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18. Januar 2016

Grossfamilie mit Herz

Ein Ehepaar, fünf geistig Behinderte und zwei Hunde: Die Gemeinschaft in der «Fabrik» in Ebnat-Kappel führt ein Familienleben jenseits gängiger Vorstellungen. Ihr Alltag ist geprägt von Malen und Musizieren.

Wenn Besucher vor dem Eingang zur «Fabrik» in Ebnat-Kappel SG stehen, blitzt es. Aber nicht, weil ein Gewitter aufzieht. Auf dem Balkon hat ein Mann mit Bart und Kopftuch sich in Position gebracht, um jeden angekündigten Gast zu fotografieren. Dann huscht er zurück ins Haus. Später wird er dem Besuch stumm einen Schreibblock mit Bleistift entgegenstrecken. «Franco möchte, dass man Name und Geburtsdatum notiert», dolmetscht eine Frau mittleren Alters. Der Block ist dick ­ und gut gefüllt – hier scheint jemand schon seit langer Zeit ein Projekt zu verfolgen.

Die ehemalige Textilfärberei in Ebnat-Kappel
Die ehemalige Textilfärberei in Ebnat-Kappel.

Das Zuhause der Grossfamilie: die «Fabrik», eine ehemalige Textilfärberei in Ebnat-Kappel.

Franco Scagnet lebt in seiner eigenen Welt: Der 47-Jährige ist Autist, kann zudem weder hören noch sprechen. Dass er nicht im Heim lebt und nicht in der geschützten Werkstatt arbeitet, sondern mit vier weiteren geistig behinderten Männern und zwei wuscheligen Hunden Teil einer aussergewöhnlichen Grossfamilie ist, hat er Heinz und Helena Büchel zu verdanken: Seit elf Jahren bewohnt das Ehepaar Büchel mit «seinen Jungs» eine ehemalige Textilfärberei mitten im Toggenburg, direkt an der Thur gelegen und umrahmt von der grandiosen Churfirsten- und Säntismassiv-Kulisse.

Martin Baumer malt am liebsten lachende Kühe
Martin Baumer malt am liebsten lachende Kühe.

Malt mit Vorliebe lachende Kühe: Martin Baumer im Atelier.

Künstlerkolonie, Gastrobetrieb, therapeutisches Modell, sozialpädagogische WG: Man könnte das Leben hier ganz unterschiedlich etikettieren. Heinz Büchel (59) beschreibt es so: «Wir machen einfach Herzensdinge – das, worauf wir Lust haben.» Seine Frau Helena (51), ausgebildete Pädagogin und für das Kaufmännische zuständig, ergänzt: «Und bei dem, was wir tun, nehmen wir die Jungs mit.»

Fünf «Buben» mit Handicap – und Potenzial

Die Geburtsstunde des Grossfamilienprojekts reicht über 30 Jahre zurück: 1981 arbeitete Büchel als Koch, Musiker und Sozialpä­dagoge in ­einem Heim für behinderte Kinder. Vorgesehen war, diese mit 18 Jahren in ein Heim für Erwachsene zu verlegen. Doch er fand, dass «ein eintöniges Leben mit künstlicher Beschäftigung» vor ihnen liege. Also gründete Büchel mit einigen der Schützlinge eine eigene soziale Einrichtung, damals in einem alten Wohnhaus: «Ich ­wollte ihnen ein richtiges ‹Dihei› geben.»

Roland Altherr bei der Arbeit
Roland Altherr bei der Arbeit.

«Der Anfang ist am schwersten»: Roland Altherr bei der kreativen Arbeit.

Es wurde mehr als das. Niemand habe geahnt, welches Potenzial in den «Buben» stecke. Mit der Band «Die Regierung», angeleitet von Heinz Büchel, tourten sie mit improvisiertem Jazz, Ländler und Blues durch die Schweiz und Europa, nahmen mehrere CDs auf und spielten Theater, auch der taube Franco. Heute geht «Die Regierung» zwar nicht mehr auf Tournee, aber sie gibt jeweils ein kleines Livekonzert für die Gäste, die das Ehepaar Büchel in der Fabrik bekocht. Mit einem Event-Gastronomie-Betrieb sorgt das Ehepaar für ein Einkommen zusätzlich zu den Renten und Ergänzungsleistungen ihrer Schützlinge. Denn ­vor gut zehn Jahren haben die beiden beschlossen, auf staatliche Subventionen zu verzichten. Die üblichen Auflagen des St. Galler Amts für ­Soziales gelten für sie aber ­wie für jedes andere Heim.

Hansi Dörig, Maler mit cerebraler Behinderung
Hansi Dörig, Maler mit cerebraler Behinderung

Viele kleine Punkte ergeben ein grosses Bild: Hansi Dörig beweist trotz seiner cerebralen Behinderung feinmotorisches Geschick.

Die Selbständigkeit barg auch ein Risiko. «Wir hatten keinen ­gesicherten Lohn mehr», sagt Helena ­Büchel. «Heute wissen wir: Man arbeitet zwar etwas mehr, aber es lohnt sich. Uns ist ‹vögeliwohl›.» Dass sie die Fabrik vor elf Jahren zu einem fairen Preis kaufen konnten, war einer Mischung aus Engagement und Glück zu verdanken: Der Eigentümer war beeindruckt vom Umbau, den sie – damals noch als Mieter – mit den fünf Jungs und Randständigen aus dem Dorf geschafft hatten; er verzichtete darauf, maximalen Profit aus dem Verkauf herauszuschlagen.

Franco Scagnets Modelleisenbahn
Franco Scagnets Modelleisenbahn.

Hier lebt ein Eisenbahnfan: Blick in Franco Scagnets Zimmer.

Heute halten Teilzeitangestellte die mehrere hundert Quadratmeter grosse ehemalige Fabrik sauber. Auch Fotograf Franco hilft mit: «Er prüft jeweils, ob die Heizkörper ­funktionieren», erklärt Helena Büchel. Ab und zu blitzt es – Franco fotografiert mit seiner kleinen ­Digitalkamera Dinge, deren Reiz sich nur ihm erschliesst: ein Tischtuch oder den Holzboden. Jeder hilft im Rahmen seiner Möglichkeiten. Dazu zählen Laubrechen und Schneeschaufeln. Oder Holzstapeln für die Öfen in den Fabrikräumen, die mit den meterhohen Pflanzen und Eisenskulpturen – Werke der Hausherrin – wild und gemütlich zugleich wirken. An den Wänden hängt Kunst. Es sind starke Werke, allesamt von den fünf Bewohnern geschaffen.

Künstler, die ihren Stil gefunden haben

«Ursprünglich wollte ich herausfinden, ob die Arbeit mit Farbe und Pinsel helfen könnte, nach den Tourneen herunterzukommen und ruhig zu werden», sagt Heinz Büchel. Auch hier hat sich gezeigt, dass in den fünf Mitbewohnern mehr steckt als gedacht. Malen im Atelier ist Teil ihres Alltags geworden. Die Büchels sorgen für das ­Material – Tusche, Stifte, Acrylfarbe, Leinwand – und begleiten die Männer in ­ihrer künstlerischen Entwicklung: Jeder hat über die Jahre einen eigenen Stil entwickelt.

Ein vertiefter Franco Scagnet
Ein vertiefter Franco Scagnet.

Ein vertiefter Franco Scagnet: Sein grosses Thema sind Stadtperspektiven.

Hoch konzentriert, mit Lupe vor dem Gesicht, tupft Hansi Dörig Farbschicht um Farbschicht auf die Leinwand, bis sich Tausende von Punkten zu einer Wiese verbinden. Ab und zu wischt sich der schmale 54-Jährige mit einem roten Taschentuch den Mund ab, um sich dann wieder über sein Werk zu beugen. Im Winterlicht funkelt seine Kappe mit aufgenähten schillernden Plättchen; er trägt sie nur, wenn Besuch kommt. Hansi Dörigs Worte sind für Aussenstehende unverständlich; er hat cerebrale Bewegungsstörungen. Mit seinen grossen Händen jedoch kreiert er Millimeterarbeit.

Massimo Schilling (52), seit Geburt wegen Sauerstoffmangels körperlich und geistig behindert, zeichnet Winziges mit der Tuschfeder: Strichmännchen, Schiffchen, abstrakte Formen bilden Strudel, Gitter und Wellen. «Siehst du das Meer?», fragt er und schaut mit grossen Kinderaugen durch eine Nickelbrille auf sein Werk. Er hat es vorletztes Jahr geschaffen, nachdem sein Lebenstraum in Erfüllung gegangen war: Dank der Spende einer Bekannten konnte er eine Mittelmeerkreuzfahrt machen. Noch heute arbeitet er an dem Fotoalbum, das sein Erlebnis dokumentiert. Denn er hat Zeit – ein kostbares Gut, das in der Fabrik reichlich vorhanden ist.

Helena und Heinz Büchel
Helena und Heinz Büchel.

Seit elf Jahren Seite an Seite mit ihren fünf Schützlingen: Helena und Heinz Büchel.

«Ein halbes Jahr habe ich für ein Bild», sagt der geistig behinderte Roland Altherr, der gern genau erklärt, was er tut. Er malt Alltagsszenen, derzeit die Innenansicht ­eines Spitals. Er zeichnet zuerst auf Papier, schneidet das Motiv aus und überträgt es dann auf die Leinwand. «Der Anfang ist immer am schwersten», sagt der schlaksige 48-Jährige. Und mit einem Blick auf den Notizblock der Besucherin ergänzt er selbstbewusst: «Manche können gut malen. Andere können gut schreiben.»

Schaffen im lichtdurchfluteten Atelier
Schaffen im lichtdurchfluteten Atelier

Kreatives Schaffen im lichtdurchfluteten Atelier ist ein fester Bestandteil im Tagesablauf von Hansi Dörig (l.), Martin Baumer und ihren Mitbewohnern.

Franco Scagnet konstruiert auf seinen Bildern bunte Städte voller Wolkenkratzer von beeindruckender Tiefenwirkung, belebt von Menschengruppen. Eins seiner Werke hängt sogar im Büro eines Zürcher Regierungsrats, und wie die anderen auch konnte er schon einige externe Ausstellungen bestreiten. Grundsätzlich möchten Heinz und Helena Büchel die Kunst der Männer aber in der Fabrik zeigen, wo es jede Menge Wände und Licht ­gibt.

Martin Baumers Spezialität sind Alp­aufzüge: lachende Kühe mit kreisrunden Eutern. Und auf jedem Bild malt der 54-jährige Mann mit Down-Syndrom einen klar identifizierbaren Stier.

«Ein gutes und interessantes Leben»

In der Fabrik und im angrenzenden Wohnhaus ist es genau umgekehrt: Abgesehen von Helena Büchel leben hier nur Männer, weil vor 30 Jahren Mädchen und Jungen in den Heimen noch strikt getrennt wurden. «Wir hatten unsere Dramen mit Verliebtheit und dem Wunsch einzelner Jungs, mit einer Partnerin zusammenzuziehen», sagt Heinz Büchel. Heute sei das kein Thema mehr: «Wir sind alle älter geworden.»

Eine Band: die «Regierung»
Eine Band: die «Regierung».

Wir sind auch eine Band: Als «Regierung» tourte die Truppe um Helena (am Hackbrett) und Heinz Büchel (Bass) jahrelang durch Europa.

Älter, aber nicht ruhiger. Irgendwann, wenn es passt, möchten die Büchels in der Fabrik ein italienisches Restaurant eröffnen und einen Koch anstellen, «damit wir nicht mehr so oft in der Küche stehen müssen und uns stattdessen persönlich um die Gäste kümmern können». Die Jungs sollen, wie immer, «mitgenommen» werden, aber eher im Hintergrund bleiben: «Ich glaube, sie haben so, wie es ist, ein gutes und interessantes Leben», sagt Helena Büchel und wendet sich ihrem Mann zu: «Und jetzt gehen wir eine Runde laufen. Holst du die Hunde?» 

DIE FÜNF KREATIVEN

Massimo Schilling (52)
Massimo Schilling (52)

Massimo Schilling (52)
Instrument: Gitarre
Malstil: Aus unzähligen winzigen Motiven geformte Strukturen
In der Kindheit war Massimo oft im Spital wegen diverser Beinoperationen. Nie hätte er sich träumen lassen, dass er einst ­­mit seiner Gitarre auf der Bühne stehen und vor Publikum ­spielen würde.. Massimo ist sehr gesellig und kommunikativ. Mit seinem phänomenalen Gedächtnis merkt er sich ganze Sätze, um ­ sie bei Gelegenheit zu ­zitieren – was für den Urheber der Worte manchmal etwas über­raschend ist.«Ich war auf einer Kreuzfahrt»: Von diesem Erlebnis zeugt ein Modellschiff in Massimos ­Zimmer; die Erinnerungs­fotos werden immer und immer wieder angeschaut.

Franco Scagnet (47)
Franco Scagnet (47)

Franco Scagnet (47)
Instrumente: Gongs, Vibrafon
Malstil: perspektivische Stadtansichten
Der Benjamin der Truppe kann nicht hören und nicht sprechen und hat als Autist Mühe, mit der Umwelt in Kontakt zu treten. Trotzdem spielt er mit dem Gong in der Band «Die Regierung». Franco hört man, bevor man ihn sieht: Seine Halsketten klimpern leise bei jeder Bewegung. In seinem penibel aufgeräumten Zimmer steht eine Modelleisenbahn. Sobald es schneit, deckt er jeden Baum und jedes Häuschen der Anlage sorgfältig mit weissen Papierhauben ab. Fasziniert beobachtet er dann, wie die Bahn in der Landschaft kreist. Zudem liebt er es, mit Schneeschuhen zu wandern, besonders im Hof hinter dem Haus.

Hanspeter «Hansi» Dörig (54)
Hanspeter «Hansi» Dörig (54)

Hanspeter «Hansi» Dörig (54)
Instrument: Perkussion
Malstil: Viele Schichten von bunten Punkten, zu einem einzigen grossen Motiv zusammengefügt.
Hansi spricht eher selten, weil man ihn wegen seiner cerebralen Behinderung schlecht versteht. Lieber lässt er Taten sprechen. Hansi ist äusserst fleissig; als Einziger hält er nie einen Mittagsschlaf und möchte nach dem Essen gleich wieder loslegen mit Schneeschaufeln oder Gartenarbeit. «Ich bin gern draussen.» Immer wieder zieht er Pflanzen, die später in den Fabrikhallen weiterwachsen

Roland Altherr (48)
Roland Altherr (48)

Roland Altherr (48)
Instrumente: Keyboard, Gesang
Malstil: Szenen aus dem Alltag
Der Feuerwehrfan schafft es immer wieder, auf Feuerwehrautos mitzufahren. Wenn er etwas will, kann er sehr beharrlich und überzeugend sein. Darum erhält er ab und zu etwas geschenkt, woran er dann diebische Freude hat. Sein Keyboard ist ihm heilig. Fein säuberlich mit einer Hülle zugedeckt und mit glitzern­den Girlanden ­geschmückt, steht ­ es in seinem Zimmer bereit – nicht nur für Konzert. «So, jetzt tu ich die Beine in ­ die Höhe»: Der Mittagsschlaf ist ihm heilig. Ansonsten ist Roland eher streng, auch mit sich selbst.

Martin Baumer (54)
Martin Baumer (54)

Martin Baumer (54)
Instrumente: Handorgel, Trompete, Gesang
Malstil: Alpaufzüge mit glücklichen Kühen und einem Stier
Täglich wandert er mit seinen Walkingstöcken durchs Dorf. In Ebnat-Kappel kennt man ihn, und wenn er im Café einkehrt, «bekomme ich manchmal einen Kafi spendiert». Er sitzt gern zu Bekannten an den Tisch und plaudert ein wenig mit ihnen. «Das habe ich mir selber beigebracht»: Seit seiner Kindheit spielt Martin Handorgel. Später ist die Trompete dazugekommen. Zudem pflegt er einen arabisch angehauchten Gesang. Im Sommer sieht man Martin mit seiner roten Handorgel auf dem Balkon sitzen und Ländlermusik spielen. Auch abends vor dem Schlafengehen übt er jeweils noch ein wenig. Dann setzt sich Franco zu ihm aufs Bett und schaut zu.

Autor: Karin Aeschlimann

Fotograf: Samuel Trümpy