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19. Dezember 2016

Gibt es das Christkind?

Bänz Friedlis Kolumne
Bänz Friedlis Kolumne wird manchmal bereits in der Migros-Filiale gelesen – im Stehen.

Stellen Sie sich diese Frau, über 90-jährig, irgendwo im Nordosten des Landes vor, die sich immer Anfang Woche in eine Migros-Filiale bemüht, sich dort eine Ausgabe dieser Zeitung vom Stapel holt und noch vor Ort diese Kolumne liest. Also auch heute. «Dann reisse ich die Seite, wenn mir gerade niemand zuschaut, heraus», gestand sie mir unlängst in einer E-Mail, und den Rest lege sie zurück. Nicht, dass ich die Methode zur Nachahmung empfehlen will, und wir werden auch nicht verraten, um welchen Laden es sich handelt … Aber schlimm ist das «Vergehen» nicht. Andere nehmen das Magazin wegen der Aktionen mit und werden den Friedli nicht vermissen. Und ich gebe gern zu, dass das Bild mich rührt und ich es nicht mehr aus dem Kopf bringe: wie die alte Frau im Stehen diese Zeilen liest und die Seite dann sorgsam heimträgt. «Zu Hause lese ich alles nochmals in Ruhe und lege den Abschnitt dann in eins Ihrer Bücher», schrieb sie mir. Das hat mich gefreut.

Bänz Friedli (51)
Bänz Friedli (51) glaubt an alles Mögliche.

Dennoch hat die Zuschrift mich auch betrübt. «Ich freue mich nicht auf den Advent», stand nämlich weiter darin. Früher sei die Weihnachtszeit besser und schöner gewesen. «Wobei ‹früher› sehr weit zurückliegt – in meiner frühesten Kindheit, da ich noch ans Christkindli glaubte und meine Eltern mir diesen Glauben nicht nahmen.» Bis eine Kindergärtnerin, fast 90 Jahre ist das nun her, im strengen Ton gesagt habe: «Lena, es git käs Chrischtchindli.» Worauf sie, das kleine Mädchen, weinend nach Hause gelaufen sei.

Oh doch, das Christkind gibt es, möchte ich dem kleinen Mädchen von damals zurufen: in deinem Herzen. Ich halte mich an meinen Sohn, der zum Thema Osterhase mal – da war er vielleicht fünfjährig – meinte: «Klar gibt es ihn, aber er kommt ‹dänk› nur zu denen, die an ihn glauben.» Ist das nicht ein wunder­barer Satz? Er gilt für den Samichlaus und das Christkind genauso, und er hat bei uns stets funktioniert. Man darf und soll sich die Kindlichkeit bewahren, finde ich, auch und gerade im Alter. Und deshalb gibt es für mich rund um Weihnachten viele sehr schöne und feierliche Momente. Kerzenlichtmomente, Ruhemomente trotz all dem Stress, Kommerz und Gehetze.

Möge es ihr gelingen, der alten Frau aus der Nordostschweiz, die schon so viele, viele Weihnachten erlebt hat, das Mädchen in sich wiederzuentdecken und ans Christkind zu glauben. «Schliessen Sie am Abend des 24. Dezember einfach die Augen», möchte ich ihr sagen, «halten Sie inne, und Sie werden es spüren. Ihre Kindergärtnerin ist bestimmt längst gestorben, und jetzt können wir es ja sagen: Die hatte keine Ahnung! Natürlich gibt es das Christkind.»

Die aktuelle Bänz-Friedli-Hörkolumne, gelesen vom Autor (MP3)
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Website: www.baenzfriedli.ch

Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli