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09. September 2013

Über Wasser und Stein

Eindrückliche Gletscherlandschaft, wilde Bergbäche, reissende Ströme: Die Zweitageswanderung vom Gotthardpass via Rotondohütte nach Realp führt durch das Wasserschloss der Alpen.

Üse Meyer und Reto klettern über einen Bach
Üsé (links) und Reto unterwegs im Gotthard
gebiet. Das 
Wasser dieses Bachs landet schliesslich in der Adria.
Outdoor-Journalist Üsé Meyer
Outdoor-Journalist Üsé Meyer.

DER GRENZGÄNGER IM VIDEO
Das Filmporträt: Reiseprofi Üse Meyer überquert in der neuen Outdoor-Serie «Grenz-Erfahrungen» Landes-, Kantons- und Sprachgrenzen. Wann er an seine persönlichen Grenzen stösst, erzählt er im Filmbeitrag. Zum Video

Der kleine Wassertropfen wartete jahrhundertelang auf seine grosse Reise. Gebunden im Eis des Gerengletschers an der Südwestflanke des Witenwasserenstocks, stellte er sich seinen Trip durch die Rhone aufregend und sein Dasein im warmen Wasser des Mittelmeers herrlich vor. Vor zehn Tagen war es so weit: Der Gletscher liess ihn ziehen, durch Bergbäche gings hinunter zur Rhone, vorbei an Brig und Sion. Im Genfersee bekam der Wassertropfen erstmals eine Vorstellung vom Meer — welches er aber so bald nicht sehen sollte.

Üse Meyer und Begleiter auf dem steinigen Weg entlang des Ronggergrats.
Der luftige Weg entlang des Ronggergrats wurde von der Armee im Ersten und Zweiten Weltkrieg angelegt.

Wir befinden uns auf einer Zweitageswanderung im Gotthardgebiet, dem Wasserschloss der Alpen, wo gut sieben Prozent der Wasservorräte Europas «lagern». Gestartet sind wir an der Gotthard-Passstrasse, hoch über dem karrosserieglänzenden Stau vor dem Tunneleingang bei Airolo. Doch bereits nach zwei, drei Kurven ist die Autobahn vergessen, und unter uns liegt nur noch das grüne, dünn besiedelte Val Bedretto. Der Weg von der Haltestelle Galleria Banchi entlang des steilen Hanges führt über ein breites Naturfahrsträsschen und ermöglicht so den Genuss des Panoramas, ohne zu stolpern. Gut eine Stunde später windet sich ein schmaler Weg nordwärts den Hang hinauf durch steindurchsetzte Grasflanken hinein ins Blocksteingelände, bis wir nach gut drei Stunden Laufzeit auf dem Passo di Cavanna (2613 m) stehen. Doch für einmal ist der Pass nicht auch der höchste Punkt der Wanderung. Diese führt uns weiter über den Ronggergrat (2747 m). Erst gehts zum Teil mit kleineren Sprüngen weiter über grosse Steinblöcke, bis wir etwas höher oben plötzlich vor einer Felstreppe stehen, die direkt in die Wolken zu führen scheint. In einer dieser Wolken befindet sich auch ein desillusioniertes Wassertröpfchen, das seinen Traum vom Mittelmeer begraben musste. Denn die Tage zuvor brannte die Sonne so heiss auf den Genfersee, dass das arme Tröpfchen verdunstete, als Wasserdampf aufstieg, vom Westwind gegen Osten verfrachtet wurde und nun just wieder über dem Witenwasserenstock mit vielen anderen Tröpfchen zu einer Wolke kondensierte.

Wo die Soldaten einst ausharrten

Konzentriert schreiten wir über die Felstreppe, denn rechts davon geht es steil nach unten. Angelegt wurden die Treppe und auch der weitere etwas versetzt zum Grat verlaufende Weg durch die Armee im Ersten und Zweiten Weltkrieg. Den Feind wollte man von hier oben gut im Blick haben, oder wie es im SAC-Wanderführer steht: «Hier spüren wir noch etwas vom bangen und schier endlosen Warten auf den Angriff, der nie kam.» Etwas bang werden könnte es dem einen oder der anderen auch auf dem recht luftigen, ehemaligen Armeeweg. Meist ist er aber relativ breit, eine heiklere Passage ist mit Ketten gesichert, was die Schwierigkeit ziemlich entschärft. Über Letzteres scheint man sich aber doch nicht ganz einig zu sein. Denn hier finden sich einerseits Wegmarkierungen in Weiss-Rot-Weiss (T3, anspruchsvolles Bergwandern) wie auch in Weiss-Blau-Weiss (T4, Alpinwandern). Der Grat liegt hinter uns, und wir machen auf dem Hüenersattel eine Rast. Von hier scheint der Witenwasserenstock zum Greifen nahe.

Die ersten Sonnenstrahlen erreichen frühmorgens die Rotondohütte.
Die ersten Sonnenstrahlen erreichen frühmorgens die Rotondohütte.

Dieser Doppelgipfel ist eine Dreifach-Wasserscheide. Der Niederschlag, der auf die Nordseite des Bergs fällt, fliesst via Reuss, Aare und Rhein in die Nordsee; auf der Südostseite via Ticino und Po in die Adria und auf der Südwestseite via Rhone ins Mittelmeer — dem Traumziel unseres Wassertröpfchens, das es diese Nacht aber wieder verpassen wird, um Millimeter: Ein Gewitterregen wird kommen, das Tröpfchen fällt, zu seinem Entzücken in Richtung Südwestflanke — also zur Mittelmeerseite, dann erfasst eine Windböe das Regentröpfchen, weshalb es schliesslich sein Ziel um wenige Millimeter verfehlen und auf der Nordseite und dem Witenwasserengletscher landen wird.

Der weisse Strom hat sich seinen Weg in die Alpwiese gefressen

Bläulich schimmert der Gletscher in der Ferne, während wir über steile Schneefelder und ruppiges Blockgelände vom Hüenersattel absteigen. Unten angekommen, heisst es gleich wieder aufsteigen zur gut 130 Meter höher gelegenen Rotondohütte, wo wir eine angenehme Nacht verbringen. Das Schicksalsgewitter des Tröpfchens kriegen wir nicht mal mit und starten am nächsten Morgen deshalb entspannt und ausgeruht zur kurzen Wanderung hinunter nach Realp im Urserental.

Auf dem Weg über die steile Bergwiese schrecken wir vier dicke Murmeltiere auf und gelangen bald auf das Fahrsträsschen, das sich von der Alp Oberstafel durchs wildromantische Witenwasserental bis nach Realp zieht. Hier rauscht nahe von uns auch die Witenwasserenreuss durch. Der weisse Strom hat sich seinen Weg mitten in die Alpwiese gefressen und stürzt kaskadenartig in die Tiefe.

Karte von der Tour
Zwei Tage im Wasserschloss: Die Tour. (Karte: WS Grafik)

Gut vorstellbar, dass unser Wassertröpfchen den Weg aus dem Gletscher bereits gefunden hat, die Wasserfassung der Rotondohütte vermeiden konnte und sich jetzt gerade vergnügt eine dieser Kaskaden hinunterstürzt. Und mit sehr viel Glück wird es vielleicht bereits in rund 30 Tagen mit dem Rhein bei Hoek van Holland in die Nordsee fliessen — das ist zwar nicht das Mittelmeer, aber immerhin ein Meer.

Autor: Üsé Meyer

Fotograf: Samuel Trümpy