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21. September 2015

Gestenreich durchs Leben

Hörbehinderte leben anders. Wie, erfährt man in Bern zum Welttag der Gebärdensprache. Auch Ueli Matter und Barbara Bucher kennen die Herausforderungen der Gehörlosigkeit. Und deren Vorzüge. Rechts lesen Sie zwei weitere Porträts mit seit früher Kindheit Gehörlosen: Margrit Stocker und Othmar Schelbert.

Ueli Matter
Ueli Matter, Sohn des Berner Liedermachers Mani Matter, ist von Geburt an stark hörbehindert. Er hat sich damit arrangiert und schätzt sogar die stillen Momente.

Was mache ich mit den Händen? Brauche ich sie, oder halte ich sie still? Die Frage ist bei Barbara Bucher (44) immer präsent, wenn sie am Reden ist. Im Moment sind die Hände in Bewegung, und wie. Blitzschnell krümmen und strecken sich ihre Finger, die Hände zeichnen Wellen in die Luft, Daumen gehen nach oben, Handflächen nach unten. Mit diesen raschen, geschmeidigen Bewegungen unterhält sich Barbara Bucher mit Ueli Matter (47). Zu hören ist nur ein Flüstern. Die beiden kommunizieren über Handzeichen, Mimik und fast lautlos gesprochene Wörter. Denn der eine ist praktisch gehörlos und die andere Dolmetscherin für Gebärdensprache – die gemeinsame Sprache der beiden.

Ueli Matter, Sohn des Berner Liedermachers Mani Matter, kam 1967 drei Monate vor dem Termin zur Welt. Der Stadtberner kann deshalb seit Geburt nur 20 Prozent aller Geräusche wahrnehmen, mit Hörgerät 40. Für seinen Traumberuf Pilot reichte das nicht, er wurde Automechaniker. Als sich das nach ein paar Jahren als Stressjob herausstellte, sattelte er um auf Taxifahrer. Inzwischen gondelt er seit 23 Jahren durch die belebten Strassen der ­Berner ­Innenstadt und geniesst die Stille in seinem Auto – auch wenn das ­Hörgerät an ist. «Mehr Geräusche würden mich nur ablenken», sagt er. Das Martinshorn hört er allemal. Und wenn die Verständigung mit den Fahrgästen nicht klappt, macht er sie auf seine Hörbehinderung aufmerksam.

Die besondere Zweisprachigkeit
Ideal ist, wenn diese Hochdeutsch mit Matter sprechen und deutlich artikulieren, sodass er von den Lippen lesen kann. Denn Matter beherrscht neben der Gebärden- auch die ­Lautsprache – etwas, das sich derGehörlosenbund für alle 8000 Menschen in der Schweiz wünscht, die hörbehindert zur Welt kamen oder gehörlos sind. Betroffene sollen schon als Kinder beide Sprachen lernen, so das Ziel. Denn die Gebärdensprache steht einem Kind praktisch sofort als Kommunikationsmittel zur Verfügung, während die gesprochene Sprache und das Hören mit technischen Mitteln zuerst aufwendig gelernt werden müssen.

Gebärden- und Lautsprache ergeben zusammen eine besondere Art von Zweisprachigkeit. Dass gehörlose Kinder damit aufwachsen, ist beispielsweise in skandinavischen Ländern bereits die Regel. In der Schweiz muss sich die Idee noch gegen Kritiker durchsetzen. Sie finden, dass Kinder mit einer Hörbehinderung über rein lautsprachlichen Unterricht besser in die hörende Gesellschaft integriert werden.

Barbara Bucher
Barbara Bucher hat hörbehinderte Eltern und schon als Kind Gebärdensprache gelernt.

Immerhin ist die Gebärdensprache heute erlaubt. Vor 40 Jahren war sie in der Schule noch verboten und in der Öffentlichkeit verpönt, weil man befürchtete, Gehörlose würden sich durch eine eigene Sprache vom Rest der Gesellschaft abgrenzen. Die Eltern von Barbara Bucher – der Vater taub, die Mutter schwer­hörig – verwendeten die Sprache nur zu Hause.

Inzwischen verdient die Dolmetscherin aus Thalwil ZH damit ihr Geld. Sie doziert an der Hochschule für Heilpädagogik in Zürich, übersetzt die «Tagesschau» am Schweizer Fernsehen sowie an Sitzungen, Gesprächen und Kongressen, bei denen Hörbehinderte anwesend sind. «Von der Geburt bis zur Beerdigung sind alle Themen des Lebens dabei», sagt sie, «und dazwischen geht es um Schulgespräche, Weiterbildung, Arztbesuche und Fachkurse zu allen möglichen Themen von der Elektronik bis zum Baumschneiden.» Gefragt sind also ein grosses Allgemeinwissen und breit gefächerte Interessen, aber auch die Bereitschaft, sich zu exponieren. «Beim Gebärden steht man optisch immer im Mittelpunkt», sagt Bucher, «damit muss man umgehen können.»

Eine «Tagesschau» mit all ihren Kriegs-, Hunger- und Katastrophenmeldungen lässt die Dolmetscherin emotional praktisch unberührt: «Diese Sendungen werden textlich bewusst nüchtern gehalten.» Geht es aber darum, in einem Dialog zu übersetzen, schlüpft Bucher in die Rolle des jeweiligen Gesprächsteilnehmers und spricht in der Ichform. Da bleibt schon mal das eine oder andere Gefühl hängen, das sie nach dem Einsatz ­bewusst wieder abstreift – ein Glücks­erlebnis ebenso wie einen Frust. Was aber ­jedes Mal bleibt: ein gesteigertes Verständnis für die ­Situation der Menschen. Etwa für einen Sozialarbeiter, der seine Formulare genau ausgefüllt haben will und auf den ersten Blick vielleicht einfach nur pingelig erscheint.

In zwei Welten zuhause
Bucher versteht sich als Brücke zwischen der Welt der Gehörlosen und jener der Hörenden. Die beiden zusammenzubringen, ist gar nicht so einfach, wie sie festgestellt hat. Einst hat sie zum Essen eingeladen: Da sassen die hörenden Freunde am einen Ende des Tisches und die Gehörlosen am anderen. Die Berührungspunkte waren gering, der Austausch beschränkt. «Macht aber nichts», sagt Bucher und zuckt die Achseln. Das könne auch unter Hörenden passieren. Sie selber ist in beiden Welten zu Hause. Ein Teil von ihr sei irgendwie gehörlos, erklärt sie. So kommuniziert sie praktisch nie von Raum zu Raum, sondern stets von Angesicht zu Angesicht, auch mit Hörenden. Von ihren Eltern lernte sie, die Reaktionen von Menschen zu beobachten und zu interpretieren. Kürzlich war sie in Südamerika unterwegs, und obwohl sie kein Spanisch versteht, begriff sie sofort, was ein Einheimischer zu ihr sagte – noch bevor ihr Spanisch sprechender Partner ihn verstand.

Dass die Gehörlosigkeit durchaus Vorteile hat, insbesondere auf Reisen, hat auch Ueli Matter festgestellt. «Wenn ich das Hörgerät ausschalte, schlafe ich immer gut, egal, wie laut es an einem Ort ist», sagt er mit einem Schmunzeln. «Das ist gäbig.» 

Barbara Bucher und Ueli Matter sind neben weiteren acht Menschen in dem Buch «Augenmenschen» von Johanna Krapf porträtiert; Rotpunkt Verlag, Fr. 28.– bei Ex Libris. Beide sprechen am 29. Oktober in der Stadtbibliothek ­Rapperswil über Gehörlosigkeit, Stadtbibliothek-rj.ch .

Am 26. September informiert der Schweizerische ­Gehör­losenbund in Bern anlässlich des Welttages der ­Gebärdensprache über Gehörlosigkeit: Sgb-fss.ch .

«Russische Gebärdensprache verstehe ich nicht»

Psycholinguistin Penny Boyes Braem erforscht seit über 30 Jahren die Gebärdensprache und gründete 1982 das Forschungszentrum für Gebärdensprache in Basel ( Fzgresearch.org ). 2014 verlieh ihr die Universität Zürich ein Ehrendoktorat.

Penny Boyes Braem, was ist das Besondere an der Gebärdensprache?

Sie hat wie die Lautsprache eine eigene Struktur und Grammatikregeln. Zum Beispiel kommt es bei jeder Gebärde auf die richtige Handform und Handstellung an, und darauf, mit welcher Bewegung und wo sie ausgeführt wird.

Ist es eine universelle Sprache?

Nein. Ich zum Beispiel habe die amerikanische und Deutschschweizer Gebärdensprache gelernt, verstehe hingegen die russische oder britische nicht. Einige Gebärden sehen in verschiedenen Ländern ähnlich aus – etwa jene für «Baum» oder «Stuhl». Aber ein Haus wird bei den Inuit ganz anders dargestellt als in der Schweiz.

Macht das Cochlea-Implantat (siehe Box) die Gebärdensprache eines Tages überflüssig?

Es kommt darauf an, wann der Hörverlust eingetreten und wie ausgeprägt er ist. Nach Meinung vieler Mediziner müssen Gehörlose nur die Wörter hören, um fliessend sprechen zu können. Aber es gibt auch Gehörlose mit Cochlea-Implantat, die ganz bewusst die Gebärdensprache lernen wollen, da es für sie die einzige Sprache ist, in der sie sich wirklich differenziert ausdrücken können.

Autor: Yvette Hettinger, Evelin Hartmann

Fotograf: Simon Iannelli