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01. Februar 2016

Grossmutter in Eigenregie

In Zeiten von Globalisierung, immer grösserer Mobilität und später Elternschaft wachsen viele Kinder ohne Grosseltern auf. Abhilfe schaffen «Patengrosseltern»-Projekte wie das der Caritas Bern. Ein Augenschein.

Annette Casali, Sonam und Rinschen am Backen
Geben und Nehmen: Patengrossmutter Annette Casali, Sonam (l.) und Rinschen.

Du, Annette, wo isch dr Pipo?» Rinschen (7) zieht sich flink Jacke und Stiefel aus, bevor sie in Richtung Stube verschwindet. «Pipo?», will auch Sonam (4) wissen, die hinter ihrer Schwester in die Wohnung von Annette Casali (66) in Gümligen BE stolpert. Diese schmunzelt: «Der Kater ist für die Meitschi die Attraktion!» Eigentlich steht heute Grittibänzbacken auf dem Plan, jetzt ist aber erst einmal Katerstreicheln angesagt. Und die Begrüssung von Pema (35) und Kunchok Shana (41), den Eltern der beiden Mädchen, die unterdessen ebenfalls eingetroffen sind.

Vor anderthalb Jahren hat sich Annette Casali sozusagen selber zur Grossmutter gemacht. Nach ihrer Pensionierung und dem fast zeitgleichen plötzlichen Tod ihres Mannes habe sie nach neuen Aufgaben und einem neuen Lebenssinn gesucht, erzählt die ehemalige Berufsschullehrerin, während sie Backzutaten auf dem Esszimmertisch bereitstellt. «Meine Tochter hat mich in der damals bodenlos erscheinenden Zeit auf die vielseitigen Freiwilligenangebote von Benevol Bern hingewiesen – darunter das Projekt ‹Patengrosseltern› der Caritas Bern.» Kinder ohne Grosseltern ein Stück auf
ihrem Lebensweg zu begleiten, die Idee habe sie sofort angesprochen. Schliesslich habe sie selber auch eine tolle Grossmutter gehabt: «Die Beziehung zu einem Grosi, zu einem Grossvati ist für Kinder bereichernd und Gold wert.»

Ein Brückenschlag zwischen Generationen und Kulturen

Der Wunsch nach einer älteren Bezugsperson mit Schweizer Wurzeln war auch der Grund, warum sich die tibetstämmige Familie Shana bei der Caritas Bern meldete. «Unsere Eltern leben in Nordindien respektive sind bereits verstorben», erklärt Kunchok Shana. Bei einem ersten unverbind­lichen «Beschnuppern» im Büro der Caritas seien sich alle sofort sympathisch gewesen. «Es hat einfach gepasst», ergänzt Annette Casali.

Seither trifft man sich ein- bis zweimal im Monat. «Durch Annette lernen Rinschen und Sonam Schweizer Bräuche kennen: Ostereiersuchen, 1. August und Grittibänzbacken», freut sich Pema Shana. Annette Casali wiederum schätzt die stets lebhaften Begegnungen mit ihren «Enkelinnen» und das gemeinsame Interesse mit deren Eltern am Buddhismus. «Als der Dalai Lama letztes Jahr in Basel war, durfte Rinschen ihm mit dem tibetischen Kinderchor vorsingen.» Und sie – ganz stolze Grossmutter – sass natürlich im Publikum.

«Rinschen, was magst du am liebsten an Annette?» Die Erstklässlerin legt die Stirn in Falten: «Den Pipo», sagt sie, «und dass sie mit uns Spiele macht». «Spielen?», fragt Sonam hoffnungsvoll. Annette Casali streicht der Kleinen über den Kopf: «Sobald die Grittibänzen im Ofen sind!».

Weitere Infos: Caritas Bern – Patengrosseltern

Autor: Almut Berger

Fotograf: Marco Zanoni