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05. August 2013

Politiker aus Notwehr

Gottlieb Duttweiler war ein visionärer Unternehmer, kein Staatsmann. Zum Politiker wurde er nur, weil seine Gegner den Aufstieg der Migros mit verfassungswidrigen Mitteln stoppen wollten.

Gottlieb Duttweiler (rechts) und Paul Winiker 1946 in der Wandelhalle des Bundeshauses
Landesring-Nationalräte im Gespräch: 
Gottlieb Duttweiler (rechts) und Paul Winiker 1946 in der Wandelhalle des Bundeshauses. (Bild: MGB)

Gottlieb Duttweiler war ein Händler, früh gehärtet im Rohstoffbusiness: schnell, listig, ideenreich und entscheidungsstark. Handel ist eine kurzfristige Sache: am Morgen einkaufen, am Abend Kasse machen. Er ist das genaue Gegenteil von Politik, dem «langsamen Bohren dicker Bretter», wie es der Soziologe Max Weber ausdrückte. Dem schnellen, harten Ja-Nein-Prinzip des Händlers steht das gewundene Sowohl-als-auch des Politikers gegenüber.

WAS JUNGPOLITIKER ÜBER DUTTWEILER SAGEN

Je ein(e) junge(r) Vertreter(in) der fünf grössten Schweizer Parteien erklärt, wofür Duttweiler heute steht und welche seiner Anliegen sie/er unterstützt:

Die grüne Parlamentarierin Aline Trede
Die grüne Parlamentarierin Aline Trede. (Bild zVg)

Aline Trede, Berner Grünen-Nationalrätin

Andrea Caroni FDP-Nationalrat

Martin Candinas, CVP-Nationalrat

Nadine Masshardt, SP-Nationalrätin

Lukas Reimann, SVP-Nationalrat


Vor diesem Hintergrund ist glaubwürdig, was Gottlieb Duttweiler im Laufe seines Lebens immer wieder betont hat: Er sei «aus Notwehr in die Politik gegangen». Das Schlüsselerlebnis, das ihn dazu trieb, war das Filialeröffnungsverbot von 1933, das gegen die jüdischen Warenhäuser und die Migros gerichtet war. Es war der Aufstand der Trägen gegen die Tüchtigen. Eine grosse Koalition aus Bauern, Gewerblern, Konsumgüterindustrie und der Linken, die damals eng mit den Konsumgenossenschaften verbunden war, machte den rechtsstaatlichen Skandal möglich.

Der Landesring zog mit einem Erdrutschsieg ins Parlament ein

Duttweilers Antwort lautete: «Damit zwingen mich meine Gegner, in die Politik zu gehen.» 1935 schuf er eine Gruppierung, welche die Interessen der Arbeiter und der Konsumenten vertrat und in der Bundesversammlung die Macht der Interessengruppen und Kartelle bekämpfte: den Landesring der Unabhängigen. Und er erzielte einen Erdrutschsieg. Dutti zog mit einer Siebnerfraktion ins Bundeshaus ein. Die Feinde höhnten: «Duttweilers Million ist im Bundeshaus!» Gemeint war «eine Eins und sieben Nullen». Damit wurde auf die mangelnde parlamentarische Erfahrung der neuen Landesring-Nationalräte angespielt.

Eingeworfene Fenster im Bundeshaus 1948.
1948 warf Duttweiler zwei Bundeshausfenster ein – aus Protest gegen die Verschleppung seiner Vorstösse zur Sicherung der Landesversorgung. (Bild: Keystone)

Die Oppositionsrolle, der sich der Politiker Duttweiler verschrieben hatte, passte nicht zum Zeitgeist. Bald wurde im Zeichen der Landesausstellung von 1939 die grosse Einigkeit aller Demokraten gefordert. Profilierung war nur noch in Einzelfragen möglich. Dabei war es unvermeidlich, dass der Landesring und sein charismatischer Anführer manchmal das falsche Pferd ritten.

Dass Duttweiler, inzwischen Grosshändler in Lebensmitteln, die Kriegswirtschaft besonders kritisch verfolgen würde, war naheliegend. Sein Pech war, dass ausgerechnet dieser Teil der Kriegsvorsorge ausgezeichnet organisiert war. Die Bürgerlichen hatten aus dem Skandal des Ersten Weltkriegs — fehlender Erwerbsersatz, mangelhafte Rationierung, Generalstreik — gelernt und ein bürokratisches Monstrum mit einer fast unfassbaren Regelungsdichte aufgebaut. Aber es funktionierte und bot einer ernsthaften Opposition wenig Angriffsfläche.

Grosser Wahlerfolg in den 60er-Jahren

Nach dem Krieg konnte sich der Landesring in Bundesbern einigermassen konsolidieren. Am stärksten war er fünf Jahre nach Duttweilers Tod: In den Nationalratswahlen von 1967 errang er 16 Mandate. In manchen Kantonen — etwa im Luzern der 60er- und 70er-Jahre — spielte er erfolgreich die Oppositionsrolle. Er war dann am stärksten, wenn starke Persönlichkeiten in seinem Namen auftraten, auf nationaler Ebene zum Beispiel Erwin Jaeckle, Hans Munz, Sigmund Widmer, Walter König, Alfred Gilgen oder Franz Jaeger.

Der Autor dieses Artikels - Karl Lüönd – hat rund 40 Bücher über Themen aus der Schweizer Wirtschaftsgeschichte geschrieben. Im Auftrag des Migros-Genossenschafts-Bundes verfasste er eine Kurzbiografie über Gottlieb Duttweiler.

Duttweiler als Politiker: Eine Bilanz

Der Migros-Gründer als Wahlkämpfer: Duttweiler 1935 vor einem  Plakat des Landesrings der Unabhängigen. (Bild: MGB)
Der Migros-Gründer als Wahlkämpfer: Duttweiler 1935 vor einem Plakat des Landesrings der Unabhängigen. (Bild: MGB)

Worin bestanden Gottlieb Duttweilers wichtigste Verdienste als Politiker? Seine Stärke war es, Persönlichkeiten mit hervorragenden Leistungsausweisen in die Politik zu bringen: den Swissair-Mitgründer Balz Zimmermann zum Beispiel, den Ernährungsforscher Frank Bircher-Benner, den Schriftsteller Felix Moeschlin, den Staranwalt Walter Baechi. Brillante Lokalpolitiker wie Sigmund Widmer, Stadtpräsident von Zürich (1966–1982), oder Alfred Gilgen, Zürcher Erziehungsdirektor (1971–1995), überspielten mit der Kraft ihrer Persönlichkeit immer wieder die grosse Schwäche des Landesrings: Er war zu klein und theoretisch zu wenig unterfüttert, um eine solide politische Basis für Exekutivmitglieder zu bilden. Programmatisch war der Landesring am Anfang eine One-Man-Show von Gottlieb Duttweiler, auch später wurde die Programmarbeit zeitweise vernachlässigt. Der Landesring politisierte auf liberaler Grundlage und hing, einer Lieblingsmetapher von Duttweiler folgend, einem Kapitalismus mit sozialer Verantwortung an («das soziale Kapital»). Eine Vertiefung dieses Ansatzes unterblieb im hektischen Tagesgeschäft. Doch war der Landesring unter Duttweilers Führung politisch durchaus nicht wirkungslos.

Starker Redner: Zum 25. Geburtstag der Migros 1950 spricht Duttweiler bei einem grossen Fest zu Mitarbeitern. (Bild: MGB)
Starker Redner: Zum 25. Geburtstag der Migros 1950 spricht Duttweiler bei einem grossen Fest zu Mitarbeitern. (Bild: MGB)

Der untadelige Antifaschist: Er attackierte zusammen mit den Sozialdemokraten den Aussenminister Marcel Pilet-Golaz nach dessen Ansprache, mit der er im Juni 1940 nach der Kapitulation Frankreichs nahegelegt hatte, die Schweiz müsse sich nun mit Deutschland arrangieren. Duttweiler ging weiter als die anderen Pilet-Kritiker. Mit einem Brief an alle Mitglieder der Bundesversammlung geisselte er im Herbst 1940 den Anpasserkurs des Aussenministers. Die Freisinnigen griffen Duttweiler wegen angeblicher Verletzung des Kommissionsgeheimnisses an. Er wurde aus der mächtigen Vollmachtenkommission ausgeschlossen und trat aus Protest vorübergehend als Nationalrat zurück.

Engagement für Lebensmittelvorräte: Ab 1938 setzte er sich als Nationalrat entschieden für die Stärkung der Landesversorgung ein und steuerte eigene Ideen bei, zum Beispiel die der Unterwassertanks für Weizen und Kokosöl. Er liess auch versuchsweise solche Tanks im Thuner- und im Alpnachersee versenken und bewies so, dass seine Idee funktionierte.

Kämpfer für einen freien Markt: Manchmal vermischte er bewusst die Interessen von Landesring und Migros, zum Beispiel, als er in der Nachkriegszeit erfolgreich für die Liberalisierung des Eier- und des Milchmarktes kämpfte oder als er 1955 die weitere Subventionierung der Emser Werke an der Urne verhindern half.

Der Landesring vermied es zwar sorgfältig, sich den Anschein einer politischen Partei zu geben, war es aber dann doch mit allen Begleiterscheinungen und internen Querelen. In der Westschweiz und im Tessin konnte sich der Landesring nie wirklich durchsetzen. 1999 wurde er aufgelöst.

Gottlieb Duttweiler im Ständeratssaal.
Vom Parlamentsbetrieb oft enttäuscht: Duttweiler Anfang der 1950er-Jahre als Ständerat.

Auch der berühmte (und sorgfältig inszenierte) Steinwurf Duttweilers im Bundeshaus kann über die insgesamt dünne Wirkungsbilanz des Landesrings nicht hinwegtäuschen. Dennoch wäre es gedankenlos, den genialen Kaufmann und Kommunikator Gottlieb Duttweiler als gescheiterten Politiker darzustellen. Sigmund Widmer hat ihn einmal «den grossen Rechthaber» genannt – und in der Tat: Vieles, was später modern und visionär daherkam, hatte Duttweiler schon vorausgedacht, als die entsprechenden Begriffe noch gar nicht erfunden waren. Am stärksten war er an den Schnittstellen zwischen Geschäft und Politik.

Erstes Gütesiegel für Nachhaltigkeit: Mitte der 1930er-Jahre wälzte Duttweiler Pläne für ein Schweizer Label, das Waren aus umweltfreundlicher und sozial anständiger Produktion kennzeichnen sollte.

Erster Schweizer «Think Tank»: In seinem Todesjahr 1962 legte der Migros-Gründer in Rüschlikon noch den Grundstein für das Gottlieb-Duttweiler-Institut.
Erster Schweizer «Think Tank»: In seinem Todesjahr 1962 legte der Migros-Gründer in Rüschlikon noch den Grundstein für das Gottlieb-Duttweiler-Institut.

Frühe Sorge um die Umwelt: Lange vor dem Club of Rome äusserte Duttweiler Bedenken über die Grenzen des Wachstums und drohende Umweltschäden.

Grosse Verdienste um Kulturförderung: Duttweiler erkannte das Kulturbedürfnis der Massen und schuf mit dem Kulturprozent die langfristig mit Abstand wirksamste private Kulturförderungsinitiative der Schweiz. Mit der Klubschule engagierte er sich für die Volksbildung.

Erster Schweizer «Think Tank»: Nicht zuletzt aus Sorge um die Umwelt gründete Duttweiler das Institut «Im Grüene» (später Gottlieb-Duttweiler-Institut) als unabhängige Denkfabrik.

Autor: Karl Lüönd