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16. Juni 2014

Gott und so

Himmel, jetzt sind das schon zwanzig Jahre seit dem Sommer 1994! Zwanzig Jahre, seit Beni Thurnheer ausrief: «Es gibt nur einen Georges Bregy!», als unser «Schorsch» den Amis einen Freistoss unhaltbar ins rechte hohe Eck gezirkelt hatte und nun auf der Gegenseite Eric Wynalda Anlauf zum Freistoss nahm. An der WM in den USA wars, remember? «Es gibt nur einen Bregy!» Und dann gab es doch einen zweiten: Wynalda hämmerte seinen Schuss genauso unhaltbar ins hohe Eck, ins linke.

ER gab dem Himmel alles zurück.
ER (l.) gab dem Himmel alles zurück: Roberto Baggio und ein Züri-West-Album prägten den Sommer 1994.

Und dann war da noch Roberto Baggio, in jenem Sommer, der begnadetste Fussballer aller Zeiten. (Anders meinende Zuschriften, liebe Pelé-, Maradona- und Messi-Anhänger, sind zwecklos; mich bekehrt man nicht mehr.) Unauslöschlich jene finstere Nacht – Schweizer Zeit, denn drüben in Pasadena wars taghell -, da Baggio im WM-Final seinen Elfmeter verschoss und den Brasilianern so den Titel schenkte. Dem Jahrhundertfehlschuss widmete Lucio Dalla später ein Lied. «Die wahre Grösse zeigt sich im Moment des Scheiterns», sagte Dalla und verglich Baggios Versagen mit der Kreuzigung Christi: «Christus war im Tod grandios, nicht als er Wunder vollbrachte. Baggio ist ein beseelter Mensch in einer entseelten Welt.» Und wer achtsam ist, entdeckt noch heute entlang italienischer Landstrassen auf Schilder und Mäuerchen gesprayt das Graffito: «Dio c’è ed ha il codino» – Gott existiert und er trägt Rossschwanz. Gemeint ist … Erraten!

Aber Sie wollten gar nichts über Fussball lesen, stimmts? Und ich hab ja auch manch anderes erlebt, im heissen Sommer 1994. Am Gurtenfestival spielten Dr. John und Al Green gleichzeitig auf verschiedenen Bühnen, und ich – schon damals für die Musik der Südstaaten entbrannt – blieb im Bemühen, von beiden etwas mitzubekommen, im Gedränge stecken und verpasste schliesslich alle beide. Dafür besuchte ich mit meiner damals wie heute Liebsten das Konzert von Prince im Hardturm. Und es ist auch exakt 20 Jahre her, seit die Band, die unsere Berner Jugend vertont hatte, sich erfrischend neu erfand: Züri West brachten ihr Album «ZüriWest» raus, und als ich «I schänke dir mis Härz» zum ersten Mal hörte, hätte ich nie gedacht, dass das Lied zum helvetischen Überhit würde, wo es doch die Tristesse einer Nachtklubtänzerin und ihres einsamen Freiers beschreibt.

Doch diese Songs hatten, was gute Popmusik auszeichnet: Sie wurden Teil unserer Biografie, sind in den Alltagsgebrauch übergegangen. Kaum ein Tag, da meine Frau und ich nicht daraus zitieren würden. «Sie isch e Schöni …», sagt sie, und ich ergänze: «… mit schöne länge Haar.» Ich raune: «Jetz geits mir wieder viu, viu besser …», sie sagt: «Amerika gits nid, das isch numen es Grücht», immer wieder finden wir Gelegenheit, unser beider liebste Stelle aus dem Stück «Harry Klein» anzubringen: «I bruche geng di fautsche Wörter, i drücke immer schlächt mi uus.» Und vor jedem Besuch fällt beim Marinieren der Auberginen, beim Einlegen des Bratens oder dem Zuschneiden einer Selleriejulienne der Satz: «Chasch dr ganz Tag ir Chuchi stah, ire Viertustung ischs gfrässe …» Ich ahnte es nicht, im Sommer 1994, kinderlos und jung, wie ich war – aber in Kuno Laueners lakonischer Zeile liegt eine grosse Wahrheit: Im Alltag fällt viel unsichtbare Büez an. Was aber nicht heisst, dass es – nur, weil hernach niemand sie anerkennt – undankbare Büez wäre.
Denn wir Hausfrauen und -männer haben längst verinnerlicht: Der Weg ist das Ziel.

Das weiss übrigens keiner besser als Roberto Ba… Okay, ich fang nicht wieder damit an.


ANNA LUNA GOES WEST

Bänz Friedlis Tochter Anna Luna berichtet während ihres Austauschsemesters in den USA, wie es ihr ergeht. Ihr Bruder Hans antwortet aus Schweizer Sicht. Lesen Sie aktuell, wie oft sie drüben zur Kirche geht. Zum Blog

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Autor: Bänz Friedli

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