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06. Juni 2017

Gilt das noch, heute?

Bierdeckel
Ein Bier geht immer - erst recht, wenn die Verabredung nicht auftaucht.

«Komm, wir machens wie früher!», frohlockte Jean. «Wir machen ab, und dann gilt es. Wir tragen es in die Agenden ein: Datum, Ort, Zeit. Und am Tag selber fragen wir nicht noch mal nach, ob und wann und wo wir uns nun träfen …» – «Abgemacht», antwortete ich. Und wir verabredeten uns auf einen Dienstag um 19 Uhr im Restaurant «Hardhof», volle elf Wochen im Voraus.

Bänz Friedli (52)
Bänz Friedli (52)

Würden wir durchhalten? Würden auch beide zur vereinbarten Zeit dort sein? Spannend wars und ungewohnt, weil heute viel kurzfristiger abgemacht wird, oft mit der ­Bemerkung: «Wir können ja dann noch schauen, wie und wann genau …» Per WhatsApp, Facebook-Message und Mail erfolgt dann die Feinabstimmung, meist ein müh­seliges Hin und Her. Und oft ­genug ereilt einen – im dümmsten Fall, wenn man schon am Treffpunkt steht – die Absage des anderen: «Du, sorry, geht länger hier im Büro … Ein ­ander Mal!» All die neuen Kommunikationsmöglichkeiten ­haben vor allem zu einem geführt: Unverbindlichkeit. Wers nicht glaubt, soll mal versuchen, von einem Teenager bereits am Donnerstagabend zu erfahren, wie dessen Programm für Freitagabend aussieht.

Diesmal liess ich das Nachhaken bleiben. Ist ein blöder Reflex, den wir uns alle antrainiert haben, sagte ich mir. Notfalls trinkst du halt ein Amber, und wenn Jean nicht auftaucht, gehst du wieder heim. Er aber hat nicht durchgehalten. Früher Nachmittag wars an jenem Dienstag, als er sich per SMS erkundigte, ob die Verabredung noch gelte. Am Abend dann, im «Hardhof», lachten wir darüber. Und schworen uns, es beim nächsten Mal ohne vorherige Rückversicherung zu schaffen. Indianerehrenwort! Heiliges Indianerehrenwort! (Wenn Jean schon einige Gläser getrunken hat, neigt er zum Pathos. Deshalb das «heilige» Ehrenwort. Da ich meist beim Amber bleibe, bestellt er für sich ­allein eine Flasche Wein, und wenn die dann zur Neige geht …)

Erneut abgemacht, auf letzten Montag, wieder im «Hardhof». Jean schien der Sache nicht zu trauen, doch er wusste: Nachfragen geht nicht. Er hat es dann elegant gelöst. Um 13.06 Uhr schien seine Nachricht auf meinem Screen auf: «Heut Abend trinken wir noch auf Gregg Allman, gell …», spielte er auf den Tod des legendären Musikers an, wissend, dass wir ein Flair für die Rockgeschichte teilen. «Oh ja», schrieb ich zurück. «Und auf Jimmy LaFave und Chris Cornell!» Zwei weitere Musiker, die in der Woche zuvor verstorben waren. Keiner von uns schrieb: «Gilt das noch, heute?» Und doch wussten wir nun beide mit Sicherheit: Er wird da sein. Es gibt viel zu bereden. Wie früher.

Bänz Friedli live: 8. Juni, Sarnen OW, Bad «Seefeld»

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Website: www.baenzfriedli.ch

Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli