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28. September 2015

Grosse Grössen, grosses Herz

Ein Gehirntumor riss Claudia Polar fast aus dem Leben. Nach einer schweren Operation ist «Curvy Claudia», wie sich das Plus-Size-Model selber mit einem Augenzwinkern nennt, wieder zurück auf dem Laufsteg – «als Frau, die kämpfte und siegte».

Claudia Polar
Claudia Polar durchlitt einige Schicksalsschläge – heute möchte sie Menschen in Not Mut machen.

Sie ist an der Reihe. Claudia Polar (34) atmet tief durch, dann stöckelt sie los. Hinaus auf den Laufsteg, vorbei am Publikum, zu den Juroren und wieder zurück. Sie strahlt, sie liebt Castings: An solchen Anlässen kann sie zeigen, dass auch Frauen mit Kurven schön sind, nicht nur Hungerhaken. Claudia Polar ist ein Plus-Size-Model, ein Model für grosse Grössen. Auf Facebook nennt sie sich «Curvy Claudia». 2006 war ihr «erstes Mal» – ein Casting für Ulla Popken in Hamburg. Ein Freund ­hatte sie gedrängt, sich anzumelden. Sie landete auf Anhieb auf dem Siegerpodest.

Claudia Polar sitzt in der Cafeteria des Kantonsspitals Aarau und rührt in ihrem Latte macchiato. «Ich finde es wichtig, dass es Plus-Size-Castings gibt», sagt sie mit Überzeugung. «Windhunde sind weder gesund noch schön.» Niemand dreht sich hier nach ihr um, sie trägt graue Leggings, ein gestreiftes Shirt, die hellblonden Haare hat sie zu einem Pferdeschwanz zusammen gebunden. In der Schweiz ist die junge Frau aus einem kleinen Dorf bei Wohlen AG noch wenig bekannt, aber die deutschen Medien haben sie entdeckt und befragen sie gern.

Denn Polars Geschichte ist ungewöhnlich. In ihrem Leben lief bisher vieles schief. Freude bereitete ihr fast nur ihr Einsatz für den Tierschutz. Ihre Katzenaugen, blaugrau wie ein See an aufgewühlten Tagen, werden hell, wenn sie von den Tieren spricht: vom Pelz, den heute «echt niemand mehr anrühren sollte», von den Strassenhunden in Rumänien, von ihren beiden Bauernhauskatzen und von den vier Schlachtkaninchen, die sie in einer Nacht-und-Nebel-Aktion entführt und bei sich aufgenommen hatte. «Helfen ist mir ein Bedürfnis», sagt die überzeugte Vegetarierin. Das gebe ihrem Leben Sinn und Wärme.

Die Zeit als Jugendliche war alles andere als einfach. Damals wog sie über 100 Kilogramm und wurde gemobbt. Als pummeliger Teenager wollte ihr niemand eine Lehrstelle für ihren Wunschberuf Medizinische Praxisassistentin geben. Als Kleinkinderzieherin konnte sie mit den stressigen Aufgaben als Privat-Nanny bei Familien nicht wirklich umgehen. Und als 23-Jährige verlor sie ihre Mutter, ein schrecklicher Moment. Sie hatte keine Geschwister, mit denen sie ihren Kummer teilen konnte.

Nach der Operation fühlte sie sich entstellt

Nach dem Popken-Casting vor neun Jahren schien es plötzlich zu laufen: Zeitungsinterviews und Fernsehtalks, Castings und Aufträge. Davon leben konnte sie nicht, ihre Arbeit als Nanny musste sie behalten. Es belastete sie immer mehr, für fremde Kinder Verantwortung zu übernehmen.Ihre Psyche meldete sich. Vor zwei Jahren dann plötzlich dieser beängstigende Moment: «Ich sah vor meinem inneren Auge Comicbilder, roch Nagellackentferner und kurz darauf fiel ich in Ohnmacht», sagt sie.

Der Anfall blieb nicht einmalig, sondern wiederholte sich in exakt gleicher Ab­folge – immer wieder. Nach den ersten Anzeichen musste sie sich jeweils sofort hinlegen: beim Sport, an der Kasse, beim Kochen. «Alles psychisch», diagnostizierte die Hausärztin, auch dann noch, als diese Anfälle häufiger auftraten. Claudia Polar glaubte ihr. Psychotherapie, ein Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik, es brachte nichts. Sie begann sich an die bis zu sieben Anfälle täglich schon fast zu gewöhnen.

Erst nach Monaten, als die Hausärztin in den Ferien war, schickte ihre Vertreterin die junge Frau besorgt zu einem Magnetresonanztomogramm. Der Bescheid: sofort in die Notaufnahme! Erst später erfuhr sie: Schuld an ihren Ohnmachtsanfällen war ein tennisballgrosser Tumor im Gehirn. Nach der siebenstündigen Operation war von der schönen, jungen Frau nicht viel übrig. Die abrasierten Haare gaben eine Narbenwulst vom Scheitel bis unters Ohr frei, das Gesicht und das linke Auge waren dick zugeschwollen, die ersten Wochen schwebte sie – von Schmerzmitteln beduselt – in einem Dämmerzustand.

Der erste Blick in den Spiegel liess sie weinend zusammenbrechen. Aber Claudia Polar gab nicht auf. «Ich lernte, kleine Schritte zu gehen, um meine Tiere zu füttern.» Eine Reha brachte sie endgültig auf die Beine, sogar ihr linkes Auge kann inzwischen wieder geradeaus schauen. Die Narbe ist heute kaum noch sichtbar, und die Stelle mit den kurzen Haaren verdeckt sie raffiniert mit langen Haarsträhnen. «Curvy Claudia» ist wieder da. Und sie spricht sich immer wieder selber Mut zu: «Du schaffst das!»

Diesen Mut brauchte sie, als diesen Frühsommer nach einem Eingriff an der Brust die Wunde so schlecht heilte, dass eine weitere Operation notwendig wurde. Claudia Polar nickt nachdenklich. «Ja, ich weiss jetzt, wie rasch sich das Leben dramatisch verändern kann.» Umso mehr will sie endlich ihren Traum wahrmachen und modeln, am liebsten für gute Zwecke. «Seit Anfang Juli bin ich zurück im Leben», sagt sie, «als Frau, die kämpfte und siegte.» Und den Menschen Mut machen will.

Autor: Claudia Weiss

Fotograf: Sophie Stieger