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09. November 2015

Glückskind

Glückskind: Der Marienkäfer
Bild: Fotolia

Als der Kleine geboren wurde, war die Welt noch in Ordnung. Die Ärztin betrachtete den Neuankömmling und nickte zufrieden. Die Hebamme, die den Knirps wenig später wog und vermass, war auch voll des Lobes. Als die Eltern ihren Sohn zum ersten Mal so richtig im Arm hielten, grinste er sie schief an. Nicht bewusst, schon klar, aber in spätestens dem Moment war es um Mami und Papi geschehen. Sie hatten den richtigen Namen ausgesucht: Felix. Der Glückliche.

Der Kleine legte schnell an Gewicht zu, bekam schon bald den ersten Brei. Das Glückskind lächelte viel, bezirzte alle mit seinen grossen, blauen Augen. Fast alles normal. Wenn Felix sein Köpfchen aus eigener Kraft halten sollte, versagte seine Nackenmuskulatur kläglich. An Drehen oder Sitzen war nicht zu denken. Der Kinderarzt kritzelte etwas in seine Unterlagen. Felix der Spätzünder.

Während sich andere Kinder an Möbeln hochzogen und erste Schritte wagten, kämpfte das Glückskind immer noch mit dem Gewicht seines Kopfs. Nun liefen die Abklärungen auf vollen Touren, Felix wurde untersucht und vermessen, gepikst und verkabelt. Die eigentliche Diagnose war ein Zufallsprodukt. Felix hat einen winzigen Defekt in seinem Erbgut. Eine Unachtsamkeit der Natur, der haarfeine Unterschied zwischen «alles gut» und «alles anders».

Schwangere sagen gern: «Ich hoffe, mein Baby ist gesund.» Auch ich habe diesen Satz Hunderte Mal gedacht, als meine Kinder in meinem Bauch heranwuchsen. Seit ich Felix kenne, würde ich den Wunsch umformulieren. Möglicherweise ist es gar nicht so wichtig, exakt so wie die anderen zu sein. So bleibt Platz für Überraschungen. Felix ist eine Wundertüte. Entgegen allen Prognosen meistert er eine Etappe nach der anderen. Sitzen klappt, Laufen klappt, Hüpfen klappt. Die Windel ist weg, jetzt kommt Velofahren ohne Stützrädli. Ich schätze, im nächsten Frühling ist es so weit. Erwähnte ich, dass der Fünfjährige schrecklich gern Uno spielt und andauernd gewinnt? Und dass Grün seine Lieblingsfarbe ist? Fast alles gut.
Bis auf ein Detail: Das Glückskind kann nicht sprechen. Und das wird vermutlich so bleiben. Dafür kann es schon ein paar Wörtchen schreiben. Felix hat einen Weg gefunden. Das rührt mich, die Journalistin, sehr. Schreiben ist mindestens so wichtig wie der Rest. Seit wenigen Tagen hat er ein neues Wort im Repertoire: «Eva». So heisst seine kleine Freundin, meine Tochter.

Autor: Bettina Leinenbach