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08. April 2013

Geschichtsträchtig Zug fahren

Anfang des 20. Jahrhunderts waren Zugreisen eine revolutionäre und besonders prestigeträchtige Art des Reisens, regelrechte Kreuzfahrten auf Schienen. Sechs besonders geschichtsträchtige Zugstrecken durch spektakuläre Landschaften.

Zugkomposition von PeruRail in Aguas Calientes
Eine Zugkomposition von PeruRail fährt in Aguas Calientes ein, dem Ausgangsort zur Inkastätte Machu Picchu. (Bild Avenue Images)

Als «Big Five der Bahnreisen» gelten diese fünf Langstrecken: Die Transsibirische Eisenbahn verbindet Moskau mit Sibirien, der Wüste Gobi und Peking, der Rovos Rail tuckert 6100 Kilometer von Kapstadt zum tansanischen Regierungssitz Daressalam, der Goldene Ahorn von Toronto nach Vancouver, der Indian Maharaja fährt ab Delhi durch farbige Bundesstaaten Indiens und der Orient Silk Road Express 14 Tage lang auf der seit Marco Polo berühmtesten Handelsroute durch Zentralasien.

Laut André Pellet, Chef von Zermatt Rail Travel, sind in der Schweiz die Transsibirische sowie der Bernina- und der Glacier-Express am beliebtesten. Seine Favoriten: die lokalen Bahnen Indiens und Vietnams. Auf mancher dieser Strecken geht es gemächlich vorwärts. In China aber braucht man für die 2294 Kilometer lange Strecke von Peking nach Guangzhou nur noch knapp acht Stunden. Geplant ist auch ein Schnellzug von China durch Laos, Kambodscha, Thailand bis nach Singapur.

Peru mit Cocablättern und Lamas

Rauchend kämpft sich der Zug von Puno am Titicacasee durch die Anden bis auf 4319 Meter hoch und erreicht nach zehn Stunden die peruanische Stadt Cusco, einst Hauptstadt des Inkareichs. Auf der Strecke durchquert man ein Hochplateau mit weidenden Lamas und karger Vegetation. Während der diversen Stopps verkaufen Frauen in bunten Kleidern Proviant und Souvenirs (Bild oben). Spektakulär ist die frühmorgendliche Fahrt von Cusco durch das Urubambatal (farbenprächtiger Markt in Chinchero) nach Aguas Calientes. Von hier geht es per Bus zu den in der Höhe liegenden Inka-Ruinen von Machu Picchu.
Wer an Höhenkrankheit leidet, sollte einen Cocablätteraufguss trinken, den Willkommenscocktail in den Anden.

Strecken: Puno–Cusco (10 Stunden), Cusco–Aguas Calientes (3 Stunden).
Tipps: Hiram Bingham, der luxuriöse «Orient-Express» genannte Zug von PeruRail mit 84 Sitzen. Eine spektakuläre Alternative ist die Strecke Lima–Huancayo
Infos: www.perurail.com

Afrika mit dem nostalgischen Luxuszug Rovos Rail entdecken

In Südafrikas Hauptstadt Pretoria hat Rovos Rail mit dem Capital Park einen eigenen Bahnhof. Das Gepäck der Reisenden verschwindet schnell in den Zugsuiten, mit einem Glas Schaumwein wird auf die bevorstehende Reise angestossen. Dann bringt eine Dampflokomotive den Zug mit seinen 24 Angestellten in Schwung. Angehängt sind Wagen mit 43 klimatisierten Suiten aus Mahagoni, Teak, Glas und einem Badezimmer mit Dusche, dazu zwei Speisewagen. Fernseher und Radio fehlen bewusst. Dafür lassen sich die Fenster öffnen. Der Fahrtwind erfrischt. Abends wärmt eine Bettflasche.

Strecken: Pretoria–Kapstadt (1600 km/48 h), Pretoria–Durban (54 h), Pretoria–Viktoria-Fälle (55 h), Kapstadt–Daressalam, Tansania, (6100 km/14 Tage) oder Pretoria–Swakopmund, Namibia, (9 Tage).

Preise: Die Suiten sind mind. 7 m2 gross. Ab 1400 Fr. pro Person inkl. Vollpension, Ausflüge und Getränke.

Infos: Der Name des Zugs geht auf dessen Gründer Rohan Vos zurück, www.rovos.com

Von Moskau nach Peking rattern

Die längste Eisenbahnstrecke der Welt von Moskau nach Peking ist für viele ein Kindheitstraum. Wer will, kann die Reise von Europa über Sibirien nach Asien als Rucksacktourist auf eigene Faust erleben. Oder er fährt mit dem Zarengold-Zug. Dieser weist sechs Abteilkategorien auf und bietet viele Reisevarianten zwischen der russischen und der chinesischen Hauptstadt.

Strecke: Moskau–Wladiwostok: 9288 Kilometer mit 400 Bahnhöfen und Brücken über 16 grosse Flüsse.

Dauer: 144 Stunden. Geführte Reisen über die Mongolei bis nach Peking dauern 19 Tage.

Infos: globotrain.ch , www.kiratravel.ch , www.zermatt-rail-travel.ch oder www.transsiberianexpress.net

Bergwänden und Fjorden entlang

Wasserfälle, Bergwände, Höfe, die sich an steilen Hängen festklammern: Nicht ganz unbescheiden behauptet die norwegische Flåmsbahn von sich, zu den «schönsten Eisenbahnstrecken der Welt» zu gehören. Myrdal ist eine Ansiedlung von Häusern im Nirgendwo. Von hier fährt ein klappriger Zug nach Flåm, das idyllisch am Fuss des Aurlandsfjords liegt. Die Eisenbahn ist übrigens auch das ideale Transportmittel für die Anreise ab Oslo.

Strecke: 20 Kilometer von Myrdal (865 m ü.M.) nach Flåm (2 m), Fahrtzeit 60 Minuten, Höchstgeschwindigkeit 40 km/h, acht Haltestellen

Abfahrten: mehrmals täglich

Preise: 62 Fr. (Erwachsene retour)

Informationen: de.visitflam.com/flambahn

Durch Berge und Nationalparks

Der Rocky Mountaineer befährt spektakuläre Bahnstrecken in den kanadischen Provinzen British Columbia und Alberta, bekannt für die Rocky Mountains. Der Luxuszug verkehrt nur bei Tag, auf verschiedenen Strecken zwischen Vancouver und Calgary. Inzwischen seit 22 Jahren in Betrieb, wurde 2008 der millionste Gast begrüsst. Dieses Jahr hält der Zug erstmals auch in Lake Louise am gleichnamigen See und in der Umgebung des populären Banff-Nationalparks.

Reisen: Diverse Arrangements von 1 bis 24 Tage.

Preisbeispiel: Die viertägige Reise «Classic First Passage to the West» von Vancouver nach Lake Louise kostet rund 1000 Franken pro Person inkl. Mahlzeiten und Transfers.

Infos: www.rockymountaineer.com/de

Autor: Reto Wild