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10. Februar 2014

Gesundheit fängt im Job an

Rückenschmerzen, Schulterschmerzen, schwere Beine, müde Füsse: Die Arbeit im Stehen kann beschwerlich sein. Die Midor AG hat einfache, aber effiziente Lösungen entwickelt, um Beschwerden zu vermeiden.

ERGONOMIE AM ARBEITSPLATZ
Mehr zum Thema: Richtig und falsch – so bleiben Sie trotz langem Sitzen gesund. Zum Artikel

An den Ufern des Zürichsees, im Herzen der Goldküste, ist der Fabrikationsstandort der Midor. Direkt am Bahnhof, zwischen schönen, gutbürgerlichen Häusern gelegen, entwickelt und produziert das Unternehmen der Migros seit 1928 Biskuit- und Glacekreationen.

Die Midor ist zwar alteingesessen, aber nicht verstaubt. «Schon lange, bevor Unternehmen wie Google spezielle Massnahmen für die Angestellten entwickelt hatten, sorgten wir uns schon um das Wohlergehen unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter», erklärt Cornelia Lang (51), Fachgebietsleiterin Gesundheit und Soziales. «So richteten unsere Vorgänger beispielsweise vor bereits 34 Jahren einen Ruheraum ein, der allen offen stand.» Der in Pastelltönen gestrichene Raum verfügt über 15 Liegen und 2 Sitzkissen, auf denen man sich in den Pausen entspannen kann.

Diese allererste Massnahme war der Beginn eines betrieblichen Gesundheitsmanagements, das Cornelia Lang 2004 aufbaute. «Seit der Einführung haben sich Abwesenheiten aus Krankheitsgründen sowie die Zahl der Unfälle halbiert», so Lang.

Starre Körperhaltungen möglichst vermeiden

Ein spezielles Angebot richtet sich an Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die im Stehen arbeiten. Sie sind die ersten, die unter Rücken-, Muskel- und Gelenkschmerzen sowie an schweren, schlecht durchbluteten Beinen leiden. «Arbeitsplätze, an denen schwere Lasten bewegt werden müssen, wurden nach Möglichkeit automatisiert. Zudem werden bei Stellenantritt alle Angestellten am Arbeitsplatz geschult.» So lernen sie von Anfang an, die richtigen Verhaltensweisen anzuwenden (siehe weiter unten auf dieser Seite), wie bespielsweise das korrekte Tragen von Waren, ohne den Körper allzu stark zu strapazieren oder sich zu verletzen. Solche Schulungen in Theorie und Praxis werden regelmässig wiederholt.

Cornelia Lang, Fachgebietsleiterin Gesundheit und Soziales.
Cornelia Lang ist Fachgebietsleiterin Gesundheit und Soziales.

«Der ideale Arbeitsplatz besteht aus 60 Prozent Sitzen, 30 Prozent Stehen und 10 Prozent Umhergehen», empfiehlt Cornelia Lang. Wichtig sei es, eine statische, immer gleiche Körperhaltung zu vermeiden. So hört man den Vorarbeiter in der Produktionshalle dann und wann «Cambio» rufen – ein Begriff, der noch aus der Zeit stammt, als die Midor viele italienische Angestellte beschäftigte. Auf diesen Aufruf hin wechseln die Mitarbeiter ihre Arbeitsplätze untereinander, um ihren Körper zu entlasten und so jede körperliche Routine so weit wie möglich zu vermeiden.

Trotz aller Bemühungen von Cornelia Lang gibt es Arbeitsplätze, wo das Personal stehen muss und keine Möglichkeiten hat, sich zu bewegen: In der Abwiegerei, wo Zutaten (natürliche Aromen, Vitamine, Proteinpulver etc.) von Hand in Kleinstmengen abgewogen werden, die für die Herstellung der verschiedenen Biskuits nötig sind. Von den insgesamt 600 Angestellten der Midor arbeiten 60 Personen in dieser Abteilung, nur 6 bis 8 Personen arbeiten vorwiegend stehend.

«Wir haben mehrere Massnahmen ergriffen, um in diesem Bereich Verbesserungen zu erzielen», erklärt Cornelia Lang. «Zunächst einmal verwenden die Mitarbeiter Hebevorrichtungen, um die verschiedenen Zutaten auf die Höhe der Arbeitsfläche zu bringen. Ausserdem verwenden wir an diesen Arbeitsplätzen dämpfende Bodenschutzmatten, die den Druck des Körpers besser absorbieren und Ermüdungserscheinungen entgegenwirken. Und schliesslich werden sie zu Entspannungsübungen vor Ort ermutigt, wie beispielsweise beide Arme einige Augenblicke im Kreuz zu verschränken oder den Rücken gegen die Wand zu drücken.»

Schreibtische sind fast alle höhenverstellbar

Alice Fretz (56) ist ausgebildete Konditorin und arbeitet seit drei Jahren in der Abwiegerei. «Ich hatte nie körperliche Probleme», erzählt die Zürcherin. «Am Anfang fiel es mir eigentlich nur schwer, mich an die Arbeitszeiten zu gewöhnen. Wenn ich in der Frühschicht arbeite, muss ich um sechs Uhr anfangen, dann klingelt der Wecker halt schon sehr früh.»

Josef Failla (40) ist der Midor seit 24 Jahren treu. Er bestätigt: «Ich war noch nie wegen Rückenschmerzen krankgeschrieben, nur wegen gewöhnlichen Krankheiten wie einer Grippe. Aber am Anfang habe ich diese Müdigkeit auch gespürt, das ist jedoch normal.»

Und wenn Alice Fretz und Josef Failla gemeinsam in die Pause gehen und an den Büros ihrer Kollegen mit ihren Sitz- beziehungsweise Stehpulten vorbeilaufen, müssen sie ein wenig lächeln – denn auch sie würden sich manchmal gern hinsetzen. Nur zu sitzen, ist allerdings auch nicht sehr gesund. «Bei der Midor sind fast alle Schreibtische elektrisch höhenverstellbar», erklärt Cornelia Lang, bevor sie abschliessend bemerkt: «Wir müssen auch an die Personen denken, welche die ganze Zeit sitzen. Auch sie müssen ihre Position verändern können. Das ist die goldene Regel in der Berufswelt.»

Die richtige Haltung

Beim Tragen

Josef Failla mit einem Eimer, den er hochheben will.
Falsch: Josef Failla ist zu weit vom Eimer entfernt, den er hochheben will.

FALSCH: Josef Failla ist zu weit vom Eimer entfernt, den er hochheben will. Ausserdem sollte er weder die Arme ausstrecken noch sich nach vorne beugen. So ist die Wirbelsäule nicht gerade und der Druck auf die Bandscheiben zu gross.

RICHTIG: Es ist wichtig, nah an den zu hebenden Gegenstand heranzutreten und in die Knie zu gehen, um auf dieselbe Höhe zu kommen. Dann sollte man ihn mit beiden Armen umfassen und hochheben, wobei das Gewicht auf alle Gliedmassen verteilt wird. Noch besser: Mit einem Lift muss man nicht einmal in die Knie gehen.

Richtig: Es ist wichtig, nah an den zu hebenden Gegenstand heranzutreten und in die Knie zu gehen, um auf dieselbe Höhe zu kommen.

Beim Abfüllen

Falsch: Alice Fretz hat den Eimer auf die Arbeitsfläche gestellt. Er ist jetzt zu hoch, ihre Schulter nicht ideal positioniert.

FALSCH: Alice Fretz hat den Eimer auf die Arbeitsfläche gestellt. Er ist jetzt zu hoch, ihre Schulter nicht ideal positioniert. Frau Fretz ermüdet schneller und riskiert auf lange Sicht eine Überbelastung.

Richtig: Dank des Lifts steht der Eimer tiefer, die Schulter bleibt auf der richtigen Höhe. Der Arm muss nicht zu hoch angehoben werden.

 RICHTIG: Dank des Lifts steht der Eimer tiefer, die Schulter bleibt auf der richtigen Höhe. Der Arm muss nicht zu hoch angehoben werden.

Autor: Pierre Wuthrich

Fotograf: Ueli Christoffel