Archiv
14. November 2016

Spielen wird wieder salonfähig

Dörfer bauen, Hexen bekämpfen, Rätsel lösen: Wer Gesellschaftsspiele liebt, kommt voll auf seine Kosten. Noch nie waren die Spiele so vielfältig, spannend und komplex – und nie gab es so viele Spieltreffs in der Schweiz wie heute. In den Videos können Sie erraten, von welchem (Gesellschafts-)Spiel die Rede ist.

«Brändi Dog» wird meist in Teams gespielt und ist manchmal ganz schön fies. Bis zum Schluss 
kann sich das Blatt jederzeit wenden.
«Brändi Dog» wird meist in Teams gespielt und ist manchmal ganz schön fies. Bis zum Schluss kann sich das Blatt jederzeit wenden.

Irgendwann stirbt dann einer», sagt Ralph Kretzschmar munter, «und man kann sich aussuchen, wer das ist.» Der 41-Jährige wedelt mit der Hand über den Tisch. Ein grosses Spielbrett liegt da, Holzklötzchen in verschiedenen Farben sowie Kärtchen mit aufgemalten Symbolen: Pferde, Geldsäcke, Briefe. Drei Männer und eine Frau hängen an Kretzschmars Lippen.

Es ist Freitagabend und Spielzeit im Fricktaler Spielclub. 13 Erwachsene zwischen 34 und 68 Jahren haben sich im Dachstock eines Mehrzweckhauses in Rheinfelden AG eingefunden und auf drei Tische verteilt. Schon seit einer Viertelstunde ist Ralph Kretzschmar daran, seinen Klubfreunden Züge und Regeln des Strategiespiels «Village» zu erklären. Eine komplexe Sache, bei der es um Hochzeiten, Reisen und ruhmreiche Taten geht. Ein Bauernhof, eine Kirche und die Pest spielen zentrale Rollen. Es ist 20.15 Uhr, man freut sich auf zwei Stunden Spielzeit.

Vielspieler Ralph Kretzschmar
Vielspieler Ralph Kretzschmar

Vielspieler Ralph Kretzschmar freut sich über komplexe Spiele, die strategisches Denken erfordern.

Das Spielen ist des Schweizers Lust. Zum ersten Mal seit 14 Jahren haben 2015 die Spielwarenverkäufe hierzulande zugelegt, in der Kategorie analoge Spiele und Puzzles um 6,5 Prozent. Die weltweit grösste Spielmesse, die «Spiel» in Essen (D), verzeichnete Mitte Oktober mit 174 000 Besuchern einen ­Rekord. Vorgestellt wurden 1200 neue Brett- und Kartenspiele – ­ so viele wie nie zuvor. Allerdings: «Nur wenige haben das Zeug zum Klassiker und bleiben dauerhaft im Angebot», erklärt Spielekenner Patrick Jerg (43). Der Lehrer aus Goldach SG berichtet auf www.brettspielblog.ch regelmässig aus der weiten Welt der Spiele und bespricht Neuheiten. Er weiss: «Viele Produkte verschwinden früher oder später wieder aus dem Sortiment.»

Renaissance der Gesellschaftsspiele

Zum Einsatz kommen die Bretter, Karten und Würfel innerhalb der Familie, mit Freunden und in Vereinen wie jenem in Rheinfelden. Immer öfter treffen sich Spielfreudige aber auch mit wildfremden Gleichgesinnten. Im Raum Zürich kann man sich über die Community-Plattform www.spontacts.com jede Woche mehrmals einer Runde anschliessen.

«Brändi Dog» wird meist in Teams gespielt
«Brändi Dog» wird meist in Teams gespielt

«Brändi Dog» wird meist in Teams gespielt und ist manchmal ganz schön fies. Bis zum Schluss kann sich das Blatt jederzeit wenden.

«Gesellschaftsspiele scheinen ein Revival zu erleben», sagt Friederike Blum von Spontacts, «in Zürich, Bern, Luzern und Basel wachsen die Anzahl Spieler und Treffen jährlich um 30 bis 80 Prozent.» Wer so immer noch nicht genug zum Spielen kommt, misst sich in Turnieren, an denen ganze Tage lang nur «Die Siedler von Catan» gespielt wird oder «Brändi Dog», die meistgespielte Variante von «Dog».

«Dog» ist eine Schweizer Erfolgsgeschichte. Vor über 30 Jahren von Hobbyspielern aus Kanada importiert, hat sich das Spiel zum heuigen «Dog» mit zahlreichen Versionen entwickelt. Die bekannteste ist «Brändi Dog». «Dog» hat einen ähnlichen Spielverlauf wie das gute alte «Eile mit Weile». Wie kaum ein anderes Spiel hat es sich quer durch alle Altersgruppen verbreitet.

Auch in Rheinfelden hat man an diesem Freitagabend die handgearbeiteten Holzelemente und bunten Kugeln von «Brändi Dog» ausgepackt. Susanne V. Pieren (59), Betriebswirtin und leidenschaftliche Spielerin aus Basel, ist gerade an der Reihe und studiert ihre Handkarten, während Spielpartner Markus Mosimann (64) mit den Augen das Spielfeld fixiert und lautlos die Lippen bewegt, um die Felder abzuzählen.

Um 20.25 Uhr sind die ersten fiesen Züge getätigt und einzelne Spielfiguren von vielversprechenden Positionen aus wieder zurück auf Start geschickt worden. Zwischen dem fröhlichen «Du bist dran!» mischt sich jetzt hie und da ein etwas spitzes «Danke, lieb von dir!» oder «Es tut dir leid? Ja? Wirklich?»

Am Village-Tisch ist Kretzschmar, Aussendienstmitarbeiter eines Laborprodukteherstellers, um halb neun immer noch am Erklären: wie man viel Geld scheffelt, erfolgreich reist und vorteilhaft stirbt.

Etwas morbid geht es auch am dritten Tisch zu, wo sich zwei Männer und zwei Frauen konzentriert über die Szenerie von «Colt Express» beugen. Dentalassistentin Anita Graf (34) erläutert gerade, was passieren kann, wenn Schüsse fallen: «Dann kommt alles anders, als man es im Drehbuch geplant hat.» Aus Kartontafeln zusammengesteckte Zugwagen bilden bei «Colt Express» das Zentrum des Geschehens. Darum herum drapiert sind kleine Kakteen, felsiges Gebirge und grüne Männchen.

René Bucciolini (67), pensionierter Chemiker und Klubmitlied der ersten Stunde, freut sich: «Ein schönes Spiel!» Er lege Wert auf ansprechende Optik und Haptik, erklärt er. Um halb neun ist seine Runde so weit: Es steht fest, wer den ersten Spielzug machen darf. Dann werden Wildwestgeschichten durchgespielt – inklusive Überfälle, Geld­kassetten und Edelsteine.

85 000 Spiele sind im Umlauf

«Colt Express» hat letztes Jahr den Titel «Spiel des Jahres» ergattert, die bedeutendste Auszeichnung für Gesellschaftsspiele im deutschsprachigen Raum. Dass ein Spiel gewann, in dem geschossen und geprügelt wird, war eine Premiere in der 36-jährigen Geschichte des Preises.

René und Elvina Bucciolini, Ueli Faigle und Anita Graf
René und Elvina Bucciolini, Ueli Faigle und Anita Graf

Im Wilden Westen: René und Elvina Bucciolini, Ueli Faigle und Anita Graf (im Uhrzeigersinn) spielen «Colt Express».

Die Jury unter der Leitung des Schweizers Tom Felber zeichnet jeweils nur drei Spiele aus, was aber zusammen mit den publizierten Preisanwärtern immerhin ein Minimum an Orientierungshilfe im Dschungel der Spiele darstellt.

Ganze 85 000 Titel listet das Spieleportal www.boardgamegeek.com auf – davon sind allerdings viele nicht mehr im öffentlichen Markt erhältlich. Interessanterweise ver­mögen elektronische Spiele das Wachstum der analogen kaum zu bremsen – eher umgekehrt. So spielt etwa Ralph Kretzschmar hie und da ein Gesellschaftsspiel zuerst in der App-Version. «Das ist praktisch für unterwegs oder zwischendurch», sagt er, «aber für ein richtiges Spielerlebnis ziehe ich die klassische Variante vor.» Szenenkenner Patrick Jerg beobachtet, dass sich elektronische Versionen von Brett- oder Kartenspielen nur in Einzelfällen durchsetzen: «Der Reiz des Brettspiels liegt klar in der Gesellschaft und dem gemeinsamen Erlebnis.»

Gar ein Teamerlebnis bietet «Codenames», das im Juli in Berlin zum aktuellen «Spiel des Jahres» erkoren wurde: Zwei Mannschaften versuchen aus einer Reihe von Kärtchen, Spione zu entlarven, wobei der jeweilige Teamchef mit gezielten Begriffen auf die verdeckten Agenten hinweist. «Escape-Spiele» nennen Hersteller dieses Genre und sehen es als den neuesten Trend in ihrer Branche.

Legendär ist mittlerweile das «Spiel des Jahres» von 1995: «Die Siedler von Catan», ein Strategiespiel, das im Mittelalter angesiedelt ist und in dem Rohstoffe gesammelt sowie Dörfer und Städte gebaut werden. ­Seuchen, Räuber und Hexen machen den Siedlern das Leben schwer – Wassersysteme, Handelskontore und Ritter stärken sie.

«Die Siedler von Catan» ist seit der Preisverleihung in 30 Sprachen übersetzt, in 20 Ländern lanciert und insgesamt 22 Millionen Mal verkauft worden. «Es hat in der ­Neuzeit einen regelrechten Brettspielboom ausgelöst», sagt Spielblogger Patrick Jerg. Heute nennt es sich nur noch «Catan – das Spiel» und hat unzählige Nachahmer bekommen, die sich das Konzept der Aufbaustrategie abgeschaut haben: Ländereien erobern, Siedlungen bauen, handeln, Geld verdienen.

Spieler sprechen eine eigene Sprache

Auch die Spielegilde «Leugene» in Lengnau BE hat regelmässig Strategie- und Abenteuerspiele auf dem Programm. Sie trifft sich zweimal im Monat bei Gastgeber Beat Cantieni (53).

Beat Cantieni, Gründer der Spielegilde «Leugene», lädt zweimal im Monat zum Spielabend.
Beat Cantieni, Gründer der Spielegilde «Leugene», lädt zweimal im Monat zum Spielabend.

Heute lautet das Motto «Südsee/Karibik», und so stapeln sich auf einem Beistelltisch Schachteln, auf denen Namen wie «Bora Bora», «Zanzibar» oder «Naufragos» prangen. Noch bevor die letzten Klubmitglieder eingetroffen sind, haben an Cantienis grossem Esstisch ein paar Spieler die Kärtchen und Figuren von «Vanuatu» vor sich ausgebreitet. Am kleinen Tisch in der Stube vertieft man sich kurz darauf in «Carcassonne Südsee» und sammelt fleissig Bananen, Muscheln und Fische. Zwischen den beiden Spieltischen biegt sich das Buffet fast vor lauter Blöterliwasser, Blätterteiggebäck, Süssigkeiten und Snacks.

«Village» bietet ein schönes Layout und stundenlangen Spielspass
«Village» bietet ein schönes Layout und stundenlangen Spielspass

«Village» bietet ein schönes Layout und stundenlangen Spielspass.

Aber weder «Carcassonne» noch «Vanuatu» hat Zeit für eine Pause. Von beiden Tischen sind Satzfetzen zu vernehmen: «Bin ich dran?», «… muss man oder darf man?» oder «… neun Geld». Spielersprech. Ebenfalls typisch Spieler: Es wird viel gelacht, aber nicht immer ohne Schadenfreude; Anleitungen lesen finden alle ätzend; und jeder behauptet, nicht unbedingt gewinnen zu müssen – ausser Denise Kunz (35), die freimütig zugibt, dass sie gar nicht gern verliert, «etwas, das ich beim Spielen entdeckt habe».

Primarlehrerin Denise Kunz mag Glücksspiele.
Primarlehrerin Denise Kunz mag Glücksspiele.

Die Primarlehrerin liebt Glücksspiele, mag «diese Siedlergeschichten» nicht und stösst seit ein paar Monaten regelmässig zu den Spielrunden bei ihrem Arbeitskollegen Beat Cantieni. Er hat die Gilde vor vier Jahren ins Leben gerufen und besitzt etwa 150 Spiele. Parallel zum Spielebestand wächst auch sein Klub – um zwei bis drei Mitglieder jährlich. Neuester Zuwachs ist Pierre Huguet (49). Er ist Informatiker und vor zwölf Jahren den Brettern, Karten und Figuren verfallen. Seine Frau findet Spielen schrecklich, die zehnjährige Tochter grad so okay. Also reist Huguet zweimal monatlich von Bern nach Lengnau, um mit Gleichgesinnten seiner Leidenschaft zu frönen. Auch er spielt hie und da ein Gesellschaftsspiel wie «Die Siedler» auf elektronischen Geräten. Allerdings findet er: «Allein gegen den Computer ist es nicht so lustig wie gegen echte Menschen.»

Neuere Spiele bleiben länger spannend

Neue Mitspieler sind auch beim Fricktaler Spielclub willkommen, wie Präsident Max Emmenegger (68) während einer Pause betont.

Neue Mitspieler sind immer willkommen: Max Emmenegger, Präsident des Fricktaler Spielclubs
Neue Mitspieler sind immer willkommen: Max Emmenegger, Präsident des Fricktaler Spielclubs

Auch Klubgründer Erich Manz (65) ist heute mit von der Partie. Mit «Monopoly», «Cluedo» und «Focus» habe man damals im August 1985 angefangen, erzählt er. Heute sind es über 100 Schachteln, die, säuberlich nach Spielerzahl geordnet, in den Wandschränken des Lokals lagern. Geändert hat sich auch die Art der Plots: «Bei den neueren Spielen ist lange offen, wer gewinnt», erklärt Vielspieler Kretzschmar, «bis kurz vor Schluss kann sich das Blatt nochmals wenden.»

Er liebt das. Und er ist ein bisschen ungeduldig. Es ist kurz vor halb zehn, und mit «Village» steht man erst in der Hälfte des Spiels. Kretzschmar beendet seine Pause und kehrt zurück in das virtuelle Dorf auf dem Tisch, zu Pferden, Silos und Friedhöfen. 

Autor: Yvette Hettinger

Fotograf: Christian Schnur