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15. Mai 2017

Good Morning, Vietnam

Strassenszene in Hanoi
Strassenszene in Hanoi

Ich wachte auf und wollte sterben. In der Schweiz war es zu diesem Zeitpunkt drei Uhr nachts, und draussen fiel Schnee. Hier in Hanoi war es Morgen, und an Schlaf war nicht mehr zu denken: Meine Hostelnachbarn lärmten, die Mückensticke juckten, und es war bereits 35 Grad warm.

Ich trank einen Schluck lauwarmes Wasser aus der knisternden PET-Flasche und öffnete meinen Laptop. Auch er hatte Jetlag und noch nicht gecheckt, dass wir uns am anderen Ende der Welt befinden. Er zeigte mitteleuropäische Zeit an.

Taumelnd lief ich durch die Strassen und sah Schlangen in Schnapsgläsern, die abgehackten Köpfe von Hühnern in blutigen Pfützen, alte Frauen im Schneidersitz, brutzelndes Fleisch an Spiessen, Strassen voller Motorräder, die Weiten des Roten Flusses, Berge aus Gemüse und Gewürzen, an jeder Ecke Seen aus dampfender Pho, der traditionellen vietnamesischen Suppe. Ich kramte 55 000 Dong aus meiner Tasche – zwei Franken für einen Zmittag.

Reisen ist mühsam, weil es uns damit konfrontiert, wie sehr wir uns in unserer Komfortzone bewegen. Dann, wenn der Universalstecker nicht passt, die Fremdwährung noch ungewohnt und fremd erscheint, das Wifi-Login nicht klappen will, der Magen sich nur langsam ans neue Essen gewöhnt.

Doch Reisen wird magisch, wenn es uns damit konfrontiert, dass wir unsere Komfortzone verlassen können. Dann, wenn der Kulturschock überwunden ist, die bunten Lampions glitzern, die Drachenfrucht besonders süss schmeckt, das fremde Lächeln uns Geborgenheit schenkt.

Autor: Anne-Sophie Keller

Fotograf: Anne-Sophie Keller