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26. Mai 2014

Gestrandeter Seemann

Der Matrose Guido Trüssel aus Uitikon ZH trotzte im Pazifik mutig einem Orkan, doch im Schweizer Alltag wäre der Seemann fast untergegangen.

Guido Trüssel
Fernweh: Bei einem Ausflug zum Basler Rheinhafen denkt Guido Trüssel zurück an seine Zeit auf dem Meer.

Die Wellen wurden immer höher. Im Pazifik vor der Küste des mittelamerikanischen Landes Guatemala geriet das Schweizer Schiff «Cristallina» in den Ausläufer eines Orkans. Rund um den Stückgutfrachter türmten sich die Wasserberge bis zu 14 Meter hoch. Mit an Bord war der Zürcher Guido Trüssel. Er machte auf der «Cristallina» seine Lehre als Matrose. Der heute 60-Jährige erinnert sich sehr genau an den Sturm im Februar 1964. Er erzählt: «Unser Schiff verschwand zwischen haushohen Wellen. Absurderweise blieb der Himmel über dem stürmischen Meer die ganze Zeit strahlend blau.» Die «Cristallina» hatte auf Deck Fässer mit Zitronenkonzentrat geladen, die je zwei Zentner wogen und mit Drahtseilen befestigt waren. Im Sturm rissen sich rund 30 dieser Fässer los. Sie rollten über das Deck, und eines von ihnen zertrümmerte die Türe der Schiffsküche. Die Mannschaft versuchte verzweifelt, die wild gewordene Fracht zu bändigen. Dabei brach sich einer der Matrosen ein Bein. «Ich dachte oft: Jetzt ist es aus», erinnert sich Trüssel an den zwei Tage lang dauernden Sturm. «Mein Leben zog noch einmal an mir vorbei.»

Immer wieder in Seenot

An stürmischen Erfahrungen mangelte es Guido Trüssel nie – weder vor noch nach dem Orkan im Pazifik. Sein ganzes Leben erinnert an einen Abenteuerfilm. Doch wie Indiana Jones sieht Trüssel nicht aus. Er ist ein unauffälliger Mann mit Schnurrbart und Brille. Ungewöhnlich sind nur die bläulichen Tätowierungen auf seinen kräftigen Unterarmen – ein Dolch, ein Anker und andere Symbole. Guido Trüssel wuchs in Zürich Oerlikon auf. Sein Vater, ein Schneider, kam mit einer offenen Tuberkulose aus dem Militärdienst zurück. Er musste sich in einem Sanatorium behandeln lassen. Guido Trüssels Mutter schuftete den ganzen Tag in einer Grossbäckerei. Der Bub kam schliesslich mit acht Jahren in ein Kinderheim, das er erst als 15-Jähriger wieder verlassen konnte. «In diesem Heim habe ich meine Jugend verbüsst», sagt Guido Trüssel in einem bitteren Tonfall. Er erinnert sich an strenge und kaltherzige Erzieher. Einmal riss der Junge aus. Auf seiner Flucht trug er viel zu kleine Schuhe. Die Polizei griff ihn schliesslich auf und brachte ihn mit blutigen Füssen zurück.

Wunden in der Seele

Fotos für Guido Trüssels Erinnerung
Die Fotos helfen der Erinnerung auf die Sprünge.

«In dem Heim ist mein Selbstvertrauen zerstört worden», sagt Trüssel. «Diese seelischen Wunden sind nie mehr richtig verheilt.» Wohl darum geriet Guido Trüssel in seinem späteren Leben oft in Schwierigkeiten. Und mehr als einmal wäre er fast untergegangen. Als junger Mann fand Trüssel jedoch zeitweise Halt in der Seefahrt. Drei Jahre lang diente er auf verschiedenen Frachtschiffen. An Bord war er in ein Team eingebunden. Besonders schön fand es Trüssel, wenn sein Schiff eine exotische Hafenstadt ansteuerte – zum Beispiel Puerto Cortes an der Küste von Honduras. Trüssel erzählt: «Schon drei Tage vor unserer Ankunft im Hafen roch es auf See immer stärker nach Kaffee, Jute und Schweiss.» Als Trüssel 1967 in die Schweiz zurückkam, war er vom Alltag an Land überfordert. «Ich fühlte mich einsam», erzählt er. «Ich wollte mir Kollegen kaufen, indem ich in Bars immer wieder Runden spendierte.» Er wurde zum Alkoholiker und gab viel Geld aus. Stets leistete er sich protzige Strassenkreuzer – zum Beispiel einen mächtigen Buick.
Er sagt dazu: «Am Steuer der riesigen Autos wollte ich vergessen, wie klein ich mich eigentlich fühlte. Ich war ein völliger Komplexhaufen.» Seinen aufwändigen Lebensstil finanzierte Trüssel mit Einbrüchen, die er zusammen mit Komplizen beging. Bis 1969 stahl die Gruppe immer wieder Geld aus Restaurants, Bürohäusern und Supermärkten. «Wir hatten nie eine Waffe dabei, nicht einmal ein Sackmesser », versichert Trüssel. «Ein einziges Mal begegneten wir einem Securitas-Wächter und rannten sofort davon.»

Lernen hinter Gittern

Trüssel verbüsste für seine Einbrüche insgesamt viereinhalb Jahre Haft in den Strafanstalten Regensdorf ZH und Saxerriet SG. «Am schlimmsten war ein Besuch meiner Mutter im Gefängnis», sagt er. «Ich spürte, wie traurig sie war.» Während der Haftstrafen zeigte sich einmal mehr eine spezielle Gabe von Guido Trüssel: Immer wieder konnte er die schlimmsten Stürme des Lebens überstehen und sogar aus der Katastrophe einen Nutzen ziehen. Im Gefängnis von Regensdorf machte Trüssel ein Englischdiplom. Auf dem Steinbruch der Strafanstalt Saxerriet übte er das Bedienen von schweren Baumaschinen. Beide Fähigkeiten konnte er später gut gebrauchen. Denn nach der Zeit im Gefängnis gelang Guido Trüssel eine erstaunliche Laufbahn als Baustellenleiter in Afrika und im Mittleren Osten. Es begann damit, dass er 1976 auf dem japanischen Frachter «Blue Uranus» als Bootsmann anheuerte. Das Schiff transportierte Elemente für Fertigbauten, die in Nigeria für ein Kulturfestival gebraucht wurden. Trüssel durfte den Aufbau der Festivalhallen überwachen.

Die Karriere des ehemaligen Matrosen gipfelte in den Jahren 1979 bis 1981 in der ägyptischen Hauptstadt Kairo. Als Baustellenleiter war er verantwortlich für die Errichtung des Marriott-Hotels – eines Palastes mit 1240 Räumen. Als Trüssel von dieser Zeit erzählt, legt er bedächtig einige alte Arbeitszeugnisse auf seinen Stubentisch. Die Dokumente belegen, dass er damals 8000 Dollar pro Monat verdiente. Ausserdem durfte er zwei teure Dienstautos fahren und sich von einem persönlichen Steward bedienen lassen. Sieg über die Sucht In Kairo lernte Trüssel seine Frau Sohait kennen – eine zehn Jahre jüngere Ägypterin, deren Vater Bierbrauer war. Die Stürme des Lebens waren damit aber nicht überstanden.

Nach der Rückkehr in die Schweiz begann Trüssel wieder zu trinken und verprasste einen Grossteil seines Vermögens. Die Erinnerungen ans Heim holten ihn ein. Wieder fühlte er sich klein und nichtig. Vor acht Jahren wurde Guido Trüssel zeitweise der Führerausweis entzogen. Ein Richter verlangte, dass er regelmässig seine Leberwerte kontrollieren lasse. «Seither bin ich trocken», sagt Trüssel mit fester Stimme. Schliesslich ist es dem Seemann also doch noch gelungen, sein Lebensboot in ruhige Gewässer zu steuern.
Seine starke Frau Sohait hat sicher viel dazu beigetragen. Die beiden leben in einem kleinen, gepflegten Haus in Uitikon ZH. Ihr Sohn Sascha (21) hat einen sehr guten Lehrabschluss als Koch gemacht. Guido Trüssel verdient sein Geld heute als Computer-Supporter und mit Malerarbeiten. Wie steht es mit seiner lebenslangen Leidenschaft für protzige Autos? Diese Frage beantwortet der Seemann mit einem Lachen. Er deutet auf den Parkplatz vor seinem Haus, wo sein Wagen steht – ein bescheidener Opel. Auch das ist ein gutes Zeichen.


Dieser Artikel wurde erstmals am 17. August 2004 publiziert.

Autor: Michael West

Fotograf: Matthias Willi