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23. Juni 2014

Grünes Herz Rumäniens

Bukarest bietet riesige Grünflächen, spannende Geschichte und viel Gastfreundschaft. Längst ist Gastrounternehmer Jakob Hausmann hier zu Hause, schätzt die Offenheit und das soziale Leben in den öffentlichen Parks. Oben zeigt uns der Wirt des Restaurants Mica Elvetie in einem Spaziergang mit fünf Höhepunkten sein Bukarest.

Die Doamneikirche
1. Rumänien ist ein Land der Kirchen. Neben der Doamneikirche an der Strada Biserica Doamnei, mit 13 Ikonenmalereien der Kirchenfeste, empfiehlt Hausmann die Augustinuskirche.
Flanieren im riesigen Herastrau-Park
Beliebte grüne Lungen: Flanieren im riesigen Herastrau-Park. (Bild Georg Knoll/Laif)

Touristen finden das rundum entspannte Leben in Bukarest garantiert im riesigen Herastraupark im Norden der Stadt. Selbst an den Wochenenden wird es nicht hektisch. Vielleicht muss man mal ein wenig auf die Bedienung im Parkcafé warten. Oder die Pedaloboote sind gerade alle unterwegs auf dem See. Aber richtig stressig wird es in der rumänischen Hauptstadt nie.
Neben dem Herastrau ist bei den Einwohnern von Bukarest auch der südlich gelegene Tineretuluipark beliebt. Die Pärke bieten die Chance für ein unkompliziertes Rendezvous mit den Einheimischen: Hier trifft man viele Familien mit Kleinkindern, Teenager- oder Rentnergruppen, Geschäftsleute, Ruhe suchende Leser, morgens oder abends auch Sporttreibende. Oder Liebespärchen – etliche haben ihre ersten zärtlichen Bande genau hier geknüpft. Weil der Weg zum Park für viele Bukarester etwas Zeit in Anspruch nimmt, verbringen viele den ganzen Tag dort. Nur in der Nähe des Eingangs, bei der U-Bahn-Station Aviatorilor, dominieren am Mittag bisweilen Angestellte aus den umliegenden Bürogebäuden mit ihrer mitgebrachten Zwischenverpflegung.

Im kleineren Cismigiu-Park
Im kleineren Cismigiu-Park im Zentrum. (Bild Reto Meisser)

Wie riecht Bukarest? Für Jakob Hausmann (55), Manager und Koch des Restaurants Mica Elvetie (kleine Schweiz), keine komische Frage. Der gebürtige Schweizer lebt seit 19 Jahren in Rumänien, ist seit 1998 in zweiter Ehe mit einer Einheimischen verheiratet. Neben dem Bukarester Wohn- und Arbeitsort hat er seit ein paar Jahren einen Zweitwohnsitz südwestlich von Brasov. In der dank Graf Dracula weltberühmten Karpatenregion führt er kulinarische Wochenenden mit Kunden durch, pflegt aber ebenso sein Hobby Reiten und geniesst das Leben in der Natur.

Und, wie riecht sie nun, die mit 1,9 Millionen Einwohnern sechstgrösste Stadt der EU? «Bukarest hat etwas Orientalisches. Es riecht ein wenig gelebt und gebraucht», sagt Jakob Hausmann, fügt aber sogleich an, dass sie für eine rumänische Stadt sehr sauber sei.

Entspannung mit der Familie
Entspannung mit der Familie. (Bild Caro)

Seit dem Fall des Ceausescu-Regimes Ende 1989 und dem Zusammenbruch des Ostblocks haben sich Gesellschaft und Privatleben stark verändert. «Geblieben sind Offenheit, Freundlichkeit und Willensstärke», sagt Jakob Hausmann. «Leider aber auch ein gewisses Akzeptieren von staatlichem Unsinn oder die Tendenz, sich entschuldigend hinter den 50 Jahren Kommunismus zu verstecken. Bisweilen auch begleitet von einer Spur Larifari.»

Wer sich wie Hausmann heute selbst zu 70 Prozent als Rumäne fühlt, sieht im Neuen mehrheitlich Gutes: Wenig andere Länder hätten nach der Wirtschaftskrise die Rosskur samt Abwertung der Währung so gut gemeistert wie Rumänien. Jedoch habe sich gerade in der Grossstadt das Zusammengehörigkeitsgefühl in Familie und Freundeskreis gelockert: «Höflichkeit und Respekt nehmen ab, Stress und Anonymität nehmen zu.»

Herastrau-Parksee
Ein Ende des grossen Herastrau-Parksees. (Bild Zonar.com)

Das spiegelt sich auch in der Gastronomie wider: Lieblose Fast-Food-Angebote boomen, gutbürgerliche Küche, vor allem die rumänische, komme zunehmend unter die Räder. Monatlich öffnen über 1000 neue Restaurants, aber etwa genauso viele schliessen in der gleichen Zeitspanne. Die schwierige Situation der Gastronomie zeigt sich unter anderem in den prekären Arbeitsverhältnissen: Rund 50 Prozent der Serviceangestellten und rund 30 Prozent der Küchenangestellten arbeiten ­gemäss Umfragen ohne regelmässigen Lohn. Für sie ist ein grosszügiges Trinkgeld oft weit mehr als eine Geste.

TV-Kochen nach Facebook-Ideen der Zuschauer

Jakob Hausmann, in Liestal BL geboren, aufgewachsen im Zürcher Oberland und Absolvent der Servicefachschule in St. Gallen, arbeitete gleich nach der Wende 1990 in Rumänien für Firmen wie Zweifel. 1998 eröffnete er sein erstes Restaurant. Das erste «Mica Elvetie» lag im Botschafterviertel, das zweite in einer gehobenen Wohnsiedlung unweit des Herastrauparks.

Heute verbindet das Lokal unter dem Dach des Hotels Europa Royale mit grossem Erfolg Schweizer und internationale Küche mit rumänischen Einflüssen. Es figuriert in unabhängigen Ratings seit fünf Jahren stets unter den besten fünf Restaurants der Grossstadt, 2010 gar als Nummer eins.

die Gedenkstatue für die Opfer des kommunistischen Regimes
Im Vordergrund die Gedenkstatue für die Opfer des kommunistischen Regimes. Gleich dahinter im historischen Gebäude mit aufgesetztem Neubau hatte die berühmt-berüchtigte politische Polizei, die Securitate, ihren Sitz. (Bild Reto Meisser)

Schade, findet Hausmann, dass die traditionelle rumänische Küche im eigenen Lokal wenig gefragt sei. «Meine Gäste schätzen eben gerade das Schweizerische, besonders die Fleischspezialitäten», sagt er. Also investiert er auf anderen Wegen in die rumänische Esskultur: Er schreibt Kochbücher, bereits fünf sind erschienen. Noch bekannter machten ihn aber seine landesweit ausgestrahlten TV-Kochsendungen ab 2007, darunter eine Kochduellshow. Später kam eine Sendung hinzu, bei der Zuschauer über Facebook Wünsche einbringen konnten, Hausmann zauberte daraus in der TV-Küche superfeine Gerichte.

Urchig geformte Früchte und Gemüse sind oft die besseren

Im Restaurant von Jakob Hausmann trifft man neben Fisch auf Vorspeisen und Beilagen, für die urrumänische Zutaten verwendet werden. Eine Entdeckung etwa sind die sechs sehr unterschiedlichen Tomatensorten, die Jakob Hausmann von einem befreundeten Produzenten bezieht. Um Ähnliches aufzuspüren, besucht der Restaurant­besitzer regelmässig die Bukarester ­Frischmärkte. Auf dem Domenii-Markt erklärt er, worauf er bei der Auswahl schmackhafter Früchte, Gurken oder Tomaten achtet: «Sehr grosse und einheitlich geformte Exemplare sollte man meiden. Bei kleineren, krummen und etwas deformierten hingegen heisst es zugreifen, denn die kommen meist direkt von Kleinbauern und haben sehr viel mehr Geschmack.»

Autor: Reto Meisser