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16. Juli 2012

Getrennt wohnen, gemeinsam sorgen

Das gemeinsame Sorgerecht soll in der Schweiz zum Regelfall werden. Rita und Urs Fürst aus dem Zürcher Oberland leben dieses Modell seit sieben Jahren: Tochter Kim lebt abwechselnd bei der Mutter und beim Vater.

Rita und Urs Fürst mit ihrer gemeinsamen Tochter Kim
Rita und Urs Fürst mit ihrer gemeinsamen Tochter Kim, die abwechselnd bei der Mutter und beim Vater lebt.

Das Interview zum Thema mit Advokat und Mediator Peter Liatowitsch:
Sorge um die neue Sorge

Fragt man Kim Fürst, wo sie wohnt, reagiert das Mädchen irritiert. «Bim Mami und bim Papi», sagt sie, «wo susch?» Was die Siebenjährige dabei für nicht erwähnenswert hält, ist die Tatsache, dass ihre Eltern vier Kilometer weit auseinander leben: Mutter Rita in Gossau ZH, Vater Urs in Mönchaltorf. Kim wächst in zwei Haushalten auf, zwei bis drei Tage pro Woche beim Vater, der Rest der Zeit bei der Mutter.

Kim Fürst schätzt die Vorteile ihrer beiden Zuhause: Auf dem Bauernhof 
von Vater Urs leben Kühe, Schweine, Hühner – und ihre geliebten Hasen.
Kim Fürst schätzt die Vorteile ihrer beiden Zuhause: Auf dem Bauernhof von Vater Urs leben Kühe, Schweine, Hühner – und ihre geliebten Hasen.
Die Wohnung von Mutter Rita Fürst liegt zwar an einer stark befahrenen Strasse. Dafür sinds nur ein paar Schritte bis zur Badi Gossau.
Die Wohnung von Mutter Rita Fürst liegt zwar an einer stark befahrenen Strasse. Dafür sinds nur ein paar Schritte bis zur Badi Gossau.

Rita Fürst wusste noch nichts von ihrer Schwangerschaft, als sich das Ehepaar trennte. Eine für beide schmerzhafte und auch harte Zeit, wie sie heute einräumen. Doch trotz aller Konflikte sei immer klar gewesen, dass sie im Leben ihrer Tochter möglichst beide präsent sein würden und jeder seinen Teil auch im Alltag mitbestreiten würde. In der Folge suchte sich Rita Fürst eine Wohnung nicht allzu weit vom Bauernhof ihrer Schwiegereltern, wo sie und ihr jetziger Ex-Mann bis anhin gemeinsam gelebt hatten. Anfangs lieferte sie, da sie stillte, Kim jeweils nur für ein, zwei Stunden beim Vater ab. Mit drei Monaten übernachtete das Mädchen dann zum ersten Mal in Mönchaltorf. «Es war nicht immer einfach loszulassen», sagt die 34-jährige Immobilienfachfrau, «auch wenn ich im Kopf wusste, dass Kim bei ihrem Vater in den allerbesten Händen ist.» Aber auch für diesen war es gewöhnungsbedürftig, plötzlich tage- und nächteweise ein Baby im Haus zu haben. «Dass meine Eltern nebenan wohnen, war eine grosse Hilfe», gibt der 38-Jährige, der neben seinem Job als Schreiner auch auf dem elterlichen Hof mitarbeitet, unumwunden zu. «Und sie springen auch heute noch ein, wenn Rita und ich unsere Termine mal nicht unter einen Hut bringen.»

Wie eben erst in der soeben zu Ende gegangenen Spargelsaison. Um die hofeigenen Spargeln möglichst frisch zu ernten, stand Urs Fürst in den letzten Wochen morgens immer bereits um halb sechs draussen auf dem Feld. Dann war es meist die Grossmutter, welche die Erstklässlerin Kim jeweils am Donnerstag nach dem Frühstück zur Schule nach Gossau fuhr. Mittwochs hat Mutter Rita nämlich ihren freien Abend. Dann probt sie gemeinsam mit ihrem Lebenspartner im lokalen Musikverein — Klarinette. Und Kim schläft beim Papi und dessen Freundin «z Mönchi». Fix ist auch jeweils mindestens eine weitere Übernachtung am Wochenende.

Beim Tagesgeschäft redet keiner dem anderen drein

Alles andere ergibt sich je nach Bedarf. «Einmal pro Monat sitzen wir mit der Agenda zusammen und schauen, was beim anderen jeweils ansteht, wer bringt, wer holt, wer an den Elternabend geht, wer mit Kim ein neues Bikini kauft», sagt Mutter Rita. Tönt alles ganz entspannt — und ist es auch, versichern beide unisono, selbst wenn spätestens Mitte Monat dann doch wieder alles anders ist als ursprünglich angedacht.

«Man kann ein Kind gut auch partnerschaftlich grossziehen, ohne ein Paar zu sein», sagt Rita Fürst. «Vorausgesetzt, man zieht am gleichen Strick und stellt die eigene Befindlichkeit auch mal beiseite», ergänzt Urs Fürst. Von Vorteil sei sicherlich auch die Tatsache, dass sie in ihren eigenen Elternhäusern ähnliche Werte vermittelt bekommen hätten. «Dazu kommt, dass Kim nie eine andere Familienform gekannt hat.» Eine gewisse Toleranz sei aber trotzdem nötig.

Für den Alltag haben sich die beiden Fürsts daher darauf geeinigt, dass der gerade Betreuende jeweils möglichst freie Hand hat: Ist Kim beim Papi, gelten seine Regeln, ist sie beim Mami, sagt diese, was Sache ist. «Und manchmal sagt auch der Ruedi und die Barbara, was ich darf und nicht», ergänzt Kim. Ruedi und Barbara sind die jeweiligen Lebenspartner ihrer Eltern. Dann fällt Urs Fürst aber doch noch ein Nachteil ihres Arrangements ein. «Wenn Kim bei mir ist, schaufle ich mich möglichst von meinen übrigen Verpflichtungen frei, um viel Zeit für sie zu haben. Und Rita macht natürlich dasselbe.» Diese lacht. «Sag doch gleich, dass unsere Tochter recht verwöhnt ist. Sie steht hier wie dort im Mittelpunkt, aber ehrlich gesagt, glaube ich, es gibt Schlimmeres …»

Autor: Almut Berger

Fotograf: Vera Hartmann