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30. Juli 2012

Götti gesucht

Ihr Kind sollte Paten bekommen, die sich Zeit für es nehmen, waren sich die werdenden Eltern Eveline Voegeli und Heinz Bertschi aus Lenzburg einig. Eine Gotte war rasch gefunden, nicht aber ein Götti. Kurzerhand gab das Paar ein Zeitungsinserat auf.

Thomas 
Parziani (vorne)
Thomas 
Parziani (vorne) bestand das Götti-Casting von Eveline 
Voegeli und Heinz Bertschi und ist heute stolzer Pate 
von Léon.

Was macht einen guten Paten aus? Das Interview zum Thema mit Beat Urech, Bereichsleiter Pädagogik der reformierten Landeskirche Aarau: Patente Paten

Wir, ein Aargauer Paar, suchen einen Götti. Ende Oktober ist die Geburt von unserem Sonnenschein.» So lautete die Anzeige, die Eveline Voegeli (42) und Heinz Bertschi (39) aus Lenzburg AG am 1. Oktober 2011 in der «Aargauer Zeitung» und der «NZZ» schalteten.

Erst verhallte das Göttiinserat ohne Echo. Als jedoch die Medien die Suche aufgriffen, meldeten sich zwei Dutzend Anwärter.
Erst verhallte das Göttiinserat ohne Echo. Als jedoch die Medien die Suche aufgriffen, meldeten sich zwei Dutzend Anwärter.

Hier wäre die Geschichte eigentlich bereits zu Ende erzählt, meldete sich doch auf das Inserat erst einmal niemand. «Vielleicht meinten die Leser, das Ganze sei ein Jux», rätseln die Sekretärin und der Metallbaukonstrukteur noch heute. Sie sind inzwischen Eltern des acht Monate alten Sonnenscheins namens Léon Julian.

Ein Artikel über die Göttisuche brachte das Telefon zum Klingeln

Dass bei Léons Geburt am 27. Oktober 2011 dennoch ein Götti zu den ersten Gratulanten gehörte, ist letztlich einer Journalistin zu verdanken. Diese wurde auf besagte Anzeige aufmerksam und kontaktierte die Inserenten. Als dann am 9. Oktober im Aargauer «Der Sonntag» ein Artikel über die ungewöhnliche Göttisuche erschien, hörte im Reihenhaus von Eveline Voegeli und Heinz Bertschi das Telefon nicht mehr auf zu klingeln. «Wir hatten im Artikel unsere Nummer veröffentlicht», erzählen diese, «und lagen noch im Bett, als es losging.» Nachdem auch noch der Lokalfernsehsender Tele M1 auf die Geschichte aufgesprungen war, meldeten sich insgesamt zwei Dutzend Männer, die alle gern den Part des Göttis übernehmen wollten – «quer durch alle Alterskategorien und jeder Einzelne valabel».

Acht potenzielle Paten trafen die unterdessen hochschwangere Eveline Voegeli und Heinz Bertschi schliesslich zum «Götti-Casting». Um nicht den Überblick zu verlieren, habe sie eine Liste angelegt; Eveline Voegeli schmunzelt, wenn sie an die eh schon hektische Zeit kurz vor der Geburt zurückdenkt. Das Rennen machte schliesslich Thomas Parziani (52), Informatik-Ingenieur aus dem benachbarten Rupperswil. «Wir waren uns gleich bei seinem ersten Besuch sympathisch», sagt Eveline Voegeli. «Er erzählte uns, dass er und seine Frau Erica das Kinderkriegen irgendwie immer verpasst hätten und sich daher über ein Patenkind sehr freuen würden.» Nach einem Gegenbesuch bei den Parzianis stand für die werdenden Eltern diskussionslos fest: «Die Suche ist beendet: Thomas wird Léons Götti, die Chemie stimmt.»

Familie und Freunde waren bereits vergeben

Was aber bringt ein Paar dazu, via Inserat einen Paten für sein Kind zu suchen? «Die Gotte war mit meiner Schwester klar gesetzt», sagt Eveline Voegeli, «beim Götti sahs hingegen schlecht aus, zumal mein Bruder bereits zweifacher Götti und auch die drei Geschwister meines Mannes mehrfach engagiert sind.» Auch im Bekanntenkreis wurden sie nicht fündig: Ein Freund hatte ebenfalls schon zwei Patenkinder, ein anderer würde demnächst ins Ausland ziehen. Heinz Bertschi: «Wir wollten jemanden, der sich Zeit für unseren Sohn nehmen kann und will.» Gemeinsame Erlebnisse seien schliesslich viel wertvoller als beispielsweise Weihnachts- oder Geburtstagsgeschenke. Léons Vater weiss, wovon er spricht: Für seinen eigenen Götti war er das 13. Patenkind, und so hatte dieser nie Zeit für ihn.

Baby Léon kam per Storch, sein Götti über ein Inserat ins Haus.
Baby Léon kam per Storch, sein Götti über ein Inserat ins Haus.

Haben die beiden sich nie Sorgen gemacht, einer ihnen nicht wirklich vertrauten Person eine solch wichtige Rolle im Leben ihres Kindes anzuvertrauen? Was, wenns auf Dauer nicht «giget» mit dem «Götti aus dem Inserat»? «Eine Garantie gibts auch dann nicht, wenn die Paten aus der Familie oder aus dem Freundeskreis stammen», ist sich Eveline Voegeli sicher. «Jetzt und heute ist das Ganze für eine Situation, in der alle Beteiligten gewinnen: Léon hat einen Götti, der sich wirklich Zeit für ihn nehmen will und bereits vom gemeinsamen Skifahren träumt, der Götti hat das Kind, das er sich schon so lange gewünscht hat, und mein Mann und ich haben mit den Parzianis unseren Freundeskreis erweitert.»

Im Moment treffen sich die Voegeli-Bertschis und die Parzianis rund einmal pro Monat. «Mal trinken wir zusammen einen Kafi, mal begleiten sie uns auf einen Spaziergang», erzählt Eveline Voegeli. Und natürlich hat Götti Thomas Léon bei der Taufe Ende Januar stolz auf dem Arm gehalten.

Autor: Almut Berger

Fotograf: Vera Hartmann