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30. November 2015

Eine gute Idee macht Schule

Die alten Schulhäuser einfach abreissen, wenn für immer Schulschluss ist? In Davos, Amriswil, Dürstelen und Hottwil haben ehemalige Schulhäuser eine neue Bestimmung gefunden: als wissenschaftliches Institut, Museum, Wohnhaus oder Gästeunterkunft.

Schulmuseum im Schulhaus Mühlebach in Amriswil TG
Versetzt Besucher in längst vergangene Zeiten: das Schulmuseum im ehemaligen Schulhaus Mühlebach in Amriswil TG.

WOHNHAUS IN DÜRSTELEN ZH

Von der Schul- zur Wohnstube

«Läck, habt ihr eine grosse Stube!» Das bekommt Giana (10) öfters zu hören, wenn sie ein Gspänli mit nach Hause bringt. Gianas Mutter, Jeanette Val (47), sitzt am langen Holztisch. «Früher spielten die Kinder hier manchmal Versteckis.» Mit «hier» ist das ehemalige Klassenzimmer gemeint. Vom unveränderten Grundriss zeugt die Wandtafel, clever als Schranktür genutzt. Vater Michael Helbling (48) zeigt auf den Billardtisch im hellen, loftartigen Raum mit Originalholzboden, vielen Fenstern und moderner Küche: «Wer kann schon so ein Ding in den Wohnbereich stellen?»

Jeanette Val (l.) und Michael Helbling (r.) mit den Kindern Maurice, Giana (u. l.) und Mary
Haben turbulente Jahre des Umbaus hinter sich: Jeanette Val (l.) und Michael Helbling (r.) mit den Kindern Maurice, Giana (u. l.) und Mary (nicht auf dem Bild: Tochter Yannik).

Als der Kundenmaurer das erste Mal über diese Schwelle trat, verliebte er sich sofort. «Ich weiss noch, wie ich dachte: Wow, hier möchte ich wohnen!» Das war kurz nach der Schulschliessung 1998. Dann ging alles schnell: Im Jahr 2000 zogen Michael Helbling und Jeanette Val mit Yannik (heute 21) und Maurice (heute 18) als Mieter in die ehemalige Hauswartswohnung im ersten Stock ein. 2003 konnte die Familie das Schulhaus erwerben, 2004 begann sie mit dem Umbau – es war der Auftakt zu einer turbulenten Zeit. «Wir machten so viel wie möglich selber», sagt Helbling. Jeanette Val schüttelt den Kopf, wenn sie daran denkt: «Zwischendurch bestand die ‹Küche› aus einer einzigen Herdplatte, und das mit vier Kindern!» Mary (15) und Giana wuchsen von Anfang an im Schulhaus auf. Das Gebäude aus dem Jahr 1892 gilt als schutzwürdig, es gab gesetzliche Auflagen. «Meine Träume von einer Terrasse oder einem Balkon blieben Schäume», sagt Jeanette Val.

GASTHAUS BÄREN, HOTTWIL AG

Übernachten im Schulhaus

Geri Keller (55) ist ein Hiesiger. In der Turnhalle, wo immer mal wieder Theater gespielt oder Pilates gemacht wird, hat er selbst als Bub geturnt, in den Schulzimmern im ersten Stock das Einmaleins und­ die Schnürlischrift gelernt – wie seine beiden älteren Kinder. Der Jüngste aber hat hier nur noch ein Schuljahr erlebt, dann wurde die Schule im Sommer 2006 geschlossen – es gab zu wenige Schulkinder im 270-Seelen-Dorf zwischen Laufenburg und Brugg im Mettauertal. Geri Keller hatte von Anfang an eine Vision, was mit dem Gebäude geschehen könnte: «Das Schulhaus liegt mitten in der Natur und direkt am Flösserweg – ideal für eine Gruppenunterkunft.»

Esther und Geri Keller betreiben mit viel Herzblut das Gästehaus Flösser
Gemeinsam mit Ehefrau Esther betreibt Geri Keller mit viel Herzblut das Gästehaus Flösser.

Der Flösserweg ist quasi Kellers viertes Kind: Der Hottwiler hat den Anstoss zum beliebten Themen-­Wanderweg gegeben. Bis Ende des 19. Jahrhunderts diente er als Heimweg der Flösser zurück nach Stilli, nachdem sie ihre Flosse via Aare und Rhein nach Laufenburg gebracht hatten. Damals wie heute stärken sich die Wanderer im «Bären»: Hier ist Keller aufgewachsen, hier wirtet er heute mit seiner Frau Esther (49). Das Paar betreibt im Auftrag der Gemeinde Mettauertal auch das Gästehaus Flösser mit fünf Zimmern und 30 Betten: Aus der Vision ist Realität geworden.
Seit der Einweihung im Juni 2013 läuft es rund. «Allein im letzten Jahr hatten wir 25 Gruppen hier», sagt Geri Keller und zählt auf: Schulen, Vereine, Sportklubs, Jodelchörli, Biker. Guggenmusiken, Jugendgruppen, Firmen. Studenten kamen zum Lernen, Radfahrer zum Trainieren, Familien zum Feiern. Keller gefällt, wie die Gäste das Dorf beleben: «Es gab bereits Turniere zwischen auswärtigen und einheimischen Gruppen.»

www.baeren-hottwil.ch

SCHULMUSEUM IN AMRISWIL TG

Wo die Schulgeschichte lebt

Hans Weber (76) ist kein ängstlicher Mann. Aber um Mitternacht würde er das Schulmuseum nie aufsuchen. Er senkt die Stimme zu einem Flüstern: «Man sagt, das Fräulein Brauchli treibe dann ihr Unwesen!» Weber lacht herzhaft. Er ist Museumsleiter und Präsident der privaten Stiftung Schulmuseum Mühlebach. Aline Brauchli – auf das «Fräulein» legte sie grossen Wert! – war Lehrerin und unterrichtete 44 Jahre lang im Schulzimmer im ersten Stock, 66 Jahre verbrachte sie in der Lehrerwohnung im Erdgeschoss; ihr Foto hängt noch immer an der Wand. Hinter den Mauern aus dem Jahr 1846 schlummern unzählige Geschichten, und Hans Weber weiss sie zu erzählen.

Museumsleiter Hans Weber
Thurgauer Schulgeschichten sammeln und erzählen: die grosse Passion von Museumsleiter Hans Weber.

Wo das Fräulein Brauchli früher kochte und schlief, finden seit 2002 interaktive Wechselausstellungen ­statt, aktuell zum Thema «Ansichtssache – das Bild in der Schule». Und zu sehen gibt es vieles, zum Beispiel im historischen Schulzimmer. Hier können Kinder und Erwachsene in den alten Holzbänken die Feder ins Tintenfass tunken oder mit Milchgriffeln auf Schiefertafeln schreiben, Texte in historischer Schulschrift lesen, das Harmonium testen oder gar eine Lektion wie anno dazumal erleben. Wenn Weber erzählt, dass in diesem Raum einst bis zu 100 Kinder sassen, erntet er oft ungläubiges Staunen. Und manchmal bekommt er danach Post. Wie das Kärtchen, auf das ein Schüler mit Tinte und in schönster Kurrentschrift schrieb: «Ich fand das Schulmuseum saugeil.» Das Fräulein Brauchli hätte bestimmt seine helle Freude daran gehabt.

www.schulmuseum.ch

PHYSIKALISCH-METEOROLOGISCHES OBSERVATORIUM DAVOS

Ein Haus für Forscher und Fledermäuse

Institutsleiter Werner Schmutz (63) steht im ehemaligen Lehrerzimmer am Fenster und hält die Hand vor die Sonne. «Sehen Sie diesen Hof um die Sonne? Das ist schon nicht mehr ideal für die Messung der Sonneneinstrahlung.» 80 perfekte Messtage gebe es dank der klaren Höhenluft ungefähr pro Jahr, sagt der Astrophysiker.

Institutsleiter Werner Schmutz im Physikalisch-meteorologischen Observatorium Davos
Institutsleiter Werner Schmutz (Physikalisch-Meteorologisches Observatorium Davos) mag seinen Arbeitsplatz: «Das Haus hat Charme.»

Als die Gemeinde Davos Anfang der 70er-Jahre ein neues Schulhaus an zentraler Lage baute, zogen die Schulkinder vom Hügel ins Dorf – und die Wissenschaftler von Davos Platz auf den ­Hügel. Seit 1976 erhebt und analysiert das Physikalisch-Meteorologische Observatorium/World Radiation Center PMOD/WRC hier Daten, entwickelt Messverfahren und -instrumente, überwacht die Trübung der Erdatmosphäre, untersucht die natürlichen Einflüsse auf das Klima und unterhält eine eigene Strahlungsreferenz. Diese ist weltweit relevant für einheitliche Messdaten, vergleichbar mit dem Urkilo in Paris. Ein international bedeutsames Institut und ein Dorfschulhaus mit Baujahr 1911 in den Bergen: Wie passt das zusammen? «Sehr gut», findet Werner Schmutz. «Nur Einzelbüros kann ich unseren 40 Mitarbeitenden nicht anbieten.» Aus den Schulzimmern sind Grossraumbüros entstanden, die Turnhalle ist eine Werkstatt für neue Messgeräte geworden, der Kindergarten ein lichtsicheres Labor ganz in Schwarz.

www.pmodwrc.ch

Autor: Franziska Hidber

Fotograf: Kuster & Frey