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18. November 2013

«Geschichte ist eine Frage der Perspektive»

Der Geschichtsphilosoph Andreas Urs Sommer über Verschwörungstheorien, die Relativität historischer Ereignisse und ein allfälliges «Ende der Geschichte».

Andreas Urs Sommer in der Universitätsbibliothek in Freiburg im Breisgau.
Andreas Urs Sommer in der Universitätsbibliothek in Freiburg im Breisgau.

Andreas Urs Sommer, war die Ermordung von US-Präsident John F. Kennedy vor 50 Jahren ein Ereignis, das die Geschichte verändert hat? Hätten sich die USA mit ihm im Amt anders entwickelt?
Die historische Wirkung des Attentats wird meines Erachtens überschätzt. Sein Nachfolger Johnson hat Kennedys innenpolitische Anliegen ja weitgehend umgesetzt, und ich wage zu bezweifeln, dass den USA mit Kennedy im Amt die Eskalation des Vietnamkriegs erspart geblieben wäre. JFKs Mythos speist sich nicht zuletzt aus seiner frühen Ermordung, dadurch konnte er sein Charisma über den Tod hinaus erhalten. Wie schnell sich ein solches Charisma abschleift, kann man bei Barack Obama sehen – da ist die Euphorie längst der Ernüchterung gewichen. Ähnliches wäre Kennedy vermutlich auch widerfahren.
Dennoch hat das Attentat 1963 die Welt erschüttert und Verschwörungstheorien ausgelöst, die sich bis heute um die Ereignisse in Dallas ranken. Woher kommt die Faszination für diese alternativen Historien, die es ja für einige prominente Grossereignisse gibt?
Verschwörungstheorien können ein an sich sinnloses Ereignis mit Sinn füllen und dabei helfen, sich in einer undurchsichtigen Welt besser zurechtzufinden, weil sie ganz klare Erklärungen bieten. Das Attentat auf Kennedy ist bis heute rätselhaft geblieben – da sind dann plötzlich alle verdächtig, vom Nachfolger Johnson über die unzufriedene Armee und die Geheimdienste, die Mafia, Fidel Castro bis hin zu den Sowjets. Das Attentat war auf jeden Fall ein riesiges Fiasko für die US-Sicherheitsbehörden. Entsprechend gross war das Interesse an Vertuschungen. Zudem laden Verschwörungstheorien Ereignisse auch auf. So entstand die Vorstellung, dass die Welt heute eine ganz andere wäre, wenn Kennedy überlebt hätte. Ein Risiko von Verschwörungstheorien besteht darin, dass man die unleugbaren Zufälligkeiten im geschichtlichen Verlauf wegredet und Notwendigkeiten walten sieht.
Zum Beispiel?
Die christliche Religion. Die Jünger Jesu waren mit der Sinnlosigkeit eines traumatischen Ereignisses, der Kreuzigung, konfrontiert und mussten dieses im Nachhinein für sinnhaft erklären. Dies geschah mittels der Idee, dass es sich bei Jesus um den Sohn Gottes handelt, der mit seinem Tod die Sünden der Welt auf sich genommen hat. Man konstruiert Notwendigkeit, wo der Zufall waltet.
Es gibt ja auch Romane, die sich alternative Geschichtsverläufe vorstellen, zum Beispiel Robert Harris’ «Fatherland», in dem Hitler den Zweiten Weltkrieg gewonnen hat und sich mit den Amerikanern arrangiert. Auch diese Fiktionen faszinieren – weshalb?
Wir empfinden unsere Gegenwart und Zukunft als Raum der Freiheit, auf den wir Einfluss nehmen können. Diese Freiheit verschwindet, sobald unser Handeln Geschichte wird. Aber weil die einzelnen Akteure in der Vergangenheit ebenfalls frei handeln konnten, sind an jedem Punkt der Geschichte Alternativen möglich. Sich auszumalen, wie die Gegenwart aussähe, wenn damals andere Weichen gestellt worden wären, ist ungemein reizvoll. Es ruft zudem in Erinnerung, dass auch in der Gegenwart stets Alternativen möglich sind.

Hätten Kennedy und Chruschtschow auf ihre Militärs gehört, wäre vermutlich ein nuklearer dritter Weltkrieg ausgebrochen.

Gibt es aus Ihrer Sicht historische Ereignisse, bei denen es problemlos auch in eine ganz andere Richtung hätte gehen können?
Absolut. Nehmen wir die Kubakrise 1962: Kennedy und Chruschtschow haben damals massvoll gehandelt. Hätten sie auf ihre Militärs gehört, wäre vermutlich ein nuklearer dritter Weltkrieg ausgebrochen. Auch der Beginn des Ersten Weltkriegs war so ein Moment. Eigentlich wollte gar niemand den Krieg, und er hätte auch genauso gut nicht ausbrechen können. Aber die Protagonisten sassen in einem komplizierten Bündnisgeflecht fest, und niemand hat der Eskalation Einhalt geboten. Möglicherweise hätte sich der Krieg auch nur verzögert – hätte er allerdings gar nicht stattgefunden, hätte das vermutlich auch den Zweiten Weltkrieg verhindert. Die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts würde wohl ganz anders aussehen.
Das klingt zunächst positiv, aber diese beiden Kriege haben ja auch die Demokratisierung Europas herbeigeführt, was sonst vielleicht ausgeblieben wäre.
Dasselbe gilt für die Entkolonialisierung, die nach dem Zweiten Weltkrieg einsetzte. Vielleicht würden wir in Europa heute noch in Monarchien mit Kolonien leben.
Gibt es auch Historiker, die sich ernsthaft mit solchen alternativen Geschichtsverläufen beschäftigen?
Die sogenannte kontrafaktische Geschichtsschreibung gibt es durchaus. Sie dient dazu, die Verengung der historischen Perspektiven aufzuweichen, erinnert also daran, dass sich die Geschichte nicht notwendig so oder so entwickeln musste. Zwangsläufigkeiten sind weder in der Geschichte noch in der Evolution der Menschheit auszumachen.
Geschichte entwickelt sich aus Zufällen?
So weit würde ich nicht gehen. Es gibt Entwicklungen, die andere Entwicklungen unterbinden oder provozieren. So ist es heute nicht mehr möglich, einen Konflikt mit Faustkeilen und Stöcken auszufechten. Das Attentat in Sarajewo, das 1914 den Ersten Weltkrieg auslöste, hätte kaum vergleichbar dramatische Folgen gehabt, wenn die Staaten nicht so hochgerüstet gewesen wären. Es gibt also langfristige Entwicklungen in der Geschichte – die müssen allerdings nicht unumkehrbar sein.
Gibt es Gesetzmässigkeiten? Geht zum Beispiel der technologische Fortschritt zwangsläufig weiter oder könnten wir auch in eine Art Mittelalter zurückgeworfen werden?
So etwas könnte durchaus passieren, und wir kennen ja auch genügend Romane und Filme, die sich mit solchen dystopischen Szenarien beschäftigen. Nach einem Atomkrieg müssten die Menschen ganz von vorne anfangen, falls sie dann überhaupt noch da wären.
Diese fiktionalen Szenarien sind in den letzten Jahren sehr beliebt. Woher kommt das?
Negative Utopien machen uns den Wert der heutigen Zivilisation bewusst. Wir betrachten ja viele unserer Annehmlichkeiten oder Möglichkeiten häufig als selbstverständlich oder gar als Last. Diese Katastrophenszenarien weisen darauf hin, dass es sich lohnt, diese Freiheiten zu erhalten. Und natürlich werden dystopische Fantasien auch politisch eingesetzt, um unser Verhalten zu verändern. Denken Sie etwa an die düsteren Umweltszenarien, vor denen wir pausenlos gewarnt werden.
Zurück zur Frage nach Gesetzmässigkeiten in der Geschichte ...
Es gibt schon seit geraumer Zeit Versuche, so was festzustellen. Eine dieser umstrittenen Gesetzmässigkeitsideen ist der Fortschritt, dass es also bei allen zwischenzeitlichen Rückschlägen eben doch immer ein bisschen vorwärts geht mit der menschlichen Zivilisation. Die Ereignisse im 20. Jahrhundert haben den Glauben an die Geradlinigkeit des Fortschrittsprozesses aber zumindest relativiert.
Sie haben ja bei unserer Umfrage nach den zehn wichtigsten historischen Ereignissen der letzten 100 Jahre nicht mitgemacht, weil «sich die eigentlichen, langfristigen Entwicklungen nicht an Jahreszahlen halten». An was denken Sie dabei?
Zum Beispiel an die Herausbildung der Individualität in Europa. Das ist eine Entwicklung, die sich schon seit mindestens 500 Jahren vollzieht, und sie war weder beabsichtigt noch hat sie irgendwer mal gezielt eingeleitet. Sie verdankt sich wesentlich Neutralisierungsprozessen – exklusive Wahrheitsansprüche unversöhnlicher religiöser Lager haben heute zum Beispiel kaum noch eine Bedeutung. Dank solcher Neutralisierungen tat sich ein Freiraum auf, in dem sich das moderne Individuum einnisten und entfalten konnte. Solche Prozesse vollziehen sich langfristig.
Und wenn wir jetzt mal auf die letzten 100 Jahre fokussieren?
Da spielt die Liberalisierung eine grosse Rolle. So sind homosexuelle Partnerschaften bei uns mittlerweile fast selbstverständlich, und man muss sich auch nicht mehr rechtfertigen, wenn man unverheiratet zusammenlebt und Kinder bekommt. Wichtig sind auch die technologische Entwicklung und die Demokratisierung. All diese Tendenzen halte ich allerdings nicht für unumkehrbar. Es könnte genauso sein, dass sich das autokratische chinesische Modell weiter ausbreitet und langfristig global bestimmend wird. Als Auslandsschweizer fallen mir schon heute die Unterschiede zwischen Deutschland und der Schweiz auf. Mir scheint es nicht sehr demokratisch, wenn sich die politische Teilnahme darauf beschränkt, alle vier Jahre mal einen Bundestagsabgeordneten wählen zu dürfen.

Ein grosses Thema ist sicher die Einschränkung der Freiheit zugunsten der Sicherheit.

Sehen Sie aktuell Entwicklungen am Werk, die in die Zukunft weisen?
Ein grosses Thema ist sicher die Einschränkung der Freiheit zugunsten der Sicherheit. Zwar haben Staaten schon immer der Sicherheit hohe Priorität eingeräumt, aber in letzter Zeit hat das klar zugenommen, deshalb führen wir gerade all die Überwachungsdiskussionen. Interessant ist auch, dass nicht nur der russische Präsident Putin mit Sicherheit argumentiert, US-Präsident Obama und der britische Premierminister Cameron tun es genauso. Wenn man die klassisch-liberalen Ansichten des englischen Philosophen John Stuart Mill aus dem 19. Jahrhundert dagegenhält, ist es um unsere Freiheit prekär bestellt. Mill war nämlich der Ansicht, dass jeder unter allen Bedingungen alles sagen dürfen sollte, was er will. Und das gilt heute keinesfalls. Vieles, was aus Mills Sicht von der Meinungsäusserungsfreiheit gedeckt ist, wird heute kriminalisiert oder ist zumindest gesellschaftlich geächtet. Ein anderes grosses, zukunftsträchtiges Thema ist die Frage, wie weit der Staat für das allgemeine Wohlbefinden und die soziale Sicherheit seiner Bürger verantwortlich ist – das hat ja schon John F. Kennedy umgetrieben. Und in den USA wird darüber derzeit ganz besonders heftig gestritten, aber auch in Europa ist es spätestens seit der Finanzkrise akut, weil plötzlich weniger Geld zur Verfügung steht.
Wie werden künftige Historiker bewerten, was derzeit geschieht in der Welt?
Das hängt von der Perspektive dieser Historiker ab. Nehmen wir an, China bleibe die nächsten 50 Jahre wie es ist, es finde also keine politische Öffnung statt. Dann würde ein chinesischer Historiker 2060 unsere Zeit vermutlich als eine Periode der Dekadenz bewerten, in der die europäische Gesellschaft aus dem Ruder gelaufen ist. Typisch, wird er sagen, dass es in Europa – anders als in China – kein Wachstum mehr gab und so viele ökonomische Krisen. Der politische Führungswille fehlte, kein Wunder also, dass die europäischen Länder im Jahre 2030 implodiert sind. Es kann aber genauso gut sein, dass eine Historikerin des Jahres 2300 unsere Zeit für nicht weiter erwähnenswert halten wird, weil eine viel wichtigere Entwicklung ihre Aufmerksamkeit beansprucht, die wir heute noch gar nicht absehen.
Es ist also alles eine Frage der Perspektive. Und es heisst ja immer, die Geschichte sei von den Siegern geschrieben worden. Gilt das auch für die uns vertraute Geschichte?
Der Mensch ist ein perspektivisches Wesen, das mit jedem Schritt seine Sicht ändern kann. Geschichte muss immer wieder neu geschrieben werden, weil sich immer wieder andere Perspektiven auftun. So gibt es auch immer wieder politische Instrumentalisierungen von Geschichte. Aber man kann die uns vertraute Geschichtsinterpretation nicht einer reinen Siegerperspektive zuordnen. Zunächst mal ist gar nicht immer so klar, wer der Sieger ist. Für einen heidnischen Historiker des zweiten Jahrhunderts waren die Christen eine vernachlässigbare Sekte, die irgendwo an der Peripherie des Römischen Reiches für Unruhe gesorgt hat. Doch das Blatt hat sich gewendet, die scheinbaren Verlierer und Opfer jener Zeit stehen später als Sieger da. Es ist die Aufgabe von Geschichtsschreibung, die Perspektiven der anderen aufzuzeigen. In den letzten Jahrzehnten hat sich diesbezüglich viel getan. Geschichte ist nicht mehr Hofberichterstattung für die jeweils Herrschenden. Wobei das schon in der Antike keineswegs ausschliesslich so war.
Die Geschichtswahrnehmung hat sich schon so flexibilisiert, dass man ihr nicht mehr vorwerfen kann, sie sei zu stark aus der Perspektive weisser, westlicher, christlicher, heterosexueller Männer geschrieben worden?
Richtig, zumindest gilt das für die akademische Geschichtsschreibung, der man gelegentlich sogar vorwirft, dass sie die Minderheitenperspektiven zu stark berücksichtige. Dass Geschichtsbilder immer auch infrage gestellt werden, ist eine weitere Folge der Liberalisierung unserer Gesellschaft.
Macht die perspektivische Relativierung von Geschichte es nicht auch schwieriger, sich auf etwas Gemeinsames, auf Fakten zu einigen?
Ganz klar. Aber nur unter autoritären Regimes, die sicherstellen können, dass nur die eine, quasi «richtige» Geschichte vermittelt wird, ist es möglich, das zu vermeiden. In modernen Gesellschaften muss man stets neu diskutieren und aushandeln, was denn nun wichtig ist und was nicht. Ich beispielsweise finde das Attentat auf John F. Kennedy historisch nicht so bedeutsam, aber andere sehen das ganz anders. Eine Einigung auf ein gemeinsames Geschichtsbild lässt sich nicht mehr herstellen. Einigen kann man sich allenfalls darauf, dass gewisse Ideen nicht mehr akzeptabel sind: Sie können zum Beispiel Geschichte aus nationalsozialistischer Perspektive bei uns heute nicht öffentlich vertreten. Diese Grenze beim erlaubten Spielraum der Geschichtsinterpretationen wird gesellschaftlich-politisch festgelegt.

Es kristallisieren sich aus der Geschichte durchaus gewisse Erkenntnisse.

Sollten wir aus der Geschichte lernen?
Wir können aus ihr keine Muster herauslesen, die uns unmittelbare Handlungsvorgaben geben. Es passieren immer wieder neue Dinge, auf die man auch neu reagieren muss. Allerdings kristallisieren sich aus der Geschichte durchaus gewisse Erkenntnisse. In der Schweiz und Deutschland etwa haben wir gelernt, dass ein nationalsozialistischer Unrechtsstaat keine gute Idee ist und vermieden werden sollte. Einen gewissen pädagogischen Effekt und eine Aufklärungsfunktion hat Geschichte also schon. Es gibt aber Leute, die der Ansicht sind, dass man sich ganz freimachen sollte von Geschichte, um Antworten auf drängende Fragen nicht in der Vergangenheit zu suchen, sondern in der Gegenwart und Zukunft.
Wie relevant ist Geschichte für den Einzelnen? Kann man das eigene Leben und aktuelle Ereignisse besser einordnen, wenn man sich historisch auskennt?
Ich halte historisches Wissen tatsächlich für bereichernd. Man kann sich dadurch besser in die Situation von anderen Menschen versetzen und sich etwa vorstellen, wie es gewesen ist, als Sklavin in den amerikanischen Südstaaten gelebt zu haben. Und vielleicht führt das ja dazu, dass man sich eher dafür einsetzt, Menschen zu helfen, die noch heute unter ähnlichen Bedingungen leben müssen.
Geschichte kann aber auch ein Fluch sein: Es gibt Konflikte, die noch immer virulent sind, weil auch heutige Nachkommen nicht vergessen und verzeihen können. Was braucht es, um sich von der Geschichte zu lösen?
Es steht niemandem zu, den unmittelbaren Opfern geschichtlicher Gewalttaten Vergebung abzuverlangen. Wer in einer solchen Familie aufwächst, bekommt diese Opferrolle als Familientrauma quasi eingeprägt, auch wenn er selbst nicht mehr direkt betroffen ist. Da ist es sehr schwierig, von aussen zu verlangen, es sei jetzt langsam Zeit zu vergessen. Solche Schuldkomplexe können sich hinziehen und das Selbstverständnis bestimmen. Historische Bildung kann mittels Relativierung des eigenen Standpunkts vielleicht darüber hinweghelfen. Sie kann gar zur Erkenntnis führen, dass aktuelles Leid, das sich lindern oder verhindern liesse, mehr Aufmerksamkeit verdient als das Leid längst verstorbener Vorfahren.
Francis Fukuyama rief 1992 nach dem Fall der Sowjetunion das «Ende der Geschichte» aus, im Sinne, dass es nun künftig keine weltpolitischen Widersprüche mehr gebe, sich Liberalismus, Demokratie und Marktwirtschaft durchgesetzt hätten. Das war wohl etwas voreilig, nicht?
Ja, ganz klar (lacht).
Ist ein solches «Ende der Geschichte» vorstellbar? Ist es überhaupt erstrebenswert, keine ideologischen Differenzen mehr zu haben?
Vorstellbar ist das schon, wenn man bedenkt, wie wichtig einst konfessionelle Gegensätze waren und wie irrelevant sie geworden sind. Man kann sich heute über weltanschauliche Grenzen hinweg verständigen, ohne gleich zur Pistole zu greifen. Auf der anderen Seite lassen sich solche Tendenzen vor allem in Europa und Nordamerika beobachten, und ich bin nicht so zuversichtlich, dass wir global eine lineare Entwicklung in diese Richtung erwarten können. Und es stellt sich tatsächlich die Frage, wie wünschbar eine Neutralisierung aller Gegensätze wäre. Wenn es dann nur noch ums Verwalten der Welt ginge und es keine Politik mehr bräuchte, was sollen die Menschen dann überhaupt noch tun? Setzt dann die grosse Langeweile ein, weil man sich an nichts mehr reiben und abarbeiten kann? Diese schöne neue Welt scheint mir nur bedingt erstrebenswert zu sein.

Fotograf: Christian Flierl