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30. April 2012

Gleiche Chancen schaffen

Seh- und Hörbehinderungen, körperliche Beeinträchtigungen oder geistige und psychische Leiden: Viele Menschen leben mit einer Behinderung. Wie sieht die Situation in der Schweiz aus und wie steht es mit der Integration im Schul- und Berufsleben?

Gemäss einer Schätzung des Bundesamtes für Statistik lebten im Jahre 2010 in der Schweiz rund 1,4 Millionen Menschen mit einer Behinderung. Die genaue Zahl ist jedoch abhängig von der Definition des Begriffes bzw. der Schwere des Handicaps (siehe Box rechts). Bis zu einem Drittel der Personen sind in ihrem Alltag stark eingeschränkt, das heisst, es ist für sie schwierig bis ausgeschlossen, selbständig zu Hause zu leben. Schätzungsweise 1'278'000 Menschen mit Behinderungen dagegen wohnen in Privathaushalten.

Schätzung der Anzahl Menschen mit Behinderungen 2010

Quelle: Bundesamt für Statistik Schweiz (BFS)

Schätzung der Anzahl Menschen mit Behinderungen 2010. Quelle: Bundesamt für Statistik.
Schätzung der Anzahl Menschen mit Behinderungen 2010. Quelle: Bundesamt für Statistik.

Anteilsmässig betrachtet, haben ca. 1% mehr Frauen als Männer mit einem Handicap zu kämpfen. Mit dem Alterungsprozess nimmt auch das Risiko zu, daher steigt der Anteil behinderter Menschen in den Bevölkerungsgruppen ab 55 sowie ab 75 Jahren markant an. Dabei muss allerdings auch berücksichtigt werden, dass die Lebenserwartung stark Behinderter oft nicht derjenigen von Nichtbehinderten entspricht.

Betrachtet man die Statistik bezüglich Bildungsstand fällt auf, dass der grösste Anteil Behinderter nach der obligatorischen Schule keine Ausbildung abgeschlossen hat:

Ausschnitt aus der Statistik "Anteil von Menschen mit Behinderungen in verschiedenen Bevölkerungsgruppen" des Bundesamt für Statistik Schweiz (BFS).
Ausschnitt aus der Statistik "Anteil von Menschen mit Behinderungen in verschiedenen Bevölkerungsgruppen" des Bundesamt für Statistik Schweiz (BFS).

Daher stellt sich die Frage: Wie gut funktioniert die Integration behinderter Menschen in den Schul- und Berufsalltag?

Ausgangslage

Das 2004 in Kraft getretene Behindertengleichstellungsgesetz BehiG soll es Menschen mit Handicap erleichtern, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Dazu gehört unter anderem eine erfolgreiche Integration in das Erwerbsleben, angefangen bei einer möglichst gleichwertigen Schulausbildung. Ziel ist es, die Teilnahme behinderter Kinder am regulären Schulunterricht zu fördern (voll- oder teilzeitlich), sofern es deren Entwicklung und Wohl positiv beeinflusst. Eine mögliche soziale Ausgrenzung soll so von Anfang an verhindert werden.

Damit behinderte Kinder den regulären Unterricht besuchen können, bedarf es jedoch gewisser Rahmenbedingungen: Neben architektonischen und finanziellen Hindernissen müssen auch soziale Unsicherheiten und Vorurteile abgebaut werden. Mit dem Einsatz so genannter sonderpädagogischer Massnahmen kann und soll der zusätzliche Betreuungsaufwand aufgefangen und das Lernniveau einer Klasse beibehalten werden:

  • Heilpädagogische Früherziehung, Logopädie, Psychomotorik
  • Integrative Betreuung von Schülern mit besonderem Bildungsbedarf im regulären Schulunterricht mittels Klassenassistenzen/Fachpersonen
  • Bedürfnisgerechte Betreuung in Gruppen in Regelklassen

Die Regelungen für eine solche „integrative Bildung“ sind von Kanton zu Kanton verschieden, nicht zuletzt weil die Gemeinden selbst die Kosten für notwendige Massnahmen übernehmen müssen.

Gut zu wissen

Nützliche Informationen und Unterstützung rund um die Integration behinderter Menschen in die Gesellschaft, Schul- und Berufsalltag finden Sie auf folgenden Websites:
AGILE: Der Dachverband der Behinderten-Selbsthilfeorganisationen setzt sich als politische Kraft für das Recht behinderter Menschen auf Selbstbestimmung und Chancengleichheit ein. Der Verband umfasst rund 40 Mitgliederorganisationen und engagiert sich auch für Sozialversicherungen, Sozial- und Finanzpolitik, Erwerbsarbeit, berufliche Integration, Bildung und Verkehrsfragen. www.agile.ch PRO INFIRMIS: Die grösste Fachorganisation für behinderte Menschen in der Schweiz leistet oder vermittelt Beratung und Hilfe – insbesondere Hilfe zur Selbsthilfe. www.proinfirmis.ch

Zu den Dienstleistungen des Vereins gehört unter anderem die Stiftung Profil – Arbeit & Handicap, deren Ziele die Integration und Stärkung Behinderter im Berufsalltag sind. www.profil.proinfirmis.ch
Auf der Plattform www.xtrajobs.ch finden Unternehmen Unterstützung im Zusammenhang mit einer Anstellung behinderter Menschen.

INTEGRATION HANDICAP: Die Schweizerische Arbeitsgemeinschaft zur Eingliederung Behinderter fördert Bestrebungen für die Eingliederung behinderter Menschen in die Gesellschaft: www.integrationhandicap.ch

SCHULINTEGRATION: Informationen rund um die Integration von Kindern mit Behinderung in der Schule und Ausbildung finden Sie auf der Website www.integrationundschule.ch

Autor: Nicole Demarmels

Fotograf: Christian Flierl