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07. März 2016

Orthorexie: Gesund essen bis zum Kollaps

Wer auf die Ernährung achtet, tut seinem Körper Gutes. Verwandelt sich Gesundheitsbewusstsein aber in Gesundheitswahn, dann kann es gefährlich werden. Eine Betroffene erzählt, wie das Essen für sie zum Albtraum wurde. Wie strikt halten Sie bei der Ernährung Grundsätze oder Regeln ein – und welche? Verraten Sie es unten in einem Kommentar (gern auch anonym).

Andrea isst nur Gesundes
Kein Zucker, kein Fett – nur gesundes Essen kommt bei Andrea auf den Tisch.

Salat, Suppe, Müesli – eine Zeit lang kam bei Andrea (Name von der Redaktion geändert) fast nichts anderes auf den Tisch. Kein Zucker, kein Fett, keine Kohlenhydrate. Ihr Ziel war es lediglich, ein paar Kilos abzunehmen. Vor zweieinhalb Jahren wog Andrea einiges mehr als heute, 72 Kilogramm zeigte die Waage an.
Am Anfang klappte es mit dem Abnehmen ganz gut, doch dann wurde ihr Ernährungsplan immer extremer. «Ich wollte mich immer gesünder ernähren und auf Fett verzichten – nicht einmal mehr teilentrahmte Milch konnte ich trinken, ich kaufte nur noch Magermilch», erzählt die 35-jährige Luzernerin.

Gesund ist, was nicht dick macht

Heute wiegt Andrea 50 Kilogramm bei einer Körpergrösse von 161 Zentimeter, und sie leidet an Orthorexie. Dabei handelt es sich um ein problematisches Muster in ihrem Essverhalten.
Im Unterschied zu Menschen mit Anorexie (Magersucht) will Andrea nicht auf das Essen verzichten, manchmal isst sie sogar Schokolade. Sie treibt auch nicht übermässig Sport, um die eingenommenen Kalorien sofort wieder zu verbrennen, wie es viele Magersüchtige tun. Andrea will einfach nur die Lebensmittel konsumieren, die sie für ihren Körper als gesund betrachtet und die sie nicht dick machen. Nur, was in ihrem Kopf als gesund gilt, ist es in der Realität eigentlich nicht. Zu unausgeglichen, zu einseitig ist ihre Ernährung. Und sie weiss das.

Die Kilos purzelten am Anfang zwar schnell, doch Andrea fühlte sich immer noch nicht schlank genug. Das tägliche Wägen wurde zum Zwang, und zwar auf das Gramm genau. «Wenn ich einmal ein Gramm mehr wog, fühlte ich mich schlecht und wollte dieses Gramm wieder loswerden», erzählt sie. Ihre Schwester habe ihr die Waage ­eines Tages einfach weggenommen – «die Waage vermisse ich heute aber nicht mehr», sagt Andrea. Dabei merkte sie lange Zeit nicht, dass sie überhaupt ein Problem hatte. Nach dem Entzug der Waage mass sie sich nur noch an ihrem Aussehen. Ähnlich wie bei Menschen mit Anorexie sah sich Andrea allerdings viel dicker, als sie in Wirklichkeit war.

Ihr Umfeld bemerkte ihre körperliche Veränderung und ihr neues Essverhalten. Immer häufiger sprachen Familie und Freunde sie kritisch darauf an.
«Ich verstand diese ganze Aufregung nicht, ich fühlte mich ja immer noch zu dick», sagt die sehr schlanke Frau. Schliesslich gab sie dem Druck aber nach und suchte eine Ernährungsberaterin auf.

Zwanghafte Kontrolle

Zur Ernährungsberaterin ging sie mit einem einzigen Ziel: Sie wollte lernen, die Palette an Lebensmitteln zu erweitern ohne zuzunehmen. Doch im Gesundheitszentrum wurde festgestellt, dass Andrea mehr als einen grösseren Einkaufskorb benötigte.
Seit einem halben Jahr erhält sie nun wöchentlich psychologische Unterstützung, Ernährungsberatung und Körperwahrnehmungstherapie. Sie muss lernen, sich so zu fühlen und zu sehen, wie sie wirklich ist.

Dass die Ärztin bei ihr eine Orthorexie feststellte und nicht etwa Anorexie, war für Andrea eine Erleichterung. Die Tests im Spital hatten zudem gezeigt, dass sie keine Mangelerscheinungen hatte. Auch ihr Body-Mass-Index (BMI) liegt noch knapp im Normalbereich. Körperlich gesehen, ist sie also gesund. Das Problem: ihre zwanghafte Kontrolle beim Essen.

Wie es zu diesem Essverhalten kam, kann Andrea heute nicht sagen. Dass sie durch irgendwelche Trends oder Medien beeinflusst worden ist, glaubt sie nicht. Auch kennt sie in ihrem Umfeld niemanden mit demselben Problem. Lediglich ihr Wunsch abzunehmen, war ausschlaggebend.
Das sie jetzt viel dünner ist, hat auch positive Seiten, erzählt sie. «Ich fühle mich viel selbstbewusster, seit ich so viele Kilos verloren habe.» Essen bei Freunden schlägt Andrea trotzdem nicht aus. Sie bittet einfach um kleinere Portionen. Gibt es Spaghetti Carbonara («für mich eine pure Kalorienbombe!»), dann würde sie einfach nur ein paar Gabeln davon essen, sagt sie.

Manche Personen, die von Orthorexie betroffen sind, vermeiden Einladungen zum Essen. Das kann zu sozialer Isolation führen. Andrea trifft ihre Freunde immer noch regelmässig. Auf Distanz ging sie allerdings mit ihrer Familie. Die ewigen Kommentare zum Essen wie etwa «Willst du nicht doch ein bisschen Dessert?» belasteten sie zu sehr.

Der Kopf ist stärker als der Bauch

«Es ist ja nicht so, dass ich keine Lust auf Desserts hätte. Ich weiss aber, dass ich mich danach sehr schlecht fühlen werde. Mir ist es wichtiger, mich gut zu fühlen, als eine Rahmglace zu essen», erklärt sie. Es sei ein täglicher Balanceakt.
Kopf und Bauch, so sagt sie, seien bei ihr nicht im Gleichgewicht. Ihr Kopf ist aber fast immer stärker als ihr Bauch, denn sie hat eine eiserne Disziplin. «Klar bin ich nach einer kleinen Portion noch nicht satt und könnte noch mehr essen. Aber ich will es nicht.»

Inzwischen hat Andrea aber auch ihre Tricks, um die eigene Wahrnehmung zu verändern. «Ich habe nach manchen Mahlzeiten das Gefühl, dass das Essen direkt am Körper angesetzt hat, auch wenn ich weiss, dass das gar nicht möglich ist. Deshalb verzichte ich an solchen Tagen auf knallenge Jeans und Blusen und trage weite Kleider», erklärt sie.

Ausserdem hat Andrea ein neues Hobby: Zwei bis drei Mal in der Woche geht sie schwimmen. Sie tut es nicht, um Kalorien zu verbrennen, das betont sie immer wieder. Sie brauche den Sport als Ausgleich, damit sie richtig abschalten könne. Und tatsächlich: Nach dem Schwimmunterricht hat sie oft richtig Kohldampf – und schlägt zu. Nicht, wie das ein durchschnittlicher Sportler tun würde. Aber für ihre Verhältnisse esse sie viel, sagt sie und zählt auf: eine Schüssel Müesli, drei Portionen Quark, drei Eier, eine Reihe Schoggi, eine Ovi, Früchte. Das Wichtigste: «Ein schlechtes Gefühl habe ich danach meistens nicht. Ich sage mir dann, ich esse. Nicht, ich darf essen.»

Bis sich Andrea wieder normal und ausgewogen ernähren kann, braucht es Zeit. Mit der Ernährungsberaterin vereinbart sie immer wieder kleine Schritte. Quark, Ei und Thon isst Andrea inzwischen wieder. Bei den Kohlenhydraten hapert es noch am meisten. «Das kriege ich fast nicht runter», sagt sie. Das ausgemachte Ziel: zwei bis drei Löffel Weizen pro Woche. Den Weizen koche sie ja schon, sagt Andrea, «nur essen kann ich ihn nicht».

Fünf Teller voller Weizen stehen in ihrem Kühlschrank. Nahezu unberührt. «Wenn ich es nicht schaffe, die mit der Ernährungsberaterin vereinbarten Ziele zu erreichen, bin ich auf mich selber wütend», gesteht Andrea. Doch sie gehe gern in die Therapie und fühle sich danach meistens besser. Deshalb gebe sie sich Zeit. «Ich weiss, dass ich meinen Vorsatz, mich ausgewogen zu ernähren, irgendwann erreichen kann. Aber ich muss kleine Schritte gehen.»

Autor: Eva Hirschi

Fotograf: Tina Steinauer