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10. Juni 2014

Gimme Shelter

Was für ein Glück ich wieder hatte! Von mir aus wäre ich ja nicht zu den Rolling Stones gegangen. Denn ich hatte schon einige enttäuschende Auftritte der alten Säcke gesehen und wollte sie lieber so krachend gut in Erinnerung behalten, wie sie zuletzt 1995 in Basel waren. Und überhaupt, diese Eintrittspreise! Aber Hans befand, doch, die hätte er jetzt also gern mal erlebt …

«Bekommt man sein Geld zurück, wenn sie vorher sterben?»
«Bekommt man sein Geld zurück, wenn sie vorher sterben?»

Natürlich liess ich mich überreden, und natürlich schlug ich Depp dann auf dem Schwarzmarkt just zu, als die Fantasiepreise am höchsten waren. Aber, egal. Ich konnte meinen Sohn mit Tickets überraschen, Ende März wars, und seinen lakonischen Kommentar werd ich nie vergessen: «Bekommt man dann das Geld zurück, wenn sie vorher sterben?»

Sie sind nicht vorher gestorben, sondern quicklebendig nach Zürich gekommen, vorigen Sonntag. Wir konnten mit den Velos hin, war fast vor unserer Haustür. Und siehe: Die Rolling Stones waren fucking grossartig! Was für ein Konzert! Noch Tage später war ich halb benommen. Sie rockten vom ersten Augenblick an elektrisierend, sie bluesten brandschwarz und schnörkellos. Und sie spielten uralte Heuler wie «Sympathy for the Devil» in einer Frische, als hätten sie diese eben erst in der Garderobe komponiert. Umwerfend, wie dringlich sie tausendmal Gehörtes darbrachten.

Vorn dieser Jagger in einer nie gezeigten Verletzlichkeit. Melancholisch wirkte er, ernsthaft – und irgendwie zum ersten Mal so richtig sympathisch. Da war nichts Gecken-, nichts Gockelhaftes. Er schien ganz bei sich, etwas traurig vielleicht, offensichtlich geknickt vom Tod seiner Freundin, aber umso wahrhaftiger in seinem Fisteln und Flehen. Und, läck du mir, wie der sang! «Worried About You», «Gimme Shelter», der Wahnsinn! Hinten hatten die anderen Spass wie Schuljungs: der verschmitzte Trommler Charlie Watts (er geht auch schon im vierundsiebzigsten); der oft geschmähte Ronnie Wood, der seinen 67. Geburtstag live on stage sichtlich genoss und besser Gitarre spielte denn je; und dann der zerzauste Keith, zuweilen genial, zwischendurch fahrig und zuletzt grandios.

Droben auf der VIP-Tribüne geriet Tina Turner tänzelnd aus dem Häuschen, neben uns blieb dem angejahrten Töffrocker aus dem Solothurnischen vor Erstaunen der Mund offen – worauf ihm der Joint zu Boden fiel. Und für Hans war dies alles: erstmalig! Er wird es noch seinen Enkeln erzählen. Denn ich vermute, er hat eine Ahnung erhalten, weshalb man sie «The Greatest Rock ’n’ Roll Band in the World» nennt … Und ich werde unserem Sohn ewig dankbar sein, dass ich diese Sternstunde dank ihm nicht verpasst habe. Doppelt schön wars, ihm bei seiner Begeisterung zuzuschauen. Wie er zuletzt auf Zehenspitzen und mit glänzenden Augen zu «Satisfaction» mitging und das Schlussfurioso gleichzeitig filmte, damit er es dann seiner Schwester zeigen könne …! (Und ich glaube sogar, diese jungen Menschen heute können wirklich beides: den Moment geniessen und ihn gleichzeitig wackelig auf ihrem Handy festhalten.)

Ich wünschte, ich hätte als Bub «meinen» Elvis auch noch live gesehen. Unsere Tochter berichtet in ihrem Blog, sie hätten den King in Kentucky an der Highschool behandelt, und die Lehrerin habe Sätze gesäuselt wie: «Die Luft zum Atmen war besser, als Elvis noch lebte.» Nie hätte sie gedacht, schreibt Anna Luna, dass man noch mehr Fan von Elvis sein könne als ihr Vater. «Aber diese Frau sagte Dinge wie: ‹Die Welt wäre eine bessere, wenn alle sich ein bisschen mehr wie Elvis benähmen.›» Anna Luna ahnt es nicht, aber diesen Satz … den kann ich vorbehaltlos unterschreiben.


ANNA LUNA GOES WEST

Bänz Friedlis Tochter Anna Luna berichtet während ihres Austauschsemesters in den USA, wie es ihr ergeht. Ihr Bruder Hans antwortet aus Schweizer Sicht. Lesen Sie aktuell, wie es ihr fern von zu Hause ergeht. Zum Blog

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Autor: Bänz Friedli

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