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26. August 2013

«Glück entsteht immer nur als Nebeneffekt»

Glücksforscher Mathias Binswanger stellt fest: Wir werden immer reicher, aber nicht glücklicher. Zugleich warnt der Volkswirtschafts-Professor davor, dem Glück nachzujagen. Dies sei in höchstem Masse kontraproduktiv.

Glücksforscher Mathias Binswanger enstpannt auf einer Wiese liegend mit einer Blume im Mund
Mathias Binswanger liebt seinen Job und ist «glücklich unverheiratet». Auf einer Glücks-Skala von 1 bis 10 gibt er sich 7 oder 8 Punkte – genau wie die Mehrheit der Schweizer.

Mehr zum Thema: Wie entgeht man den Tretmühlen des Alltags, die einen unglücklich machen? Mathias Binswanger hat zehn Vorschläge: zum Artikel

Mathias Binswanger, was macht Sie glücklich?

Meine Arbeit ist zum Beispiel sehr vielfältig. Ich kann mich mit Themen beschäftigen, die mich tatsächlich interessieren. Das ist ein Luxus, der mich glücklich macht.

Was trägt neben dem Beruf zu Ihrem Glück bei?

Ich reise gerne, freue mich aber stets auf die Rückkehr in die Schweiz. Dieser Wechsel trägt zu meinem Glücklichsein bei. Ausserdem wohne ich nahe bei meinem Arbeitsplatz in Olten. Aus Untersuchungen weiss man, dass Menschen mit kürzeren Arbeitswegen zufriedener sind. Und dass viele beim morgendlichen Pendeln am unzufriedensten sind.

Die ideale Lösung wäre demnach das Büro zu Hause?

Ja. Das heisst nicht, dass man permanent im «Home Office» sein muss, aber man sollte zumindest die Möglichkeit haben, zu Hause zu arbeiten. Nur: Nicht hinter jeder Wohnungstür wartet das Glück. Es gibt Menschen, die gerne aus dem Haus gehen – einfach nicht unbedingt immer zur Stosszeit. Wir sollten uns von diesen Zeit- und Raumzwängen befreien.

Sie betonen, «glücklich unverheiratet» zu sein. Würde eine Partnerin Ihre Zufriedenheit gefährden?

Nicht zwingend. Ich weiss auch nicht, wie lange der Zustand anhält. Es ist gar nicht so einfach, mein Singlesein zu verteidigen, weil es immer wieder Frauen gibt, die das gerne ändern möchten.

Wieso verteidigen Sie Ihre Position als Single so hartnäckig?

Weil ich bis jetzt glücklich so gelebt habe. Deshalb gibt es keinen Grund, diesen Zustand zu ändern.

Die Forschung sagt, dass Menschen in Zweisamkeit tendenziell älter werden als Alleinstehende. Sind sie auch glücklicher?

Alleinstehende sterben auch deshalb früher, weil sie am Ende des Lebens eher verwahrlosen und vereinsamen. Menschen brauchen ein aktives Sozialleben. Wer das nicht hat, ist praktisch immer unzufrieden. Wie aber dieses Sozialleben ausschaut, ob man dabei verheiratet ist oder nicht, das ist zweitrangig. Verheiratete sind nicht glücklicher als Alleinstehende.

Wie glücklich schätzen Sie sich auf einer Skala von 1 bis 10 ein?

Zwischen 7 und 8, genau gleich wie die Mehrheit der Schweizer.

Sie geben sich keine Note 10?

Das macht kaum jemand. Es gehört zum Leben, dass man nicht permanent glücklich ist. Glücksforscher unterscheiden zwischen der eher längerfristig orientierten Lebenszufriedenheit und dem kurzfristigen emotionalen Wohlbefinden, das im Tagesverlauf stark schwankt. Wenn Sie Durst haben und etwas trinken, haben Sie Glücksmomente, können sich aber Minuten später über eine andere Person ärgern und sind dann wieder unzufrieden.

Wann waren Sie das letzte Mal unzufrieden?

Als ich mit dem Auto unterwegs im Stau festsass.

Was machen Sie, wenn Sie in einem Tief sind?

Ich muss es akzeptieren. Was mir hilft, ist meine Erfahrung: Ich weiss, dass Tiefs nicht ewig anhalten. Man sollte ihnen deshalb mit einer gewissen Gelassenheit begegnen. Ich versuche meist, mich irgendwie abzulenken.

Die Leute sagen sich, dass sie fast alles haben und doch zufrieden sein müssten.

Wie glücklich sind die Schweizer im internationalen Vergleich?

Die Schweiz schneidet regelmässig sehr gut ab. Nur: Wenn man für längere Zeit im Ausland war und danach zurückkommt, fallen einem die Schweizer nicht gerade dadurch auf, dass sie einen glücklich anstrahlen. Da gibt es eine gewisse Diskrepanz.

Woher kommt die?

In Umfragen beurteilen Menschen ihren Glückszustand meist zu positiv. Das scheint in der Schweiz – vor allem in der Deutschschweiz – besonders ausgeprägt zu sein. Die Leute sagen sich, dass sie fast alles haben und doch zufrieden sein müssten.

Täglich nehmen sich in der Schweiz vier Menschen das Leben. Nach Zufriedenheit klingt das nicht wirklich.

In der Tat. Was sich positiv auswirkt, sind die relativ hohe Rechtssicherheit, die Ordnung und das Vertrauen in die Behörden. Dem steht die Überreglementierung entgegen sowie der Leistungsdruck und das teilweise nicht funktionierende Sozialleben, das zur Vereinsamung führt. In der Schweiz wird man zudem stark nach dem bewertet, was man beruflich macht.

Was kann man konkret gegen Unglücklichsein unternehmen?

Man sollte zum Beispiel den richtigen «Teich» wählen. Wer an der Goldküste des Zürichsees wohnt mit erfolgreichen Bankern als Nachbarn, wird kaum mit einem durchschnittlichen Auto oder Haus zufrieden sein. Da zieht man besser an einen Ort wie Olten, wo man in einem durchschnittlichen Haus ein zufriedenes Leben führen kann.

Laut der Forschung ist rund die Hälfte der Menschen dank ihrer Gene von Natur aus eher glücklich. Haben die anderen 50 Prozent einfach Pech gehabt?

Das ist wie bei einem 100-Meter-Lauf: Diese 50 Prozent starten weiter hinten, mit einem Handicap. Aber sie könnten schneller rennen als andere und doch noch ein zufriedenes Leben führen.

Wie konkret?

Wichtig ist, die eigene Situation zu analysieren. Habe ich einen Beruf, der mich erfüllt? Das richtige soziale Umfeld? Passt meine Wohnsituation?

Sie haben als Professor für Volkswirtschaftslehre den Zusammenhang zwischen Einkommen und Glück untersucht. Wie kamen Sie auf das Thema?

Ich habe mich schon als Kind gewundert, wie viele Menschen an sich langweilige Tätigkeiten mit Fleiss und Akribie ausführen. Da fragte ich mich stets, was dahintersteckt. 2003 nahm ich in Mailand an der Tagung «The Paradoxes of Happiness» teil. Der Titel bezieht sich darauf, dass wir in unseren Breitengraden zwar immer reicher, aber nicht glücklicher werden. Ich wollte dazu einen Beitrag aus ökonomischer Sicht leisten, so entstand mein Buch «Die Tretmühlen des Glücks».

Darin schreiben Sie, dass wir zwar lernen, wie wir Geld verdienen, nicht aber, wie wir dieses Einkommen in Glück umsetzen können.

Richtig. In Deutschland gibt es an einigen Orten das Schulfach Glück. Darin wird vermittelt, in welchen Situationen wir glücklich sind und in welchen typischerweise nicht. Darüber existiert seit Jahrhunderten viel Wissen, das wir in der Schweiz aber nicht mitbekommen. Wir lernen nichts darüber, wie wir ein gutes Leben führen können.

Sollte man das nicht automatisch mitbekommen?

Das meint man. Aber wir müssen die Fakten häufiger präsentiert bekommen, um nicht in die Tretmühlen des Lebens zu geraten. Unsere Gesellschaft strebt ein möglichst hohes Wachstum des Bruttoinlandprodukts an. Das ist aber auch aus ökonomischer Sicht fragwürdig, wenn es nicht mehr zu einer höheren Lebenszufriedenheit der Menschen führt.

Wir lernen nicht, wie wir ein gutes Leben führen können.

Mehr Geld macht aber schon glücklicher, oder?

Nur bis zu einem bestimmten Punkt. Globale Ländervergleiche zeigen,dass ab einem Jahreseinkommen von etwa 20'000 Dollar pro Person weiteres Wachstum nicht für eine gesteigerte Zufriedenheit sorgt – das gilt für Länder, deren Bewohner vorher mit weniger auskommen mussten. Wenn dann alle immer reicher werden, fühlen sich die am unteren Rand trotzdem nicht gut, weil der Rückstand auf die Reichen bleibt.

Stimmt der Eindruck, dass die Jagd nach dem permanenten Glück ein neueres Phänomen ist und eher das Gegenteil bewirkt?

So neu ist das nicht. Schon in der US-Verfassung steht das «Streben nach Glück». Aber erst seit den 1970er-Jahren wird verstärkt hinterfragt, was das Wirtschaftswachstum zum persönlichen Glück beiträgt. Dabei ist ein Zwang entstanden, ein glückliches Leben zu führen, was fast garantiert ins Unglück führt. Glück entsteht immer nur als Nebeneffekt.

Wann kommt Ihr nächstes Buch auf den Markt?

Ich hoffe, nächstes Jahr. Ich arbeite an einem Buch über die Geldschöpfung und darüber, welche Rolle diese für den Wirtschaftsprozess spielt. Es geht um ein Dilemma: Einerseits macht uns das Wirtschaftswachstum nicht mehr glücklicher, anderseits funktioniert dieses System nicht ohne Wachstum.

Zu Ihren Forschungsschwerpunkten gehört die Finanzmarkttheorie. Weshalb geht es der Schweiz im Vergleich zum Ausland so gut?

Die Schweiz hat einen guten Branchenmix, darunter Pharma und Banken, die wirtschaftlich erfolgreich sind, aber wenig zusätzliche Arbeitsplätze schaffen. Hinzu kommen das Bildungs- und das Gesundheitswesen, die zwar keine hohen Gewinne abwerfen, aber für viele Arbeitsplätze sorgen. Das führt zu einem relativ hohen Wirtschaftswachstum und zu einer tiefen Arbeitslosigkeit.

Und trotzdem sind die Schweizer deswegen nicht glücklicher.

Genau. Für einen Afrikaner beispielsweise ist es völlig rätselhaft, weshalb Schweizer auf diesem wirtschaftlichen Niveau unzufrieden sein können. Das fällt auch Ausländern auf, die erst vor kurzem eingewandert sind.

Apropos: Die Zuwanderung ist ja sehr umstritten. Trägt sie auch ein bisschen zum Glück bei?

Teilweise. Unser Sozialleben ist dadurch reichhaltiger geworden. Auf der anderen Seite schürt die Zuwanderung Ängste. Und für viele ist es schwer verständlich, wenn sich nur noch reiche Ausländer die schönsten Wohnorte leisten können. Die Schweiz hat es verpasst, in einigen Bereichen klare Regeln aufzustellen, anders als Deutschland, wo es Privaten nicht mehr möglich ist, direkt an einem See zu bauen.

Ist die Zuwanderung nun Segen oder Fluch?

Sowohl als auch – wie fast alles im Leben. Die Schweiz müsste ihre Migrationspolitik überdenken und die Einwanderung für bestimmte Arbeitsplätze bewusst öffnen, und zwar nicht nur für Menschen aus EU-Ländern, die das gleiche Überalterungsproblem haben wie wir. Wir könnten auf dieses teure und verlogene Kasperlitheater von pseudopolitischen Flüchtlingen verzichten. Stattdessen sollten wir «Wirtschaftsflüchtlinge» als eine Tatsache der heutigen, globalisierten Welt verstehen und uns überlegen, welche davon wir in begrenzten Zahlen in unserem Land aufnehmen und welche nicht.

Autor: Reto Wild

Fotograf: Daniel Rihs