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12. Mai 2014

Gewöhnliche Buben, ganz stark

Bänz Friedli hat ein packendes Buch vorgelesen. Hören Sie an dieser Stelle die MP3-Version der neuen Hausmann-Kolumne und diskutieren Sie beim aktuellen Thema mit.

«Lieber Walter Matthias Diggelmann», hätte ich begonnen, «endlich! Endlich ein Schriftsteller, der die Buben ernst nimmt, endlich ein Buch, das ihnen gerecht wird – ich danke Ihnen dafür.» Hans und ich sind seit Wochen im Bann des Romans «Zwischenfall auf der Baustelle». Zwei Dutzend Jungen jagen darin einem Düsterling nach, der bis wenige Seiten vor Schluss ein Phantom bleibt. Keine Übermenschen sind es, die hier zu Helden werden, sondern Handlanger, Kantinenburschen auf einer Grossbaustelle. Aber bevor du diesen Brief schreibst, sagte ich zu mir, musst du nachschauen, ob er überhaupt noch lebt, dieser Diggelmann … Und, nein: Ich hätte an einen Toten schreiben müssen. Diggelmann starb, 52 Jahre jung, bereits 1979.

«Ein Buch, zuweilen kalt und erbarmungslos – aber menschlich.»
«Ein Buch, zuweilen kalt und erbarmungslos – aber menschlich.»

Das Buch ist ein Glücksfall. Schon öfter hatte Hans sich über die klischierten Rollen in der Jugendliteratur genervt. «Gopf, könnte bitte mal wieder ein Bub in einem Teeniebuch einfach cool sein und nicht immer ungelenk, doof, dick, grossmaulig oder alles zusammen?», schimpfte er unlängst. «Und könnte vielleicht wieder mal ein Mädchen als albern oder besserwisserisch dargestellt werden – statt immer nur als pfiffig, tapfer, keck und mutig?»

Recht hat er, der Hans. Etwas allzu penetrant werden Mädchen in Jugendbüchern als schlau und stark beschrieben, und die Jungs gehen unter. Das fängt beim Pixi-Buch «Conni spielt Fussball» an und geht bis zur taffen Katniss in «Die Tribute von Panem». Sicher ist nichts dagegen einzuwenden, wenn Mädchen bestärkt werden, keine Anpässlerinnen zu sein. Aber wer, bitte, bestärkt die Jungs?

Diggelmann, eben. Auf der gewaltigen Baustelle für die Staumauer Grande Dixence zeichnet er eine raue Männerwelt, schildert er Intrigen und Abgründe – hier die Ingenieure in ihren Einfamilienchalets, da die Büezer in Baracken. Und mittendrin, unsichtbar, aber omnipräsent, dieser Faure, ein Falschspieler, der mehrere Todesfälle verschuldet. Und die Buben, die dem Kerl auflauern. Den alten Band hat uns ein Grosi vom Bucheggberg überlassen, dem ich geklagt hatte, dass die Kinder die Quartierbibliothek längst leergelesen hätten und auch fürs Vorlesen Stoff fehle. (Wir begannen damit, abends vorzulesen, als sie ganz klein waren. Es wurde zum Ritual, und wir tun es noch immer.)

Die Geschichte erschien schon 1958, als der zweithöchste Staudamm der Welt noch im Bau war. Diggelmann muss vor Ort recherchiert haben, so anschaulich schildert er das Gewirr von Transportseilbahnen, Steinbrechermaschinen, Schächten und Stollen. Wie eine Reportage liest sich das, filmisch dicht, mit glaubwürdigen Dialogen, berührend, aber ohne Kitsch.

Nach Diggelmanns Spuren suchend, stiess ich auf eine Biografie, packender noch als der Krimi, den wir gelesen haben. Sohn einer vollwaisen Bauernmagd, im Krieg verhaftet, deportiert und interniert, ein Verstossener, Vertriebener, der nach Anerkennung dürstete. «Mir scheint, ich bin weder von einer Mutter geboren noch von einem Vater gezeugt worden», schrieb er einmal.

«Eher bin ich wie ein wildes Kraut in fremden Gärten gewachsen, wo man sich bemüht hat, mich auszutilgen.» Später verstellte er als linker Polterer den Blick auf den sensiblen Autor, der er war, und geriet nach dem Tod zu rasch in Vergessenheit. «Zwischenfall auf der Baustelle» findet sich nur noch antiquarisch.

Ein stellenweise unbarmherziges Buch, wahrhaftig, grob, kalt – und dann doch wieder menschlich. Walter Matthias Diggelmann, las ich, sei auf dem Friedhof Manegg in Zürich begraben. Vielleicht besuche ich ihn einmal.

ANNA LUNA GOES WEST

Bänz Friedlis Tochter Anna Luna berichtet während ihres Austauschsemesters in den USA, wie es ihr ergeht. Ihr Bruder Hans antwortet aus Schweizer Sicht. Lesen Sie aktuell, weshalb Anna Luna nicht zum Lesen kommt. Zum Blog

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli