31. März 2014

Guido Fluri - Entschädigungen für Verdingkinder

Guido Fluri wurde als Kleinkind herumgeschoben und war im Heim. Heute ist er dank Immobiliengeschäften Millionär. Jetzt lanciert der 47-Jährige eine Volksinitiative. Sie fordert Entschädigungen für Verdingkinder.

Guido Fluri, Immobilienhändler und Millionär
Guido Fluri will, dass sich die Schweiz mit den Verdingkindern solidarisiert.

Die Lebensgeschichte von Guido Fluri (47) mit all ihren Schicksalsschlägen würde genug Stoff für einen Roman liefern. Der Manager erlebte eine schwierige Kindheit. Seinen Vater lernte er nie kennen, seine Mutter erkrankte an Schizophrenie. Noch heute leidet sie daran. Sie besucht ihr einziges Kind fast jeden Morgen in dessen Büro. Nicht nur für seine Mutter, auch sonst nimmt sich der Selfmademan immer Zeit für seine Mitmenschen. Das sei ihm wichtig. Und das, obwohl Fluri täglich zwischen 16 und 17 Stunden arbeitet.

Der Solothurner tritt am Hauptsitz der Guido-Fluri-Stiftung in Cham ZG perfekt gekleidet auf. Nichts erinnert daran, dass er als Jugendlicher die Spenglerlehre wegen ungenügender Leistungen abbrechen musste und als Tankwart in Oensingen SO arbeitete.

Mit 20 Jahren stieg Fluri ins Immobiliengeschäft ein

Angefangen hat Guido Fluris Aufstieg im Alter von 20 Jahren. Von seinem Lohn als Tankwart hatte er immer etwas auf die Seite gelegt und 6000 Franken gespart. Er rang einer Bank einen Kredit von 54'000 Franken ab und kaufte ein Grundstück in Matzendorf SO. Darauf begann er, mit zusätzlichem Fremdkapital zu bauen. Kurz bevor er einziehen wollte, erhielt er ein unerwartetes Angebot: Fluri konnte Land und Haus mit einem Gewinn von 250'000 Franken verkaufen. «Wenn Sie mit 20 ein Grundstück kaufen, brauchen Sie das richtige Bauchgefühl und Glück», sagt er. Dieses Glück hatte ihm in seiner Kindheit gefehlt.

1966 kam Guido Fluri als Sohn einer 17-jährigen Serviertochter auf die Welt. «Ich litt darunter, dass ich als Kind keinen Vater und eine psychisch kranke Mutter hatte», sagt er. Auch die Zeit im Kinderheim Mümliswil SO Anfang 1970 war alles andere als glücklich. Er erinnert sich verschwommen, wie er manchmal zur Strafe nackt im Keller übernachten musste. «Trotzdem bin ich kein typisches Heimkind», betont der Unternehmer und bezeichnet seinen Aufenthalt im Kinderheim einfach als «unschöne Zeit». Heute ist das Kinderheim in Mümliswil dank Fluri die erste nationale Gedenkstätte für Heim- und Verdingkinder.

Die «unschöne Zeit» hat Guido Fluri geprägt und nicht zuletzt wegen dieser Erfahrung setzt sich der 47-Jährige mit aller Kraft für die Rechte der ehemaligen Verdingkinder ein. Er lanciert eine Volksinitiative für die Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen. Der Multimillionär unterstützt und finanziert die Initiative mit seiner Stiftung, obwohl er selber nie ein Verdingkind war. Sein grosser Traum ist, dass alle Parteien geschlossen hinter diesem Thema stehen und sich mit den Schwerstbetroffenen solidarisieren. 500 Millionen Franken soll die Schweiz den 20'000 Opfern zahlen. «Wir klagen nicht an. Wir wollen nur eine gesellschaftliche Aufarbeitung und Transparenz bewirken», sagt der Initiant, der externes Mitglied der Parlamentarischen Gruppe Fürsorgerische Zwangsmassnahmen ist. Die Opfer mussten ein Leben lang hören, dass sie nichts wert sind. Er habe 70-jährige Männer getroffen, die weinten, als sie von Erlebtem wie sexuellen Übergriffen erzählten.

Einige glückliche Jahre bei den Grosseltern

Nach seinem Aufenthalt im Heim lebte Guido Fluri bei seinen Grosseltern in Matzendorf SO und verbrachte dort ein paar glückliche Jahre. Dann starb sein Grossvater an Krebs. Später brannte das grosselterliche Haus nieder, und kurz darauf verunglückte sein Onkel bei einem Autounfall tödlich. «Er war meine einzige echte Identifikationsfigur. Die Leiche meines Onkels wurde im Haus aufgebahrt und danach auf einem offenen Sargwagen von einem Rossgespann durchs Dorf gezogen.»

Guido Fluri als Sechsjähriger bei seinen Grosseltern in Matzendorf
Guido Fluri als Sechsjähriger bei seinen Grosseltern in Matzendorf: Hier erlebte er glückliche Tage. (Bild: zVg.)

Die Bilder lösten beim Jugendlichen existenzielle Ängste aus. Von nun an strebte er mit ganzer Kraft danach, als Erwachsener ein eigenes Dach über dem Kopf zu haben und Sicherheiten zu schaffen. «Ich bin dadurch widerstandsfähig geworden und ein sehr ehrgeiziger Mensch– emotional-analytisch und als doppelter Krebs sentimental veranlagt.» Dieser Ehrgeiz hat Guido Fluri weit gebracht. Inzwischen hat er mit seiner GF Group Holding Geschäfte in Millionenhöhe abgewickelt. Mitte Januar 2014 kaufte Fluri das Modegeschäft Pasito Fricker, bewahrte das Unternehmen so vor dem Ruin und sicherte die Arbeitsplätze von 350 Angestellten.

Auf seinem rasanten Weg nach oben lernte er auch seine Frau Barbara (39) kennen – an einer Ausstellung zum Thema Wohnungseinrichtungen in Zürich. «Ich sah sie am Empfang, und sie berührte mich vom ersten Moment an.» Er schickte ihr einen Blumenstrauss mit roten Baccara-Rosen. Ihr Herz eroberte er bei einem Diner in einem noblen Zürcher Restaurant. Heute sind die beiden verheiratet und leben mit ihren drei Kindern Samuel (12), Emily (10) und Luisa (6) in Hünenberg ZG.

Leben mit einer Zeitbombe im Kopf

2005 diagnostizierten die Ärzte bei Guido Fluri einen gutartigen Hirntumor. Sein Jugendfreund starb an einem bösartigen Tumor. Der erfolgreiche Geschäftsmann reagierte 2010 auf diese beiden Schicksalsschläge mit der Gründung der Guido-Fluri-Stiftung, die sich Hirntumoren, der Gewalt gegen Kinder und der Schizophrenie annimmt – just jenen Themen, die sein Leben bisher geprägt haben. Guido Fluri weiss: Er lebt mit einer Zeitbombe im Kopf. Der Hirntumor wächst langsam. «Er kann Tennisball-gross werden, und irgendwann beeinträchtigt er das Kleinhirn. Dann wird es für mich lebensgefährlich.» Er sagt das, als ob er die neusten Geschäftszahlen seiner Holding kommentieren würde – offen und unverblümt. «Wenn Sie die Krankheit verstehen, urteilen Sie anders über sie.» Der Solothurner vermutet, dass sein Tumor derzeit nicht weiterwächst.

Guido Fluri ist ein Getriebener, der gleichzeitig ein guter Geschäftsmann, ein guter Mensch und natürlich ein guter Vater sein möchte. «Ich versuche, meine Kinder nach christlichen Werten zu erziehen und sie nicht der Reizüberflutung der Gesellschaft auszusetzen.»

Miss-Schweiz-Wahlen für karitative Anliegen nutzen

Ein weiteres «Kind» des Solothurner Unternehmers ist die Miss-Schweiz-Wahl. Er hat sie im Sommer 2012 gerettet, nachdem «das Schweizer Fernsehen den Stecker gezogen hatte». Der Event soll eine Plattform für Fluris soziale und karitative Anliegen werden. Zurzeit ist er dabei, die Organisation neu auszurichten. Ein Meilenstein auf diesem Weg ist die Partnerschaft mit dem Herzchirurgen Thierry Carrel. Am 11. Oktober findet die Miss-Schweiz-Wahl erstmals auf dem Berner Bundesplatz statt. Sie soll zur Wohltätigkeitsveranstaltung werden; mit dem eingenommenen Geld will Fluri die Operationen von Kindern mit Herzklappenfehlern finanzieren. «Dann ist eine Miss-Schweiz-Wahl sinnvoll.»

Sind diese vielen unterschiedlichen Engagements manchmal nicht zu viel für Guido Fluri? «Ich bin mit einer hohen Energie ausgestattet und telefoniere jeden Tag mit Hirntumorpatienten und anderen Menschen mit einem schweren Schicksal.» Das treibe ihn voran. «Meine Frau merkt, dass ich all diese Themen brauche, um Strukturen zu bilden und dadurch Stabilität zu bekommen.»

www.guido-fluri-stiftung.ch

Bilder: Jorma Müller