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02. Dezember 2013

Gleichaltrige schlichten Zoff in der Schule

«Peacemaker» sind Kinder und Jugendliche, die ausgebildet werden, um an ihren Schulen Streit zu schlichten. Das Gewaltpräventionsprogramm trägt Früchte. Und die Schüler erfüllen ihre Aufgabe mit viel Stolz, wie der Besuch an drei Schulen zeigt.

Allein die Präsenz der Peacemaker hat einen positiven Einfluss. In Tägerwilen tragen die Peacemaker rote und blaue Caps: Saskia, Lukas, Katharina und Paula (von links).
Allein die Präsenz der Peacemaker hat einen positiven Einfluss. In Tägerwilen tragen die Peacemaker rote und blaue Caps: Saskia, Lukas, Katharina und Paula (von links).

Die Lehrerin fragte uns, ob jemand Peacemaker werden möchte, und ich wollte», erinnert sich Leonie (9). Ihre Klassengschpänli fanden es gut, dass sie sich gemeldet hatte, und wählten sie zu ihrer neuen Peacemakerin. «Sie sagen, dass ich ein ‹Ängeli› sei und die Aufgabe als Peacemaker gut zu mir passe.» Sie lächelt und streicht sich eine Strähne aus dem Gesicht. Im Schulhaus Eiken AG werden bereits 8-Jährige zu Peacemakern ausgebildet. Leonie ist eine davon.

KEINE (VORSCHNELLE) PARTEINAHME
Ausserdem zum Thema: Das Kind verstehen, aber nicht blindlings seine Sicht übernehmen. Tipps für Eltern, wenn das Kind in der Schule Streit hat. Zum Artikel

An rund 70 Deutschschweizer Schulen werden Kinder und Jugendliche im Rahmen des Gewaltpräventionsprogramms «Peacemaker» von NCBI Schweiz (National Coalition Building Institute) zu sogenannten Peacemakern ausgebildet. Sie haben die Aufgabe, an ihrer Schule Streitigkeiten zu schlichten. Dafür werden die Kinder und Jugendlichen speziell ausgebildet und laufend betreut. Eine aktuelle Evaluation der Berner Fachhochschule für Soziale Arbeit im Auftrag des Bundes zeigt, dass das Gewaltpräventionsprogramm Früchte trägt.

Beim Schlichten eines Konflikts gehen die jungen Friedensstifter immer nach dem gleichen Schema vor: Sie suchen das Gespräch mit den Streitenden und hören sich beide Seiten an, wobei sie nicht parteiisch sein dürfen. Dann vergewissern sie sich, ob sie alles richtig verstanden haben, und suchen gemeinsam mit den Streitenden eine Lösung, die für alle Beteiligten stimmt.

Nicht nur «brave» Schüler werden Peacemaker

Leonie, Peacemakerin in Eiken
Leonie, Peacemakerin in Eiken

Murat (16) war selbst nie Peacemaker, weiss aber sehr viel über das Thema. «Ich wollte mich vor zwei Jahren bewerben, aber dann interessierten sich so viele dafür, dass ich mich wieder zurückgezogen hatte», erinnert er sich. Umso mehr schwärmt er von den vergangenen Projektwochen rund um das Thema Frieden. Sein Schulgschpänli Stefan war vor zwei Jahren Peacemaker: «Unter den Kleinen gibt es mehr Streit als unter uns Oberstufenschülern.» Die grossen Peacemaker helfen dann ihren jüngeren Kollegen, den Streit zu schlichten. Leonie nickt: «Ja, die Mädchen streiten beispielsweise um Glitzersteine, wer ihn gefunden hat und wer ihn nun behalten darf.» Schlägereien gäbe es an ihrer Schule aber fast keine, sagt Murat.

Zu Beginn wurden die Peacemaker nicht respektiert

Stefan, Peacemaker in Eiken
Stefan, Peacemaker in Eiken

Jede Schule gestaltet das Gewaltpräventionsprogramm selbst aus. In Eiken AG tragen die Peacemaker zur Kennzeichnung Plaketten. An der Schule in Tägerwilen TG rote und blaue Caps, und sie bekommen einen Mitarbeiterausweis. Stolz zeigt der 11-jährige Lukas seinen Ausweis: «Die Lehrpersonen haben genau die Gleichen, der ist also echt.» Er und Katharina wurden in ihrer Klasse als Peacemaker gewählt. Gemeinsam erklären sie das Wahlprozedere: «Zuerst mussten alle die Namen von denjenigen auf einen Zettel schreiben, die sie als Peacemaker möchten, ein Mädchen und einen Jungen. Diejenigen, die Peacemaker werden wollen, müssen anschliessend eine Bewerbung schreiben und der Klasse während einer Präsentation erklären, weshalb sie für die Aufgabe besonders gut geeignet sind. Am Schluss gibt es eine Abstimmung.» Lehrerin und Projektverantwortliche Nayra Sanchez (29) ergänzt: «Wir ermuntern nicht nur die sogenannt braven Schüler, sich als Peacemaker zu bewerben, sondern auch solche mit Ecken und Kanten.»

Manuel Garzi (34), Lehrer und Projektverantwortlicher, berichtet von Startschwierigkeiten in Tägerwilen TG: «Wir mussten bei den Schülern zuerst ein Bewusstsein schaffen und hatten zu Beginn das Problem, dass die Peacemaker nicht akzeptiert und respektiert wurden.» Da aber das Projekt «Peacemaker» in Tägerwilen grosse Bedeutung hat und die Verantwortlichen von der positiven Wirkung überzeugt sind, wurden zusätzliche Anstrengungen unternommen. So fand im September mit der ganzen Schule ein spezieller Peacemaker-Tag statt, bei dem die jungen Peacemaker einen grossen Teil des Inhalts selbst gestalteten. Auch die neuen Metallschilder bei der Treppe auf dem Pausenplatz, auf denen das Vorgehen beim Lösen eines Konflikts aufgezeigt wird, bieten den Friedensstiftern Unterstützung. «Jetzt haben wir einen speziellen Platz, wo wir mit den Streitenden hinkönnen, um den Konflikt zu lösen», sagt Paula. Peacemakerin Saskia (12) erinnert sich an einen Streit, in den mehrere Jugendliche involviert gewesen sind: «Da brauchte ich etwas Mut, um hinzugehen, aber am Schluss konnten wir zu zweit den Streit schlichten.»

Peacemaker in Emmen besprechen sich: Denis, Lionel, Hussein und Jan (von links).
Peacemaker in Emmen besprechen sich: Denis, Lionel, Hussein und Jan (von links).

Die Peacemaker werden darin geschult zu erkennen, ob sie einen Konflikt selbst lösen können oder ob sie die Hilfe von älteren Peacemakern oder von Lehrpersonen brauchen. Auch sollen sie nur Konflikte bei gleichaltrigen oder jüngeren Kindern schlichten. In Tägerwilen haben die Peacemaker fest zugeteilte Tage, an denen sie jeweils zu zweit während der Pausen präsent sind. In Emmen LU ist die Präsenz etwas anders organisiert, ist die Schule doch auch einiges grösser. Daniel Rüedi (32), Lehrer und Projektverantwortlicher, erklärt: «Bei uns sind in jeder Pause alle Peacemaker präsent, und jeden Mittwoch finden in der grossen Pause Peacemakerspiele statt.» So werde ein stufenübergreifendes Zusammengehörigkeitsgefühl aufgebaut.

Schon die Ausbildung lässt die Schüler näher zusammenrücken

Im Schulhaus Rüeggisingen in Emmen stiften aktuell 14 Peacemaker Frieden. Betreut werden sie von Corinne Häberli (39) und Daniel Rüedi (32). «Die Kinder können bei uns ab der 3. Klasse Peacemaker werden», sagt Corinne Häberli. «Wenn sie jünger sind, melden sich meist sehr viele Kinder, bei den Fünft- und Sechstklässlern wird es dann schon etwas schwieriger», fügt Daniel Rüedi hinzu. Vor allem die Jungs seien in diesem Alter oft zu cool für die Arbeit als Peacemaker.

Obwohl sie meist viel Unterstützung von ihren Freunden erhalten, gibt es immer auch Kinder, welche die Peacemaker hänseln und sich über sie lustig machen. «Ich sage dann zu ihnen, du musst ja nicht Peacemaker sein, wenn du das doof findest, aber mir gefällt meine Aufgabe», erzählt die 8-jährige Jill selbstbewusst.

Genau solche Themen besprechen die beiden Projektleiter mit den Peacemakern während der Nachtreffen. «Unsere Peacemaker wissen genau, dass sie mit allen Problemen zu uns kommen können und wir sie immer unterstützen», sagt Corinne Häberli. Und nicht nur die Lehrpersonen unterstützen die Peacemaker, sie helfen sich auch gegenseitig. Daniel Rüedi: «Während der intensiven Ausbildungstage haben sich die Kinder gegenseitig viel besser kennengelernt und sind näher zusammengerückt. Sie haben schon jetzt, zu Beginn ihres Peacemakerjahrs, einen wunderbaren Zusammenhalt.»

Gewalt an Schulen abbauen

Das Programm «Peacemaker» hat zum Ziel, Gewalt an Schulen abzubauen und ihr vorzubeugen. Während einer Projektwoche zum Thema Gewalt und Frieden lernen von der Klasse gewählte Schüler und Schülerinnen, in hitzigen Situationen auf dem Pausenplatz schlichtend einzuschreiten und die Lage zu entspannen. Es gibt rund 70 Peacemaker-Programme an verschiedenen Schweizer Schulen.

5-Schritte-Modell

Bei der Lösung eines Konflikts arbeiten die jungen Friedensstifter nach dem folgenden 5-Schritte-Modell:

1. Fragen stellen: Was ist los? Beide Seiten erzählen, was passiert ist.
2. Wiederholen: Habe ich alles richtig verstanden? Peacemaker wiederholt beide Versionen der Geschichte.
3. Gefühle ansprechen: Wie fühlst du dich? Wie ist es für dich, wenn das passiert?
4. Lösung finden: Lösungsidee suchen. Hat jemand eine Idee, wie ihr das lösen könntet?
5. Abmachung treffen: Gemeinsame Lösung und Abmachung vereinbaren. Alles mit einem Handschlag besiegeln. Weitere Informationen unter: www.ncbi.ch

So kommen Konflikte in gute Bahnen

Tipps für Eltern: - Sich Zeit nehmen, um herauszufinden, um was es wirklich geht.
- Beide Seiten zu Wort kommen lassen.
- Jugendliche dabei unterstützen, ihre eigenen Lösungen zu finden.
- Versuchen zu schlichten, anstatt zu richten.
Tipps für Lehrkräfte: - Im Klassenrat haben die Jugendlichen die Gelegenheit, sich in der Lösung von Konflikten zu üben.
- Konstruktive Konfliktlösung als Schulstoff, die Kinder und Jugendlichen in konstruktiver Konfliktlösung schulen.
- Peacemaker oder andere Streitschlichterprogramme für die ganze Schule einsetzen.
Tipps für Gleichaltrige:- Vermeiden, Partei für eine Seite zu ergreifen. Parteien sollten ihre eigene Lösung suchen.
- Überlegen, was hinter dem Streit steckt: Warum streiten sie wirklich?

Autor: Sandra Kohler

Fotograf: Samuel Trümpy