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12. März 2012

Grosse Herzen, kleines Zuhause

Vor zehn Jahren haben Monika und Peter Hirzel ihren Hausrat verkauft und wohnen seither in einem alten Bus. Mit dem Geld, das sie sparen, unterstützen die beiden Zürcher Oberländer ein Kinderheim in Peru. Migrosmagazin.ch zeigt Einblicke in den Alltag in Lima.

Monika und Peter Hirzel
Monika und Peter Hirzels Bus kostete 6000 Franken. Mit ihrem rollenden Zuhause sparen sie monatlich fast 2000 Franken Miete.

Das Kinderheim Peru im Bau: Neben den Bildern vom Kinderheim mit Bewohnern und Umgebung (ganz oben auf dieser Seite) hier noch einige Aufnahmen zu den Umbauarbeiten.

Pyjama, Bettsocken, Trainerjacke, Schal — wenn auf der Kälberweide hinter dem Botanischen Garten Grüningen ZH die Aussentemperaturen gegen null fallen, dann rüsten sich Monika und Peter Hirzel für die Nacht wie andere für eine Reise zum Nordpol. Denn es ist gut möglich, dass am nächsten Morgen Schneeblumen die Innenfenster ihres Busses schmücken und die noch vom Vortag feuchten Winterstiefel am Fussboden festgefroren sind.

Bricht Monika Hirzel (58) dann um 6.30 Uhr zu ihrer Arbeit in einem Behindertenheim auf, hat ihr Mann Peter (62) bereits Wasser aus dem benachbarten Stall geholt, weil der Wassertank des Busses mal wieder eingefroren ist. «Mitleid mit uns braucht deswegen aber niemand zu haben», sagt Monika Hirzel mit einem fröhlichen Lachen, «schliesslich haben wir uns das Leben im Bus selber ausgesucht.»

Nur 20 Quadratmeter – aber mitten in der Natur

Zwischen Apfel- und Birnenbäumen steht der Bus auf einer Kälberweide. Statt Miete zahlen die Hirzels dem Bauern den Strom und das Wasser.
Zwischen Apfel- und Birnenbäumen steht der Bus auf einer Kälberweide. Statt Miete zahlen die Hirzels dem Bauern den Strom und das Wasser.

Knappe 20 Quadratmeter gross ist der 40-jährige ehemalige Verkaufsbus der Landi, den die beiden in den letzten drei Jahren ganz ihren persönlichen Bedürfnissen angepasst haben. Eng zwar, aber gemütlich. Und günstiger als jede Wohnung, zumal sie dem Bauern, auf dessen Kälberweide das blaue Ungetüm einem Wal gleich gestrandet ist, nur Wasser und Strom bezahlen müssen. Und das ist es, was für das Grüninger Ehepaar zählt. Denn jeder Franken, den es nicht fürs Wohnen ausgibt, kommt seinem Herzensprojekt, dem Kinderheim «El Refugio» in Lima, Peru, zugute.

Kennengelernt haben sich die beiden gelernten Automechaniker vor 42 Jahren bei der Arbeit. «Monika war meine Stiftin», erzählt Peter Hirzel mit einem Schmunzeln. Fünf Jahre später dann die Hochzeit, ein Haus, fünf Kinder, ein Hund. Er arbeitet als Automech und Lastwagenfahrer, später beim Zivilschutz, sie besorgt den Haushalt. «Wir waren eine ganz normale Familie», sagen sie heute.

Die grosse Wende kommt, als sich Monika Hirzel im Jahr 2000 entschliesst, eine Auszeit zu nehmen und für zwei Monate nach Peru zu reisen, um im Kinderheim einer Freundin mitzuhelfen. Vom idyllischen Grüningen gehts in den 8-Millionen-Moloch Lima mit den riesigen Slums, dem ewigen Smog, dem immer grösser werdenden Graben zwischen Arm und Reich — der Kulturschock ist gross für die Zürcher Oberländerin. Doch da sind die von ihren meist noch minderjährigen Müttern ausgesetzten Kinder, die, im «Refugio» gestrandet, Monikas Zuwendung einem Schwamm gleich aufsaugen. Diese verliebt sich erst in die Kinder, dann in die Stadt.

Kaum zurück in der Schweiz, überzeugt Monika Hirzel ihren Mann davon, sie in ihren nächsten Ferien zu begleiten und dafür eine bereits aufgegleiste Motorradreise nach Norwegen sausen zu lassen. «Eigentlich war abgesprochen, das ganze Land zu bereisen und nur kurz im ‹Refugio› vorbeizuschauen», erzählt Peter Hirzel. Stattdessen repariert er drei Wochen lang im Heim alles, was er zwischen die Finger bekommt — der Refugio-Virus hat auch ihn infiziert.

Mit dem gesparten Geld gehts nach Lima

20 Quadratmeter ist ihr neues Zuhause gross - und ihren persönlichen Bedürfnissen angepasst. Von ihrer Sitzecke aus haben Monika und Peter Hirzel einen herrlichen Blick auf die Kirche von Gossau ZH.
20 Quadratmeter ist ihr neues Zuhause gross - und ihren persönlichen Bedürfnissen angepasst. Von ihrer Sitzecke aus haben Monika und Peter Hirzel einen herrlichen Blick auf die Kirche von Gossau ZH.

Wieder daheim, beschliessen Hirzels nach langen Diskussionen, ihr Achtzimmerhaus für eine Vierzimmerwohnung aufzugeben, zumal ihre eigenen Kinder unterdessen flügge sind. Mit dem gesparten Geld finanzieren sie weitere Aufenthalte in Lima. Doch noch immer zahlen sie monatlich 2000 Franken Miete, was sie von Monat zu Monat mehr reut. «Als wir dann per Zufall auf den alten Landi-Bus stiessen, war uns beiden klar: Jetzt machen wir Nägel mit Köpfen!» 6000 Franken kostet der alte Mercedes, der zu dem Zeitpunkt 240'000 Kilometer auf dem Tacho hat. Möbel, Kleidung: Was sie nicht verschenken, lagern sie ein. Dann ziehen sie mit nur dem Nötigsten um in ihren «Pfusbus», wie sie ihn liebevoll nennen. Erst einmal parkieren sie auf dem Grüninger Schrottplatz, dann ergibt sich die Möglichkeit des heutigen Standplatzes — zwischen Apfel- und Birnbäumen und dem Blick auf die nachts beleuchtete Kirche von Gossau ZH.

Und seit sich Peter Hirzel vor einem Jahr vorzeitig pensionieren liess, pendelt das Ehepaar im Dreimonatsrhythmus zwischen Lima und Grüningen, Kinderheim und Bus. Obwohl das Leben im Bus — gerade in der kalten Jahreszeit — nicht immer ganz einfach ist, haben die beiden es nie bereut, ihr Haus aufgegeben zu haben. «Schliesslich», so Peter Hirzel, «macht eine grosse Hütte nur Arbeit.» Und Monika Hirzel meint: «Schlafe, chöcherle, e chli si — all das können wir genauso gut in unserem Bus.»

Abends sehen sie den Rehen beim Äsen zu

Demnächst werden die beiden ihren Bus einmal mehr verrammeln und nach Lima fliegen. Monika Hirzel wird im «Refugio» kochen, spielen, trösten, ihr Mann Peter wird reparieren, renovieren und vielleicht auch endlich den neuen Hühnerstall bauen, den er schon so lange geplant hat. Im Mai werden sie dann wieder in die Schweiz auf ihre Kälberweide zurückkehren, den Grill vor ihrem Bus in Betrieb nehmen und in der Abenddämmerung den Rehen beim Äsen zusehen. Und neun Enkelkinder werden sich darum streiten, wer als Erster bei «Gromi» und «Gropi» im Bus übernachten darf.

www.asocelrefugio.org

Autor: Almut Berger