderem, dass aktuell rund 800 Kinder unter zehn Jahren quasi in Haft leben.

Neben dem Lagerhaus Attika soll in Griechenland nun auch ein Zentrum für Mütterberatung entstehen. Mit dem Fonds «Back on track» möchte SAO weiblichen Geflüchteten im Ankunftsland das Fortsetzen des Studiums ermöglichen. Raquel Herzog: «Für uns haben die Menschenrechte die höchste Priorität. Unabhängig davon, ob jemand ein Kriegsflüchtling ist oder andere Beweggründe hat. Jeder hat das Recht auf Obdach, Essen und Schutz.»

Autor: Andreas Bättig, Anne-Sophie Keller